Deutsche Filme auf der Berlinale Die Lebenslügen eines Schauspielers

Die Berlinale besitzt wegen Corona zurzeit wenig Glamour. Das deutsche Kino funkelt im Wettbewerb des Festivals dafür, mit Filmen von Maria Schrader, Dominik Graf – und dem Regiedebüt von Daniel Brühl.
Daniel Brühl in seinem eigenen Film: Ähnlichkeit mit einer realen Person

Daniel Brühl in seinem eigenen Film: Ähnlichkeit mit einer realen Person

Foto:

Reiner Bajo / Berlinale

»Ich bin dein Mensch« von Maria Schrader: Wenn der »Blade Runner« dir ein Schaumbad einlässt

Szene aus »Ich bin dein Mensch« mit Maren Eggert und Dan Stevens

Szene aus »Ich bin dein Mensch« mit Maren Eggert und Dan Stevens

Foto: Christine Fenzl / Christine Fenzl / Berlinale

»93 Prozent der deutschen Frauen träumen davon«, sagt Tom zu Alma, als er ihr ein mit Kerzen umstelltes Schaumbad präsentiert, um das herum er noch Rosenblätter gestreut hat. »Rate mal, zu welchen Prozent ich gehöre!«, antwortet Alma. Eigentlich sollte der Android Tom schon ziemlich gut auf die Bedürfnisse der Archäologin eingestellt sein, aber die dreiwöchige Probephase, in der der Roboter bei der alleinstehenden Mittvierzigerin einzieht, ist ja gerade dazu da, solche glitches auszubügeln. Nach einer Erzählung von Emma Braslavsky spürt Maria Schrader in ihrer dritten Kinoarbeit »Ich bin dein Mensch« nach, ob Liebe und Algorithmen wirklich zusammengehen oder wir uns lediglich eine Version unseres Selbst zusammenrechnen lassen, vor der uns insgeheim graut. Mit unangestrengter Präzision navigiert sich Schrader durch ein Motivfeld, das sowohl durch romantische Komödien als auch Science-Fiction-Filme schon kleinteilig abgesteckt ist, und findet einen Weg, von Mensch und Maschine als herzerweichendem odd couple zu erzählen. Ein »Blade Runner« fürs Parship-Zeitalter macht das aus »Ich bin dein Mensch« nicht, dafür wagt der Film den einen Schritt ins Ungewisse dann doch nicht. Aber die feinen Dialoge (Drehbuch: Schrader und Jan Schomburg) und das tolle Ensemble, angeführt von Dan Stevens und Maren Eggert, dürften die Träume von 74 Prozent aller Kinogänger*innen erfüllen. Hannah Pilarczyk

»Nebenan« von Daniel Brühl: Selbstgespräch

Szene aus »Nebenan« mit Daniel Brühl und Peter Kurth (v.l.)

Szene aus »Nebenan« mit Daniel Brühl und Peter Kurth (v.l.)

Foto: Reiner Bajo / Reiner Bajo / Berlinale

Ähnlichkeit mit einer realen Person ist nicht ausgeschlossen in »Nebenan«, dem Regiedebüt von Daniel Brühl. In seiner deutschen Heimat wird der 42-Jährige immer noch gern auf den Bubi aus »Good Bye, Lenin!« reduziert, seit »Rush« und seinen Auftritten als Superschurke Baron Zemo im Marvel-Spektakel »Civil War« sowie demnächst in der Serie »Falcon and The Winter Soldier« steht er jedoch schon lange auf der Schwelle zum internationalen Kinostar. Eine Superheldenrolle steht auch dem Schauspieler Daniel (Brühl) in »Nebenan« in Aussicht, der sich in seinem lichten Prenzlauer-Berg-Dachgeschoss auf ein wichtiges Casting in London vorbereitet. Wie Brühl diese wohl auch um seine eigenen Ego-Befindlichkeiten als deutscher Star kreisende Figur spielt, flatternd zwischen narzisstischer Nervosität und selbstgewisser Eitelkeit, ist sympathisch furchtlos und amüsant genug, dem Film ein paar Untiefen zu verzeihen. Das Drehbuch, das Bestsellerautor Daniel Kehlmann nach einer Idee von Brühl schrieb, schickt ihn dann geradewegs in die Psychohölle einer gilben Berliner Eckkneipe, wo sich Daniel vor dem Abflug noch kurz sammeln will. Dort sitzt der ostdeutsche Kiez-Ureinwohner Bruno (Bühnenberserker Peter Kurth), der sich nicht nur als sehr aufmerksam beobachtender Nachbar Daniels, sondern auch bald als dessen Nemesis offenbart. In einem Kammerspiel nach Hitchcock-Manier seziert Bruno die Lebenslügen des Schauspielers, bis dessen mühsam vor dem Toilettenspiegel arrangiertes Image in Scherben vor dem Kinozuschauer ausgebreitet wird. Ein starkes Selbstgespräch. Andreas Borcholte

»Fabian oder Der Gang vor die Hunde« von Dominik Graf: Atmosphärisches Kunststück

Tom Schilling in »Fabian oder Der Gang vor die Hunde«

Tom Schilling in »Fabian oder Der Gang vor die Hunde«

Foto: Hanno Lentz / Lupa Film / Berlinale

In seinen schönsten Momenten hat dieser Berlin-Film von Dominik Graf die Leichtigkeit von François Truffauts Klassiker »Jules und Jim«. Etwa wenn der Großbürgersohn Labude (Albrecht Schuch) an einem magischen Nachmittag im Garten einer Villa vor den Toren der Stadt verkündet, dass er sich die Schauspielerin Cornelia (Saskia Rosendahl) zur Gefährtin wünscht, wenn sie eines Tages nicht mehr mit seinem Schriftstellerfreund Fabian (Tom Schilling) zusammen sei. Worauf sich die Frau erschrocken beeilt, das Hirngespinst eines Liebesdreiecks mit einem Scherz zu verjagen.

Er wolle »die Zeit, die Liebe, den Verlust erzählen«, hat der Regisseur Graf über »Fabian oder Der Gang vor die Hunde« gesagt. Seine Verfilmung von Erich Kästners berühmtem und wegen seiner Handlungsarmut auch ein wenig berüchtigtem Dreißigerjahre-Roman ist ein atmosphärisches Kunststück. Elegant und nahezu selbstverständlich führt der Film die Bilder einer Großstadtwelt von heute und die des Wirtschaftskrisen-Berlins von 1931 zusammen. Dokumentarische Schwarz-Weiß-Aufnahmen, glamouröse Nachtklubszenen wie aus »Babylon Berlin«, Büropalaver in der Zigarettenfabrik, in der der Titelheld seinen ungeliebten Job als Werbetexter versieht: Das alles dient hier nicht einer Geschichtslektion, sondern einem über kurzweilige drei Stunden bewundernswert konzentriert erzählten Künstler-, Freundschafts- und Liebesdrama.

Dieser »Fabian«, in dem die an den ökonomischen Verhältnissen scheiternde Mietwohnungsromanze zwischen Schillings Fabian und Rosendahls Cornelia vielen Menschen ans Herz gehen dürfte, ist nicht zuletzt wegen der vielen tollen Darsteller ein Glück. Zugleich ist der mit einem eher schmalen Budget entstandene Film ein Triumph des Eigensinns des Fernseh- und Filmregisseurs Dominik Graf. Er zeigt hier, wie unbekümmert und trotzig er großen Kinostoff aufzuspüren versteht – im, wie es bei Kästner heißt, »Steinhaufen« der Hauptstadt und im Müllhaufen der deutschen Geschichte. Wolfgang Höbel