Berlinale-Chef Kosslick im Interview "Es geht auch ohne Hollywood"

Ob "Aviator", "Ray" oder "Hautnah" - die großen Filme aus Hollywood sind auf der Berlinale nicht zu sehen. Festival-Chef Dieter Kosslick, 56, sprach mit SPIEGEL ONLINE über seine neu erwachte Abneigung gegen Star-Rummel und den Mangel an amerikanischen Prestigeproduktionen am Potsdamer Platz.


Berlinale-Chef Kosslick: "Die Leute sollen sich nicht nur für Hollywood-Filme interessieren"
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Berlinale-Chef Kosslick: "Die Leute sollen sich nicht nur für Hollywood-Filme interessieren"

SPIEGEL ONLINE:

Herr Kosslick, am 10. Februar beginnt die Berlinale - aber man könnte meinen, sie sei schon vorbei.

Kosslick: Wie kommen Sie darauf?

SPIEGEL ONLINE: Weil viele der Filme, die man eigentlich im Festivalprogramm erwartet hätte, wie "Aviator", "Ray", "Hautnah", oder "Mathilde", schon während der letzten Wochen in die Kinos gekommen sind.

Kosslick: Ja, das ist sehr schade. Eine Zeitlang hatten wir "Aviator" als Eröffnungsfilm im Gespräch, aber schon bald wurde beiden Seiten klar, dass es wegen der langfristig weltweit geplanten Startdaten nicht möglich sein würde. "Ray" und "Hautnah" hätten sich zweifellos auch gut im Programm gemacht, "Mathilde" war mal als Abschlussfilm vorgesehen. Doch die großen Studios haben sich nun mal entschieden, diese Filme schon vor der Berlinale ins Kino zu bringen.

SPIEGEL ONLINE: Aber warum? Früher galt die Berlinale als ideale Werbeplattform für solche Werke. Ist Ihr Festival nicht mehr gut genug für Hollywoods beste Ware - schließlich wurden "Aviator", "Ray" und "Hautnah" vergangene Woche für diverse Oscars nominiert.

Berlinale-Eröffnung (2004): "Es wird auch dieses Jahr täglich Stars geben"
DDP

Berlinale-Eröffnung (2004): "Es wird auch dieses Jahr täglich Stars geben"

Kosslick: Nominiert ist aber auch der Schauspieler Don Cheadle aus dem diesjährigen Berlinale-Film "Hotel Ruanda", der Berlinale-Special-Film "As it is in Heaven" und nicht zu vergessen der letztjährige Bärengewinner "Maria Full of Grace". Also mal halblang. Aber seit letztem Jahr findet die Oscar-Verleihung in Los Angeles schon Ende Februar statt, also einen Monat früher als sonst, und auch die Nominierungen werden entsprechend eher bekannt gegeben. Das kann sich auf unser Festival in Berlin auswirken. Viele Stars bleiben so kurz vor der Oscar-Verleihung lieber in Los Angeles. Aber ich kann Sie beruhigen: Es wird auch dieses Jahr täglich Stars geben, und auch Oscar-Anwärter kommen nach Berlin.

SPIEGEL ONLINE: Ja, nur nicht zur Berlinale. Leonardo DiCaprio zum Beispiel hat es vorgezogen, schon Anfang Januar in Berlin für den "Aviator" zu werben.

Kosslick: Weil er im Februar mit den Dreharbeiten für den nächsten Film beginnt. Vielleicht wäre er trotzdem zur Berlinale gekommen, aber dieses Risiko wollte ich nicht eingehen. Bei Clint Eastwood war es ähnlich. Wir hätten gern sein neues Werk "Million Dollar Baby" gezeigt. Allerdings konnte uns niemand garantieren, dass Eastwood auch wirklich in Berlin auftaucht. Wenn er es nicht tut, fehlen auf einen Schlag Hauptdarsteller, Regisseur, Produzent und Komponist - das macht Eastwood nämlich alles selbst.

Berlinale-Gast Charlize Theron (2004): "Letztlich geht es darum, was der Vermarktung eines Films am meisten nützt"
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SPIEGEL ONLINE: Schon im vergangenen Jahr mussten Sie zum Berlinale-Auftakt fast allein über den roten Teppich laufen - ohne die Stars des Eröffnungsfilms, Nicole Kidman und Jude Law. Wird das diesmal anders sein?

Kosslick: Das kann ich Ihnen garantieren. Manche Leute glauben ja tatsächlich, Nicole Kidman käme zur Berlinale, weil ich sie vorher angerufen habe. Das ist natürlich sehr schmeichelhaft für mich, und meine Mutter liest solche Geschichten auch sehr gern. Aber so ist das Leben nur selten. Letztlich geht es darum, was der Vermarktung eines Films am meisten nützt.

SPIEGEL ONLINE: Für diese Vermarktung scheint die Berlinale offenbar keine große Rolle mehr zu spielen.

Kosslick: Ach, wissen Sie: Mein Vorgänger Moritz de Hadeln hat oft große amerikanische Filme gezeigt, die dann eine Woche nach dem Festival ins Kino kamen - und dafür immer wieder Prügel bezogen, weil man ihm vorwarf, er lasse die Berlinale zu Hollywoods Abschussrampe verkommen. Bei mir laufen jetzt einige Filme zwei Wochen vorher an - und nun soll ich der Doofe sein. Ich bin da cool. Wir reden hier über nicht mal zehn der nahezu 400 Festivalfilme. Aber wenn diese Entwicklung so weitergeht, werden wir eben etwas ändern.

SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel den Termin?

Kosslick: Ja, vielleicht sollte die Berlinale tatsächlich schon im Januar stattfinden - unmittelbar nach dem amerikanischen Sundance Festival.

SPIEGEL ONLINE: Sie denken also ernsthaft darüber nach, die Berlinale vorzuverlegen?

Kosslick: Wenn man so einen Riesendampfer steuert wie ich, muss man über alles nachdenken. Aber nun warten wir erstmal die nächsten zwei Jahre ab.

Jeunet-Film "Mathilde" (mit Audrey Tautou): "Mal als Abschlussfilm vorgesehen"
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SPIEGEL ONLINE: Verlieren die Festivals als Präsentationsplattform für US-Filme nicht ohnehin immer mehr an Bedeutung - weil Hollywood gute Kritiken und Jury-Preise angesichts seiner gigantischen Marketing-Maschinerie ziemlich egal sind?

Kosslick: Nein, alle großen US-Filmstudios werden auf dieser Berlinale vertreten sein. Und außerdem: Es gibt auch ein Leben neben Hollywood. Man kann ein Festival doch nicht auf einen bloßen Star-Auftrieb reduzieren. Es ist auf die Dauer öde, 3700 Journalisten die Frage beantworten zu müssen, wer kommt und wer nicht. Und wenn dann ein europäischer Star kommt, erkennen die den nicht mal. Dafür wird ganz locker mal Robin Williams mit Robbie Williams verwechselt. Oder da wird gefragt: "Kommt George Clooney?" - "Nein, denn er hat gar keinen neuen Film." - "Egal, wir wollen ihn trotzdem."

SPIEGEL ONLINE: Aber sind Sie an diesem Star-Rummel nicht selbst Schuld? Seit Ihrem Amtsantritt vor vier Jahren haben Sie doch massiv Hollywood-Prominenz nach Berlin geholt und den Glamour-Faktor der Berlinale ganz bewusst erhöht.

Kosslick: Die guten Geister, die ich rief, will ich nicht mehr loswerden, solange ich hier Chef bin. Aber wir hatten schon die Idee, dass wir in diesem Jahr auf dem roten Teppich Flugblätter verteilen, auf denen steht: "Das ist ein taiwanesischer Film." Oder: "Das ist eine Produktion aus Nordrhein-Westfalen." Gegen dieses Bildungs-Desaster muss etwas getan werden: Die Leute sollen sich nicht nur für Hollywood-Filme interessieren, sondern auch für das andere Weltkino.

SPIEGEL ONLINE: Werden Sie also in Zukunft auf Hollywood-Filme verzichten?

Wettbewerbsfilm "Hotel Ruanda" (mit Don Cheadle, r.): "Wir stellen uns auf die Seite der starken Filme"
REUTERS

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Kosslick: Nein. Ich bin schon traurig, wenn uns eines dieser Riesenbabys aus Hollywood aus den Händen gleitet. Aber womöglich werden wir uns unabhängiger machen müssen. Wenn die Oscar-Verleihung im nächsten Jahr wieder eine Woche später stattfindet und wir unser Festival eine Woche vorziehen, sieht die Welt schon wieder ganz anders aus. Doch in jedem Fall wird die Berlinale auch in eine andere Richtung gehen.

SPIEGEL ONLINE: In welche?

Kosslick: Wir werden den Zuschauern häufiger jene Teile unserer Wirklichkeit zeigen, vor denen sie normalerweise die Augen verschließen. Es gibt in diesem Jahr bei uns einen Film über Kindersoldaten in Uganda zu sehen, der so hart ist, dass ich ihn kein zweites Mal anschauen möchte. Und dennoch bin ich froh, dass er läuft und das Publikum erfährt, wie systematisch diese Kinder zum Morden und Foltern ausgebildet werden. Und ich weiß nicht, wie die Zuschauer auf den Spielfilm "Paradise Now" über Selbstmord-Attentäter in Palästina reagieren werden, den wir ins Programm genommen haben. Das Berlinale-Kino soll uns nicht nur eine schönere Welt und Glamour zeigen, sondern uns auch die falschen Illusionen über unsere eigene Wirklichkeit rauben.

SPIEGEL ONLINE: Wird die Kluft zwischen Filmen wie diesen Werken, die womöglich nie den Weg ins Kino schaffen, und den von massivem Werbeaufwand begleiteten Oscar-Kandidaten immer größer?

Kosslick: "Hotel Ruanda", der vom größten Völkermord des letzten Vierteljahrhunderts handelt, ist auch für den Oscar nominiert - und wir zeigen ihn. Aber es stimmt, es gibt im Kino mehrere Parallelwelten, und die Aufgabe eines Festivals wie der Berlinale ist es, Brücken zwischen diesen Welten zu bauen und einen Standpunkt einnehmen. Wir jedenfalls stellen uns auf die Seite der starken Filme, die sich auf die Seite der Schwachen dieser Welt stellen.

Das Interview führten Lars-Olav Beier und Martin Wolf

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