Antisemitismusvorwürfe gegen Filmfestival Eklat bei der Berlinale-Gala – wer hat was gesagt?
Jurymitglied Véréna Paravel mit »Waffenstillstand jetzt!«-Zettel am Rücken bei der Berlinale-Abschlussgala
Foto: Monika Skolimowska / dpaNach der Berlinale-Preisverleihung am Samstagabend sind nach Statements zum Israel-Gaza-Krieg Antisemitismusvorwürfe geäußert worden. Israels Botschafter Ron Prosor kritisierte die »deutsche Kulturszene« scharf.
Was wurde bei der Bären-Gala gesagt und getan?
Der US-amerikanische Experimentalfilmer Ben Russell (»Direct Action«) ging bei der Veranstaltung mit einem Palästinensertuch auf die Bühne und äußerte Genozid-Vorwürfe wegen des israelischen Vorgehens im Gazastreifen. Dabei wurde vom Publikum applaudiert.
Wenn man Israel einen Genozid vorwirft, also die gezielte und planmäßige Verfolgung und Ermordung einer Bevölkerungsgruppe, wird einem auf der #Berlinale-Preisverleihung nicht widersprochen – man wird dort für diese bösartige und falsche Anschuldigung bejubelt.
— Frederik Schindler (@FreSchindler) February 24, 2024
»Und natürlich… pic.twitter.com/TSedfZRZ3t
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Vorwürfe gab es auch gegen den palästinensischen Filmemacher Basel Adra (»No Other Land«). Adra forderte in seiner Dankesrede Deutschland auf, keine Waffen mehr an Israel zu liefern. Sein israelischer Kollege Yuval Abraham rief zu einem Waffenstillstand und einem Ende der Besatzung auf.
Auf der Bühne trugen mehrere Personen an ihrer Kleidung Zettel mit der Aufschrift »Ceasefire now« (»Waffenstillstand jetzt!«), unter anderem die französische Filmemacherin Véréna Paravel – sie war Jurorin im Dokumentarfilmwettbewerb.
Der Terrorangriff der Hamas auf Israel vom 7. Oktober wurde von der Preisträgerinnen und Preisträgern nicht erwähnt.
Wie verhielt sich die Berlinale-Leitung?
Zu Beginn der Gala hatte die Co-Chefin der Berlinale, Mariette Rissenbeek, deutlich gemacht, dass es für »Hetze, Antisemitismus, antimuslimischen Hass und jede Form von Diskriminierung« keinen Platz bei der Berlinale gebe. Den Gazakrieg bezeichnete sie als »humanitäre Katastrophe«. »Wir fordern Hamas auf, die Geiseln umgehend freizulassen und wir fordern Israel dazu auf, alles erdenklich Mögliche zu tun, um die Zivilbevölkerung in Gaza zu schützen und dafür zu sorgen, dass dauerhaft Frieden in der Region wiederkehren kann. Die Kampfhandlungen müssen aufhören.«
Die Veranstalter des Filmfestivals erklärten, die Äußerungen der Preisträger und Preisträgerinnen seien unabhängige individuelle Meinungen und gäben »in keiner Form die Haltung des Festivals wieder«. Solange sie sich innerhalb der gesetzlichen Grenzen bewegten, müssten sie akzeptiert werden, hieß es in einer Mitteilung.
Am Sonntag gaben die Veranstalter zudem bekannt, dass ein Instagram-Kanal der Berlinale gehackt worden sei. Man habe eine Anzeige gegen unbekannt eingereicht. »Dass jemand einen Berlinale-Social-Media-Kanal für antisemitische Hetze missbraucht, ist unerträglich«, erklärte das Festival.
Was war auf Instagram passiert?
»Welt«-Redakteur Frederik Schindler postete am Sonntagnachmittag Screenshots, die auf dem Account des Berlinale-Nebenwettbewerbs »Panorama« zu sehen gewesen sein sollen. Auf einem Bild eines sich aufbäumenden Pferdes am Meeresstrand steht der Slogan »Free Palestine. From the River to the Sea«. Ein anderes Posting mit Berlinale-Logo trug die Aufschrift »Gaza, mon Amour. End the German funded State terror«. Die Beiträge waren schon kurze Zeit später nicht mehr auffindbar.
Die #Berlinale-Sektion Panorama schließt sich den auf der Bühne geäußerten Falschanschuldigungen eines Genozids in Gaza an – und verbreitet den israelfeindlichen Slogan »From the river to the sea«, nach dem es zwischen dem Jordan und dem Mittelmeer keinen Platz für Israel gibt pic.twitter.com/Vklij4De0x
— Frederik Schindler (@FreSchindler) February 25, 2024
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Wie reagierten die politisch Verantwortlichen?
Der Bund finanziert die Berlinale durch eine institutionelle Förderung in Höhe von 12,6 Millionen Euro von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien. Claudia Roth (Grüne) dankte in einer Pressemitteilung der scheidenden Festivalleitung: »Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian hatten keine leichte Aufgabe: Sie mussten die Berlinale durch eine globale Pandemie führen und sie haben gleich mehrere Ausgaben des Festivals im Schatten von weltweiten Krisen, Kriegen und Gewalt veranstaltet.«
Die 74. @berlinale ist die letzte unter Führung von Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek. Beiden dankt Roth für ihre Arbeit: „Sie haben die Berlinale als politisches Filmfestival und Ort für Dialog, unterschiedliche Perspektiven, Vielfalt und Demokratie weiter profiliert.“ pic.twitter.com/siSXRujtR8
— BKM Kultur & Medien (@BundesKultur) February 24, 2024
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Am Montag ergänzte Claudia Roth dann zu den Ereignissen auf der Abschlussgala: »Gemeinsam mit dem Regierenden Bürgermeister von Berlin, Kai Wegner, und dem Berliner Senat, die mit uns die Verantwortung für die Berlinale tragen, werden wir nun die Vorkommnisse bei der Bärenverleihung aufarbeiten«. Es solle untersucht werden, wie die Berlinale ihrem Anspruch, ein Ort für Vielfalt, unterschiedliche Perspektiven und Dialog zu sein, gerecht geworden sei oder nicht. Dabei will Roth auch klären, »wie zukünftig sichergestellt werden kann, dass die Berlinale ein Ort ist, der frei ist von Hass, Hetze, Antisemitismus, Rassismus, Muslimfeindlichkeit und jeder Form von Menschenfeindlichkeit«.
»Das was gestern auf der Berlinale vorgefallen ist, war eine untragbare Relativierung«, hatte Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) zu dem Vorfall im Internetdienst X geschrieben. »In Berlin hat Antisemitismus keinen Platz, und das gilt auch für die Kunstszene«, stellte er klar. »Ich erwarte von der neuen Leitung der Berlinale, sicherzustellen, dass sich solche Vorfälle nicht wiederholen.«
Das, was gestern auf der Berlinale vorgefallen ist, war eine untragbare Relativierung. In Berlin hat Antisemitismus keinen Platz, und das gilt auch für die Kunstszene. Ich erwarte von der neuen Leitung der Berlinale, sicherzustellen, dass sich solche Vorfälle nicht wiederholen.
— Kai Wegner (@kaiwegner) February 25, 2024
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Claudia Roth und Kai Wegner waren beide als Gäste der Preisverleihung im Saal. Der »Tagesspiegel«-Reporter Julius Betschka erspähte die Kulturstaatsministerin und den Regierenden Bürgermeister dabei, wie sie dem Wortbeitrag des israelischen »No Other Land«-Regisseurs Yuval Abraham applaudierten. Abraham hatte zuvor von einer »Apartheid« im Westjordanland gesprochen, ein Ende der Besatzung und einen Waffenstillstand gefordert.
Auch Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner & Kulturstaatsministerin Claudia Roth applaudieren bei einer #Berlinale-Rede, in der Israel Apartheid vorgeworfen wird & ein “Ende der Besatzung” gefordert wird. Das zeigen TV-Aufnahmen. Wegner zumindest spricht kaum englisch. 1/2 pic.twitter.com/qail49pikp
— Julius Betschka (@JuliusBetschka) February 26, 2024
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Am Tag nach der Preisverleihung fand auch Berlins Kultursenator Joe Chialo deutliche Worte. »Die Kultur sollte Raum für vielfältige politische Meinungsäußerungen bieten, doch die diesjährige Preisverleihung der Berlinale war geprägt von selbstgerechter antiisraelischer Propaganda, die nicht auf die Bühnen Berlins gehört«, schrieb der CDU-Politiker am Sonntag bei X. Es sei zu hoffen, dass die Festivalleitung die Vorfälle konsequent aufarbeite.
Am Montagmittag verurteilte Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) israelkritische Äußerungen bei der Berlinale. Scholz teile es, »dass eine derart einseitige Positionierung so nicht stehen gelassen werden kann«, sagte die stellvertretende Regierungssprecherin Christiane Hoffmann am Montag in Berlin. Es sei in jeder Debatte zu diesem Thema wichtig, im Auge zu behalten, was diese erneute Eskalation des Konflikts ausgelöst habe – nämlich der Überfall der Hamas auf Israel vom 7. Oktober 2023.
Für welche Filme wurden die Filmschaffenden ausgezeichnet?
Basel Adra und Yuval Abraham haben mit zwei anderen Regisseuren an »No Other Land« gearbeitet. Der Film wurde mit dem Berliner Dokumentarfilmpreis ausgezeichnet – mit 40.000 Euro dotiert, gestiftet vom Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB). Außerdem erhielt der Film in der Panorama-Sektion den Publikumspreis. Der Film erzählt die Geschichte von Masafer Yatta, einer Gemeinde im Süden des Westjordanlands in einem militärischen Übungsgebiet der Israelis. Seit Jahrzehnten wehren sich die Bewohner mehrerer Dörfer gegen den Abriss ihrer Häuser, Gängelungen durch das Militär und zunehmende Gewalt von radikalen Siedlern. Im Interview mit dem SPIEGEL betonte der israelische Investigativjournalist Abraham bereits, warum er den Begriff »Apartheid« zur Beschreibung der Verhältnisse im Westjordanland wichtig findet.
Ben Russell hat gemeinsam mit seinem französischen Kollegen Guillaume Cailleau den Film »Direct Action« gedreht, der von der Dokumentarfilmpreis-Jury eine lobende Erwähnung erhielt. Außerdem wurde er von der »Encounters«-Jury ausgezeichnet. In dem Film wird ein 150 Personen umfassendes Kollektiv aus dem ländlichen Frankreich porträtiert, das sich 2018 erfolgreich gegen ein internationales Großflughafenprojekt wehrte.
Filmemacher Russell, Cailleau mit ihrem Preis für »Direct Action«
Foto: Nadja Wohlleben / REUTERSWas gab es noch für Stimmen aus der Politik?
Der Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, Volker Beck (Grüne), kritisierte auf der Plattform X, dass der Auftritt von Basel Adra beklatscht worden und unkommentiert geblieben sei. Das sei »ein kultureller, intellektueller und ethischer Tiefpunkt« der Berlinale.
»Nach den Ereignissen von Samstag müssen wir hinterfragen, ob das so bleiben kann, wie wir damit in Zukunft umgehen«, sagte die FDP-Obfrau im Bundestags-Kulturausschuss, Anikó Glogowski-Merten, dem Portal »The Pioneer«.
Scharfe Kritik kam auch von Grünenpolitiker Konstantin von Notz, nachdem der Filmemacher Ben Russell im Zusammenhang mit dem Gazakrieg von »Genozid« gesprochen hatte. »Es ist schlicht ekelhaft und eine perfide Täter-Opfer-Umkehr. Solche Auftritte sind unerträglich«, schrieb von Notz bei X .
Von einer »Schande« sprach CSU-Generalsekretär Martin Huber. Er kritisierte auch Kultur-Staatsministerin Claudia Roth (Grüne), weil diese nicht eingegriffen habe.
Die CDU-Abgeordnete Julia Klöckner, ehemals Bundeslandwirtschaftsministerin, sah laut einer X-Mitteilung bei der Berlinale »Antisemitismus in einem anderen Gewand« als früher, der aber »ebenso menschenverachtend« sei.
Der Parlamentarische Geschäftsführer der AfD im Bundestag, Götz Frömming, feixte auf X: »Wie gut, dass die #AfD bei dieser antisemitisch versifften #Berlinale nicht dabei war«. Im Vorfeld der Berlinale hatte es Streit darüber gegeben, ob AfD-Politiker aus parlamentarischen Kulturausschüssen zur Berlinale eingeladen werden sollten. Die Festivalleitung lud sie schließlich aus.
Wie äußerten sich der israelische Botschafter und der Zentralrat der Juden in Deutschland?
»Antisemitische und israelfeindliche Äußerungen« seien mit tosendem Applaus bedacht worden, schrieb Ron Prosor am späten Sonntagabend im Portal X. »Es scheint, dass die Lektion aus der Documenta nicht begriffen wurde. Unter dem Deckmantel der Rede- und Kunstfreiheit wird antisemitische und antiisraelische Rhetorik zelebriert.« Die deutsche Kulturszene rolle den roten Teppich »ausschließlich für Künstler« aus, die sich für »Israels Delegitimierung« einsetzen. Prosor forderte: »Ihr Schweigen, sogenannte »Kultur-Elite«, ist ohrenbetäubend! Es ist an der Zeit, Ihre Stimme zu erheben und dieser grotesken Scharade eine Absage zu erteilen. Handeln Sie jetzt, oder seien Sie für immer Teil dieses beschämenden Erbes.«
Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, hat die Bundesregierung und die Berliner Senatskanzlei kritisiert. »Hetze gegen Israel und Juden auf deutschen Kulturveranstaltungen ist eine erschreckende Regelmäßigkeit geworden«, sagte Schuster zu »Bild« . »Schon wieder ducken sich bei der Berlinale viele politisch Verantwortliche weg und haben nicht den Mut, gegen Applaus für Israelhass aufzustehen.« Schuster sagte weiter: »Ich erwarte von den politischen Verantwortlichen endlich klare Positionierungen und Konsequenzen für die Kulturförderung.«
Anmerkung der Redaktion: Wir haben den Artikel um den Punkt zum Applaus von Kai Wegner und Claudia Roth auf die Rede von Yuval Abraham ergänzt. Außerdem haben wir die Position von Olaf Scholz nachträglich hinzugefügt.