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06. Februar 2014, 21:58 Uhr

Wes Andersons Berlinale-Eröffungsfilm

Stahlgewitter in der Puppenstube

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Mit "Grand Budapest Hotel" von Wes Anderson eröffnet die Berlinale mit einem Film, der vor großen Stars und hübschen Details nur so überquillt. Der von vielen kultisch verehrte Regisseur legt damit einen knallbunten Start hin. Aber auch einen guten?

Die oft wunderbar durchgeknallten Märchenfilme des amerikanischen Kinoregisseurs Wes Anderson spielen, wenn man sich das restliche Kino der Welt vergleichend vor Augen führt, nicht bloß in einer anderen Liga. Sie spielen auf einem anderen Planeten. Das ist charmant, aber nicht immer gut.

Andersons neues Werk "The Grand Budapest Hotel", das am Donnerstagabend die Berlinale eröffnet hat, entführt die Kinozuschauer in ein märchenhaftes und schon schwer traumatisiertes Europa, wie es irgendwann zwischen Erstem und Zweitem Weltkrieg so nie existiert hat. Es ist ein Kosmos aus geschmackvoll schrillen Farben, herrlich exzentrischen Kostümen und majestätischen Gebäuden, gesegnet mit hübscher Natur und einer klaren moralischen Dichotomie in Gut und Böse. Die Menschenfiguren in diesem Kosmos allerdings, auch die teuflischen, wirken praktisch alle so, als seien sie aus dem Häuschen vor lauter Glück, dass sie in einem Wes-Anderson-Film mitspielen dürfen.

Der Film erzählt die abenteuerliche Liebesgeschichte zweier Männer, die zwar keinen Sex miteinander haben, aber sich in herzlicher Seelenverwandtschaft zugetan sind. Wir erinnern uns: Andersons vorheriger Film "Moonrise Kingdom" erzählte 2012 die Liebesgeschichte zweier Kinder, die sich abgöttisch anhimmelten, aber noch zu jung waren, um Sex miteinander zu haben. In "Grand Budapest Hotel" freundet sich der Hotel-Concierge Gustave H., den Ralph Fiennes mit viel schnauzbärtiger Eleganz und einer gewissen Hochnäsigkeit ausstaffiert, nach anfänglichem Zögern mit seiner jungen Hilfskraft an: dem Lobby-Boy Zéro Moustafa, einem von Newcomer Tony Revolori gespielten augenklimpernden Schelm. Zusammen geraten die beiden in aberwitzige, lebensgefährliche Verwicklungen.

Das Unglück der Zielstrebigen

Es geht im großen Tohuwabohu dieses Films unter anderem um die Ermordung einer alten Dame, die von Tilda Swinton sehr schrulllig dargestellt wird. Um ein sagenhaft wertvolles Gemälde, das diese Dame dem Concierge Gustave, der öfter mit ihr Sex hatte, vermacht hat. Und es geht um den Sohn dieser Dame, einen Erzschurken mit dem Aussehen von Adrien Brody. Der haust in einem Horrorland, das als Andersonsche Travestie des mehr und mehr in den Faschismus abgleitenden Deutschen Reichs zu erkennen ist. "Grand Budapest Hotel" ist also Slapstick mit Nazis, pseudohistorisches Gruselkino mit munteren Verfolgungsjagden durch Schnee und Eis und finstere Gefängniskeller. Eine Räuberpistole voller kriegerischem Krawall. Stahlgewitter in der Puppenstube.

Das ist immer grandios anzuschauen, ungeheuer turbulent und absolut spannungsfrei. Die Magie auch dieses Films von Wes Anderson teilt sich nur jenen mit, die Andersons formvollendet dandyhaften Weltschmerz lieben. Trauer in maximaler Schönheit ist das große Thema. Anderson ist jetzt 44 Jahre alt und hat sieben längere Filme gedreht. In allen beschwört er die Unschuld der Träumer und das Unglück der Zielstrebigen. Die Euphorie der unbekümmerten Glückssucher und die Gemeinheit der Welt, die sie zur Strecke bringt. Klar darf man es nerdig finden, wie dieser Regisseur seit "Rushmore" (1998) und "Die Royal Tenenbaums" (2001), am schönsten sicher in "The Darjeeling Limited" (2007) den Einsamkeitsmanierismus des begnadeten Phantasten zelebriert. Aber es lodert auch eine völlig un-nerdige heißblütige Besessenheit im gnadenlos verschrobenen Kino dieses Mannes.

Planet in einer winzigen Glaskugel

Mit dem Geld britischer und deutscher Finanziers hat Wes Anderson für "Grand Budapest Hotel" rund 40 sicher extrem gutgelaunte Drehtage im deutschen Görlitz verbracht. Er hat Stars wie Léa Seydoux, Jude Law, Bill Murray und Jeff Goldblum beschäftigt. Er hat sich in bestimmt heiter beschwingten Endlossitzungen im Schneideraum eine Widmung für den Schriftsteller Stefan Zweig ausgedacht, der den Untergang des alten Europa beschwor. Das Resultat all dieser emsigen Künstlerarbeit aber ist weniger ein Kinofilm mit Anfang und Ende als ein Feuerwerk aus Gags, Farben und närrischen Scherzen.

Für das Eröffnungsspektakel eines Filmfestivals ist so ein Feuerwerk bestens zu gebrauchen. Der gemeine, ins Geschichtenerzählen vernarrte Kinozuschauer dagegen reibt sich am Ende ein bisschen verwundert die Augen. "Grand Budapest Hotel" macht schon sehr viel bunten Rauch um das explosive Chaos auf einem Planeten, der möglicherweise bloß in einer winzigen Glaskugel seine verqualmten Bahnen zieht.

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