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Familiendramen auf der Berlinale: Mensch, redet doch miteinander!

Foto: 23/5 Filmproduktion

Berlinale-Blog Im Schatten von Gitte und Günter

Risse im Reihenhausidyll: Im Familiendrama "Was bleibt", dem zweiten deutschen Wettbewerbsfilm auf der Berlinale, zeigt Hans-Christian Schmid den ermüdenden Elternkomplex gutsituierter Mittdreißiger. Gleiches Thema, aber unterhaltsam gelöst: Billy Bob Thorntons "Jayne Mansfield's Car".

Im Mittelfeld der Berlinale wird es richtig ernst, jetzt kommen die schwierigen Themen auf die Leinwand. Jetzt geht es um Sie. Falls Sie jetzt schon schlechte Laune kriegen, weil der nächste weihnachtliche Wochenendbesuch bei der buckligen Verwandtschaft nur noch zehn Monate hin ist, sollten Sie sich bei nächster Gelegenheit die DVD von "Was bleibt" zulegen. Dann können Sie nämlich schön zu Hause bleiben und das ganze Elend in 85 Minuten auf dem Fernseher abhandeln. Berlinale-Stammgast Hans-Christian Schmid ("Sturm") schildert in seinem Wettbewerbsbeitrag "Was bleibt" die typische Dysfunktionalität einer gutbürgerlichen deutschen Familie, wenn die Kinder zu besonderen Anlässen aus ihren eigenen verpfuschten Leben nach Hause kommen.

Sie kennen das ja wahrscheinlich alle: Mama lädt ein, kocht und macht, freut sich über die Enkel - und keiner will die mühsam errichtete Fassade der Harmonie mit seinen Sorgen und Problemen niederreißen. Also schweigt man sich an oder sitzt am Kaffeetisch und tauscht Belanglosigkeiten aus. Und hinter jedem Familienmitglied sitzt ein dicker, fetter Elefant.

So geht es auch der Familie in "Was bleibt": Der in Berlin lebende Nachwuchsschriftsteller Marko (Lars Eidinger) schnappt sich seinen kleinen Sohn, fährt zum Familienwochenende in einen reichen westdeutschen Vorort und ist wild entschlossen, nichts von seiner gescheiterten Ehe zu erzählen. Sein Bruder Jakob wohnt gleich bei den Eltern nebenan in einem von Papi nobel eingerichteten Haus, hat eine Zahnarztpraxis, in die niemand kommt, und will verheimlichen, dass er sich am Rande des Bankrotts bewegt. Vater Günter (Ernst Stötzner) hat gerade seinen Literaturverlag verkauft und will sich am liebsten mit seiner eigenen Buchidee, seinem Segelboot und seiner langjährigen heimlichen Geliebten vergnügen, wenn da nicht noch Mutter Gitte wäre (Corinna Harfouch), die ausgerechnet jetzt die Antidepressiva abgesetzt hat, die ihr seit 30 Jahren vorgaukeln, das Leben sei erträglich.

Ich will zu Mama, aber Mama ist depressiv!

Ja, da nützen auch das schönste Anwesen, der leckerste Erdbeerkuchen und der schnuckeligste Renault-Oldtimer nichts, den Gitte wie eine Reminiszenz an die wilden Siebziger durch die Reihenhausidylle lenkt: Die Kinder, die statt Mama und Papa lieber kumpelhaft Gitte und Günter sagen, haben es nicht geschafft, den Wohlstand der vorherigen Generation zu toppen - und sind deswegen ganz verwirrt und liebebedürftig. Sie sind so schwächlich und verzagt in ihrem Grübeln über den richtigen Weg durchs Leben, dass sie noch nicht mal so richtig Wut und Ärger aufbringen. Sie wollen sich eigentlich nur bei Mutti in den Schoß kuscheln, aber Mutti ist leider depressiv. Und Vati gibt gerne Geld, will aber ansonsten seine Ruhe haben, er hat die Hölle ja schließlich dreißig Jahre ertragen, da wird man schon mal egoistisch. Natürlich kommt am Ende des Wochenende doch noch alles raus, und Gitte verschwindet spurlos.

"Selbst als sich die Mutter mit ihrer Krankheit aus dem Weg räumt, ändert sich nichts. Es kommt einfach keine Kraft in diese Menschen", sagte Corinna Harfouch auf der Pressekonferenz nach der Filmvorführung am Dienstagmorgen. Und Hauptdarsteller Lars Eidinger ergänzt: "Das geht ganz vielen so zurzeit: Es gibt dieses diffuse Gefühl des Unglücklichseins, obwohl man eigentlich alles hat. Schwierig, darüber einen Film zu drehen".

In der Tat, wie sich an dem leider sehr hölzern und anämisch geratenen "Was bleibt" zeigt. Der Instinkt von Regisseur Schmidt und Drehbuchautor Bernd Lange, der auch schon die Bücher zu Schmids "Requiem" und "Sturm" mitverfasste, ist schon der richtige gewesen: Viel wird momentan über die Orientierungsprobleme der 30- bis 40-Jährigen geredet, die sich auf Augenhöhe mit ihren Eltern sehen und keinen Generationenkonflikt erkennen, an dem sie ihre eigene Persönlichkeit schärfen könnten. So driften sie im Schatten von Gittes und Günters vor sich hin und bleiben erwachsene Kinder.

Das ist ein starkes Motiv, doch leider ist daraus kein guter Film geworden. Denn vielleicht sind die keineswegs existenzbedrohenden Probleme der bürgerlichen Mittelstandskinder einfach zu alltäglich und zu egal, als dass echte Dramatik aufkommen könnte. So schluffig und unentschieden, wie diese Generation junger Männer gerne beschrieben wird, so beliebig erscheinen auch die Probleme in Schmids Film, der dadurch wiederum zur perfekten Zustandsbeschreibung wird. Aber spannend ist das leider nicht.

Am Ende des Films irrt Marko durch den stockfinsteren deutschen Wald, auf der Suche nach seiner Mama. Das immerhin ist ein angemessen starkes Bild, das nicht nur für die Schluffi-Generation zutrifft, sondern immer wieder auch für das deutsche Befindlichkeitskino gültig ist.

Briten in Alabama? Das geht nicht gut!

Wie man eine Generationengeschichte saft- und kraftvoller inszeniert, zeigte Schauspieler und Regisseur Billy Bob Thornton ("Sling Blade") am Montag in seinem Familienepos "Jayne Mansfield's Car". Zugegeben, Thornton, der seine eigene Kindheit verarbeitet, hatte es einfacher als Schmid und Lange, denn seine Story spielt im Alabama des Jahres 1969, einer Zeit also, in der Konflikte zwischen Kindern und Eltern so erbittert wie nie zuvor im 20. Jahrhundert ausgetragen wurden.

Im Zentrum der Handlung steht der Südstaatenpatriarch Jim Caldwell (grandios: Robert Duvall), der an seinen Söhnen verzweifelt: Zwei von ihnen waren im Krieg, der eine (Kevin Bacon) ist darüber zum Hippie geworden und demonstriert gegen den Vietnam-Krieg, der andere (Thornton) ist ein komischer Kauz, der Muscle-Cars sammelt und als in den Fifties stehengebliebener Rock'n'Roll-Dandy durch sein nichtsnutziges Leben traumwandelt. Der Dritte (Robert Patrick) kommt mit gestärktem Hemd, eigenem Geschäft und granitkonservativer Haltung ganz nach dem Papa. Er war aber im Zweiten Weltkrieg nicht an der Front und trägt diese Schmach als miese Laune vor sich her.

Die freigeistige Mutter haute vor Jahrzehnten nach England ab, wo sie neu heiratete. Nach ihrem Tod überführt nun ihre englische Familie den Leichnam in die USA - und es kommt zum hochkomischen Zusammenprall der Kulturen und Generationen. Zum Höhepunkt des Spektakels rennt der alte Caldwell auf LSD durch den Wald und knallt dabei fast seinen britischen, aber ebenso verknöcherten Rivalen Kingsley Bedford (John Hurt) mit einer Jagdflinte ab.

Thornton inszenierte den Stoff als Screwball-Variante von Tennessee Williams' "Katze auf dem heißen Blechdach". Zum ersten Mal in diesem Berlinale-Jahrgang konnten die Festivalbesucher befreit auflachen, denn Thorntons Gespür für Situations- und Tragikomik ist phantastisch: Daddy Caldwell zum Beispiel hegt eine morbide Vorliebe dafür, sich die Blechwracks und frischen Leichen nach Autounfällen anzusehen, laut Thornton etwas, das auch sein eigener Vater gerne tat, der den jungen Billy Bob zu den Crashsites mitnahm.

Thorntons eigener Charakter Skip ist begeistert von Bedfords Tochter Camilla (hinreißend: Frances O'Connor) und überredet sie dazu, vor ihm nackt mit ihrem sexy britischen Akzent zu rezitieren, damit er sich dabei einen runterholen kann. Der dauerbekiffte Carroll schließlich sieht sich am Ende damit konfrontiert, das sein eigener, gerade 18 gewordener Hippie-Sohn freiwillig als Soldat nach Vietnam gehen will, weil er die Bilder von den rauchenden GIs im Busch so cool findet.

So geht der Konflikt um Krieg und seine verschiedenen Versehrungen, um die der Film kreist, in die nächste Generation. Bei aller Humorigkeit, die "Jayne Mansfield's Car" zu einem großen Kinovergnügen macht, geht es hier letztlich um Leben und Tod und eine Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs - schwere Themen, mit leichter Hand umgesetzt. Umso irritierender wirkten dann die bierernsten Bürgerprobleme bei Hans-Christian Schmid am nächsten Morgen. Tiefer klaffte die kulturelle Kluft zwischen amerikanischer und europäischer Kino-Narration selten im Berlinale-Wettbewerb.

Außerdem gesehen:

'L'enfant d'en haut" ("Das Kind von oben"/"Sister"): Französisch-schweizerischer Wettbewerbsbeitrag von Ursula Meier im Sozialrealismus-Stil der Dardennes-Brüder. Ein kleiner Junge, der mit seiner älteren Schwester in einem Sozialbau nahe eines Luxus-Skiorts in den Alpen lebt, klaut den Reichen Skier und Ausrüstung, um zu überleben. Sehenswertes Prekariatsdrama im Schatten des St-Moritz-Glamours. Mit Léa Seydoux als schön-schlampige Schwester, die sich am Ende als Mutter des Kleinen entpuppt.

"The Iron Lady" ("Die eiserne Lady", Berlinale Special): Unentschiedenes Oscar-Vehikel für Meryl Streep, die in Phyllida Lloyds Politikerinnen-Biopic eine altersdemente Margaret Thatcher verkörpert, die auf ihren beschwerlichen Weg ins Amt als erste Premierministerin Englands zurückblickt. Schauspielerisch wertvoll, politisch aber leider unreflektiert.

"Tabu": Portugiesisch-deutscher Kunstfilm von Regisseur Miguel Gomes im Wettbewerb, der leider etwas umständlich eine zum Scheitern verurteilte Liebesgeschichte in Kolonial-Afrika erzählt. Grandiose Schwarzweißoptik und ein paar hübsche Regie-Einfälle machen nicht die schnarchlangweilige erste halbe Stunde des Films wett, die in der heutigen Zeit spielt und mehr Fragen aufwirft, als später beantwortet werden. Garantiert bald im Arte-Nachtprogramm zu sehen.

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