Berlinale Der Berlinalist

Regisseur Jochen Hick stellt seit Jahren seine Filme auf den Berliner Festspielen vor - eine unbezahlbare Starthilfe für den Kinoerfolg. Was also, wenn seine neue Dokumentation abgelehnt würde? Ein Tagebuch zwischen Hoffen und Bangen, von einer Berlinale zur nächsten.
Von Jochen Hick

11. 2. 2008: WELTPREMIERE IN BERLIN

Endlich ist es so weit: Gut zwanzig Monate nach dem ersten Drehtag feiert mein neuer Film "East/West - Sex & Politics" um 20 Uhr Weltpremiere in Berlin, eine Dokumentation über die Versuche einer russischen Aktivistengruppe, in Moskau eine große Schwulenparade zu organisieren. Mein sechster langer Film, der auf der Berlinale läuft, wie immer in der Panorama-Sektion. Die wird von Wieland Speck geleitet, der dafür sorgt, dass auch kleine, unabhängige Produktionen eine Plattform bekommen. Nirgendwo sonst könnte ich bei der Präsentation meiner Filme auch international mit so viel Aufmerksamkeit rechnen.

Die übliche Festivalstimmung liegt über der Stadt, der Saal im Cinestar am Potsdamer Platz ist ausverkauft, etwa 350 Leute werden sich den Film anschauen. Ich hoffe, die haben kein Problem mit Untertiteln, denn viele Dialoge sind auf Russisch. Ich bin etwas nervös, denn der Hauptprotagonist des Films, Nikolai Alexejew, hat den Film noch nicht gesehen und muss nach der Vorführung mit mir auf die Bühne, um sich den Fragen des Publikums zu stellen. Er könnte natürlich sagen: "Ich sehe mich ganz anders." Da hilft es wenig, dass wir gegen Ende der Produktion ein eher gespanntes Verhältnis hatten.

12. 2. 2008: DER TAG DANACH

Ich habe mich sehr gefreut, dass Nikolai den Film vor versammeltem Publikum gestern doch sehr gelobt hat. Nach der Premiere ging es dann mit ihm und anderen Gästen zur Filmparty ins "Gnadenbrot" in Schöneberg. Dort habe ich Nikolai auch den Protagonisten meines nächsten Dokumentarfilms "The Good American" vorgestellt, der hoffentlich nächstes Jahr auf der Berlinale laufen wird. Er soll den ehemaligen Politikstudenten, Callboy und mittlerweile erfolgreichen Partymacher Tom Weise porträtieren. Die beiden schienen sich leider gar nicht zu mögen.

Sonst war es ein eher ruhiger Empfang, das Feedback der russischen Gäste konnte ich nicht immer einordnen. Ausgerechnet mein Sandkasten- und Jugendfreund Andres Veiel, selbst Regisseur ("Black Box BRD"), fand "East/West" anscheinend eindrücklicher als meine anderen Filme. Das fand ich gut, dachte aber auch: Klar, hier war ja auch nicht so viel nackte Männerhaut drin, das kommt zarten heterosexuellen Männergefühlen immer entgegen. Richtig sacken lassen kann ich die Eindrücke heute nicht, denn am Nachmittag bin ich schon wieder bei der nächsten Vorführung des Films dabei. In den nächsten Tagen heißt es: Gespräche führen, Koordinatoren anderer Festivals ansprechen, vielleicht findet sich für "East/West" ja ein verlässlicher Weltvertrieb.

15. 2. 2008: EINER DER LETZTEN BERLINALE-TAGE

Die Teddy Awards werden verliehen, die schwul-lesbischen Preise des Festivals. Das ist immer eine sehr charmante Veranstaltung. Meine Filme haben zugegebenermaßen oft einen schwulen Zugang, insofern ist es gut, dass schwul-lesbischen Themen auf der Berlinale als einzigem der A-Festivals zumindest ein gewisser Platz eingeräumt wird. Die Verleihung ist diesmal nicht zu lang. Die Schauspielerin Tilda Swinton ist da, und ich werde von einigen Festivalmachern, Presseleuten und Kinomachern angesprochen, die meinen Film sehr mochten. Ich ahne aber, dass es keinen Preis geben wird. 2003 hatte ich für meinen Film "Ich kenn keinen! - Allein unter Heteros" einen Teddy gewonnen, was für die Kinoauswertung in Deutschland sehr hilfreich war.

27. 2. 2008: NACHDREH FÜR "THE GOOD AMERICAN"

Eigentlich wollte ich "The Good American" schon für diese Berlinale einreichen, aber ein Cutter sprang ab, ein weiterer stand nicht rechtzeitig zur Verfügung, und so wurde der Film nicht fertig, obwohl ich eigentlich schon genug Material mit dem Protagonisten Tom Weise gedreht hatte, in Las Vegas, New York und Berlin. Damit der Film für 2009 aktuell genug ist, drehen wir weiter. Heute heiratet Tom seinen Partner Keith im Schöneberger Rathaus, für mich ein Höhepunkt der Geschichte. Ein kurzer Dreh, nur drei Stunden etwa. Wir mussten eine Drehgenehmigung besorgen, die hat der Amtsleiter erst abgelehnt. Er wollte nicht einmal darüber sprechen. Die Berliner Behörden sind unergründlich. Irgendwie hat es dann doch funktioniert, und wir drehen mit einer sehr filmogenen Standesbeamtin.

März bis August 2008

März, April, Mai: KLEINE FESTIVALS

"East/West" läuft auf anderen kleinen Festivals, zum Beispiel in London, Brüssel, Hamburg und Zürich. Später dann auch in Uruguay, Südafrika und Brasilien. Einen Kino-Starttermin für Deutschland gibt es noch nicht. Der Spätsommer war oft eine willkommene Lücke für kleine Filme, heute aber ist jede Woche voll mit großen Starts, darunter auch mehr Dokumentationen als früher.

Ich spreche mit potentiellen Verleihern, werde es aber am Ende im Eigenverleih machen, womit ich schon mehrfach gute Erfahrungen gemacht habe. Der Film erscheint manchen Verleihern nicht lukrativ genug - was angesichts der Kinolandschaft niemandem zu verdenken ist. Enttäuschend: Nachdem ich über 20 Monate mit Redakteuren verhandelt habe, kauft der Fernsehsender Arte den Film nicht an.

25. 5. 2008: ZWEITER NACHDREH FÜR "THE GOOD AMERICAN" IN HANNOVER

Tom besucht das Haus, in dem er aufgewachsen ist. Da gibt es große Hunde und nicht sehr einladend wirkende Nachbarn, Deutschlandflaggen an den Autos. Es regnet. Toms Partner Keith bleibt gleich im Wagen sitzen und will nicht raus. Tom möchte seine Eltern nach fünfzehn Jahren doch nicht wiedersehen, auch wenn er dies zu Beginn des Film noch selbst vorgeschlagen hatte. Wir besuchen stattdessen eine ehemalige Nachbarin, doch sie kann sich nicht mehr wirklich an ihn erinnern. Ich bin mir nicht sicher, ob mein Schnittkonzept und die geplante Dramaturgie wirklich noch gültig sind.

Juli 2008: SUCHE NACH EINEM CUTTER

Ich brauche jemanden für den Filmschnitt, aber die Leute, mit denen ich gern arbeiten würde, stecken in anderen Projekten fest oder werden zu spät frei. Auf eine Anzeige melden sich relativ viele Interessenten, aber es ist vorab schwierig einzuschätzen, welchem Cutter das Material und die Geschichte wirklich liegen.

25. 8. 2008: SCHNITTBEGINN FÜR "THE GOOD AMERICAN"

Im Schneideraum in der Hauptstraße in Schöneberg. Mit dem neuen Cutter Thomas Keller hatte ich vorher noch nicht zusammengearbeitet. Ein Sprung ins kalte Wasser. Er muss sich erst einmal durch etwa hundert Stunden Material kämpfen.

September bis November 2008

20. 9. 2008: DER ERSTE SCHNITT

Ausgerechnet der erste kleine Teil, den Thomas geschnitten hat, gefällt mir gar nicht. Nach einem längeren Gespräch einigen wir uns auf eine andere Richtung, und danach gibt es fast jeden Tag eine neue Szene zu sehen, mit beachtlicher Geschwindigkeit und Treffsicherheit. Es läuft unhysterischer als bei anderen Projekten, da gab es zuweilen viel Emotion und Krise im Schneideraum, besonders gegen Ende. An so ein relativ entspanntes Zusammenarbeiten könnte ich mich gewöhnen.

31. 10. 2008: BEWERBUNGSSCHLUSS FÜR DIE BERLINALE 2009

Ich melde "The Good American" an, das geht heutzutage online. Die Anzahl der gewünschten Informationen ist überschaubar. Manches kleine Festival quält die Leute, die Filme einreichen, mit der Frage nach unzähligen Details. Und verlangt teilweise Hunderte Dollar, um überhaupt eine Anmeldung zu akzeptieren. Bei der Berlinale kostet es 125 Euro, zahlen kann man per Kreditkarte. Wenn einen das Festival selbst zur Sichtung einlädt, kostet es nichts. Was mich aber gerade viel mehr beschäftigt: Morgen ist Sendestart des Fernsehsenders Timm, bei dem ich Chefredakteur bin. Freue mich auf viele Arbeitstage bis weit nach Mitternacht.

15. 11. 2008: DER FILM MUSS ZUM SICHTEN EINGEREICHT WERDEN

Wir haben rechtzeitig eine vorläufige Fassung fertigbekommen und arbeiten weiter am Schnitt. Jetzt bleibt nur noch das Warten auf die Zu- oder Absage. Ich organisiere erste Testvorführungen und werte das Feedback mit meiner langjährigen Mitarbeiterin Karin Wallenczus aus. Mein erster langer Film "Via Appia" hat es 1989 nicht auf die Berlinale geschafft, weswegen ich ziemlich zerknirscht war. War aber auch kein Weltuntergang. Er lief dann auf dem Max-Ophüls-Festival in Saarbrücken und danach sogar in einigen Multiplexkinos in den USA, samt sehr guter Kritiken von "New York Times" bis "L.A. Times". Darauf bin ich durchaus stolz.

27. 11. 2008: OFFIZIELLER KINOSTART VON "EAST/WEST"

Es gibt ein erstaunliches Presseecho, aber er läuft nur in 14 Kinos bundesweit. Viel ist das nicht, aber es ist auch keine gute Zeit für kleinere Filme. Ich arbeite oft ohne große Filmförderung oder irgendwelches Geld von Fernsehsendern. Umso wichtiger ist es für mich, dass meine Filme auf der Berlinale gezeigt werden, obwohl sie als hartes Festival mit viel Konkurrenz gilt.

Dezember 2008/Januar 2009

WARTEN, WARTEN, WARTEN

Kein freier Tag. Schneiden auch an Silvester und Neujahr. Es wäre fatal, wenn "The Good American" nicht angenommen werden sollte. Der Film wäre dann wohl tot. Das will ich mir gar nicht vorstellen, bei all der Zeit und dem Geld, das ich investiert habe. Es muss einfach klappen. Die nächsten großen internationalen Festivals, bei denen vielleicht Chancen hätte, finden erst im August und September statt, in Montreal und Toronto, und das wäre dann wirklich zu spät. Langzeitbeobachtung hin oder her, irgendwann muss man das Ding ja auch herausbringen.

7. 1. 2009: PRESSEMITTEILUNG

Per Pressemitteilung kündigt das Berlinale-Büro die ersten 21 Filme von insgesamt 50 Beiträgen für das Panorama-Programm an. "The Good American" ist nicht dabei. Kein gutes Gefühl, in weniger als einem Monat geht das Festival los. In mir wächst die Sorge, doch ich versuche, optimistisch zu bleiben. Viele Filme werden erst drei Wochen vor Festivalbeginn eingeladen.

13. 1. 2009, 22.27 Uhr: DAS PANORAMA-BÜRO RUFT AN

Anruf auf dem Handy, es ist Arndt Roeskens aus dem Panorama-Büro. Der Tonfall seiner Stimme lässt es schon erahnen: "The Good American" hat es geschafft. Ich freue mich riesig, aber viel Zeit zu feiern bleibt nicht, das Büro hätte gern noch in dieser Nacht eine schriftliche Zusammenfassung der Handlung und die Creditlisten. Ich rufe die engsten Beteiligten an.

14. 1. 2009: E-MAIL

Per E-Mail erfahre ich ungewöhnlich zügig den Premierentermin: am 9. Februar um 17 Uhr. Finde ich gut. Spätabends haben es Dokumentarfilme immer schwerer, da sind die Leute müde und haben Hunger. Am Nachmittag und in der ersten Festivalhälfte sind sie noch einigermaßen frisch. Meine erste Dokumentation auf der Berlinale startete 1995 wegen Verzögerungen erst um 0.50 Uhr. Das ist niemandem zu wünschen.

19. 1. 2009: TONMISCHUNG

Das Wochenende verbringe ich mit der Tonmischung des Films. Wir versuchen hochkonzentriert zu arbeiten, trotz völliger Übermüdung. Meine Arbeitstage sind 17 oder 18 Stunden lang. Ab Januar habe ich immer den Eindruck, die schlafen überhaupt nicht mehr im Panorama-Büro. Man bekommt manchmal um 3.30 Uhr früh eine Mail, in der sie um ein Bild in einer bestimmten Auflösung bitten. Ich kann die Premiere kaum erwarten, denn alles vorher ist der pure Stress. Die Untertitelung muss gemacht werden, die Mischung, die Texte für den Katalog, Fotos, letzte minimale Schnittänderungen, die Musikrechte müssen endgültig geklärt werden, der Abspann will kontrolliert sein, damit man nichts und niemanden falsch geschrieben oder gar vergessen hat. Dazu kommen Presse und Vertriebsarbeit, es fehlen Grafiken, Poster und Flyer. Am 24. Januar muss ich auch noch für neun Tage in die USA. Dreharbeiten auf einem Kreuzfahrtschiff, ließ sich nicht mehr verschieben. Das wird aber was fürs Fernsehen, nicht für die Berlinale. Es muss ja noch andere Dinge im Leben geben.


Das Tagebuch geht weiter. Jochen Hick berichtet am 10.2. auf www.spiegel.de, wie die Berlinale-Premiere von "The Good American" gelaufen ist.

The Good American: Weltpremiere auf der Berlinale am 9.2., 17 Uhr. Weitere Vorführungen am 11. und 12.2.

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