Berlinale-Filme Wenn die Heimat zum Fluch wird

Ein Israeli versucht, Franzose zu werden; junge Italiener und Kanadier hadern mit der Ausweglosigkeit ihrer Nachbarschaft: Einige der besseren Berlinale-Wettbewerber zeigen das Zuhause als Schicksalsgefängnis.

Berlinale-Film "La Paranza dei Bambini" mit Francesco di Napoli
Palomar/ Berlinale

Berlinale-Film "La Paranza dei Bambini" mit Francesco di Napoli

Von


Wie einen Tumor habe er seine israelische Identität empfunden, sagte der Regisseur Nadav Lapid in einem Interview mit der "Zeit" zu Beginn dieser Berlinale. Das Festival zeigt im Wettbewerb die künstlerische Umarbeitung seines Selbstversuchs, zum Franzosen zu werden.

Lapids Alter Ego im Film "Synonymes" ist Yoav (Tom Mercier), der nach seinem Militärdienst in Israel alles stehen und liegen lässt, um in Paris neu anzufangen. Nackt und frierend findet er sich in der Badewanne einer schönen, aber leeren Altbauwohnung wieder, die er übergangsmäßig bewohnen darf. Sein Rucksack mit seinen paar Habseligkeiten wurde ihm gestohlen, die Ankunft im gelobten Land ist frostig und unbehaust.

Ein reiches junges Pärchen, das im selben Haus wohnt, nimmt sich seiner an, stattet den Identitätsflüchtling mit Geld und Klamotten aus. Im gelben Mäntelchen streift er durch die Straßen und murmelt französische Begriffsketten, Synonyme, vor sich hin. Auch mit Israelis, die er trifft, spricht er kein Wort Hebräisch, er will in seiner neuen Heimat aufgehen, sich total assimilieren.

"Synonymes" mit Quentin Dolmaire, Tom Mercier, Louise Chevillotte
Guy Ferrandis/ SBS Films/ Berlinale

"Synonymes" mit Quentin Dolmaire, Tom Mercier, Louise Chevillotte

Der Schauspieldebütant Tom Mercier empfiehlt sich hier gleich in seiner ersten Rolle als Kandidat für den Goldenen Bären, sein Yoav ist eine stillere, aber nicht minder physische Arthouse-Version von Adam Sandlers Israeli-Karikatur Zohan aus der gleichnamigen US-Komödie. Er erzählt dem uninspirierten Schriftsteller Emile (Quentin Dolmaire) Köpenickiaden über sein Leben in Tel Aviv; für dessen Freundin Caroline (Louise Chevilotte) wird er, mit prächtigem Gemächt ausgestattet, zum exotischen Lustknaben.

Immer absurder werden die Situationen und Geschehnisse, in die sich Yoav mit seinem Fimmel, französischer als der gemeine Franzose zu werden, begibt, bis er in einem Einbürgerungskurs die Marseillaise so furios rezitiert, dass einem jedes blutige Textdetail der Nationalhymne das Blut gefrieren lässt. Klar wird: Frankreich, das seinen Liberalismus wie einen Schutzschild vor sich herträgt, lässt sich gerne von seinen Geschichten beflügeln und bedient sich lustvoll seines Körpers, ihn wirklich akzeptieren und in sich aufnehmen will es nicht.

Nadav Lapid gelingt eine teils turbulente, teils nachdenklich stimmende Film-Farce mit überraschenden Bildern und Momenten, die ohne allzu große politische Dimension zu den besseren Beiträgen im schwächelnden Wettbewerb dieser Berlinale gehört. Sie handelt von der Undurchlässigkeit europäischer Gesellschaften gegenüber integrationswilligen Einwanderern, vor allem aber zeigt sie, wie schwierig es ist, sich seiner kulturellen und biografischen Heimat zu entledigen.

Ein ähnliches Problem haben auch die Jugendlichen in Neapels von Gangstern kontrollierten Stadtteil Sanità, die der italienische Regisseur Claudio Giovannesi ("Fiore") in "La Paranza dei Bambini" ("Piranhas") ebenfalls im Wettbewerb zeigt. Nur, dass sich die 14- bis 15-Jährigen schicksalsergeben, wenn nicht übereifrig in die Gesetzmäßigkeiten ihrer Nachbarschaft fügen. Drehbuch und Romanvorlage stammen von Mafia- und Neapel-Kenner Roberto Saviano, gedreht wurde mit bemerkenswert charismatischen Laiendarstellern. Nicola (Francesco di Napoli) zum Beispiel, ein hübscher Bursche mit Ambitionen, ergreift zusammen mit seiner Jungs-Clique die Gelegenheit, das Viertel unter Kontrolle zu bringen: Ruhm, Reichtum und neue, teure Motorroller und Sneaker winken. Einerseits sind die Jungs noch zu jung, um öffentlich Alkohol zu trinken oder in die Disko gelassen zu werden, andererseits hantieren sie alsbald mit Maschinenpistolen und jagen die erwachsenen örtlichen Abzocker davon, die jede Woche von Nicolas Mutter Schutzgeld im Waschsalon erpressen. Machen die Kids es besser? Nein.

"Répertoire des Villes Disparues" mit Larissa Corriveau
screengrab/ Berlinale

"Répertoire des Villes Disparues" mit Larissa Corriveau

Denn eine Heldenreise oder auch nur einen Ausweg aus der sich in immer jüngere Generationen fortpflanzende Spirale aus Verbrechen und Gewalt gibt es nicht, die brutalen Regeln der Straße kennen keine Ausbildung, Universität oder die Chance, jene drei, vier Straßen zu verlassen, in denen sich diese auf Napoli gemünzte "Goodfellas"-Handlung abspielt.

Zwar spart Regisseur Giovannesi mit jenen drastischen Darstellungen, die einst Matteo Garrones Saviano-Adaption "Gomorrha" und die anschließende TV-Serie zu Schockern machten und geht nie wirklich in die politischen Abgründe Italiens hinein. Der ständig vor Augen geführte Realitäts-Abgleich, adrenalintrunkenen Kindern beim Koksen und Kriegspielen zuzusehen, verleiht diesen "Piranhas" durchaus Biss. Nicola und seine Freundin Letizia träumen davon, nach Apulien abzuhauen, in einen Strandurlaub vom Nachbarschaftsstress, der nie enden soll. Aber beide ahnen, dass ihre Zukunft darin besteht, von den nachwachsenden Kids entmachtet, wenn nicht gemeuchelt zu werden.

Dann lieber gleich mit dem Wagen an die Wand donnern? Diesen Ausweg aus prädeterminierten Lebenswegen wählt offenbar der junge Simon im Wettbewerbsfilm "Repertoire des Villes Disparues" ("Ghost Town Anthology") von Berlinale-Stammgast Denis Coté ("Boris sans Béatrice"). Schauplatz ist ein 215-Einwohnerdorf im frankokanadischen Québec. Der Unfall, der vielleicht Suizid war, trifft die Gemeinde ins Mark: Ohnehin ist der Ort von Landflucht bedroht, die Perspektive, hier draußen alt zu werden, ist so trist wie die karge, winterliche Landschaft. Dann laufen auch noch plötzlich Kinder mit seltsamen Masken durch die Gegend und treiben Schabernack. Und aus dem Nebel schälen sich stumm stehende Gestalten, von denen einer der verunglückte Simon zu sein scheint.

Coté, selbst Frankokanadier mit ruralem Hintergrund, erzählt hier im groben 16-Millimeter-Format ein übernatürliches Schauermärchen. So richtig funktioniert seine Parabel auf sterbende Orte, die von ihrer Vergangenheit heimgesucht werden, am Ende leider nicht, aber den Reflex, dieser Heimat unbedingt entkommen zu wollen, bevor man selbst zum Untoten wird, den bringt Coté mit einigen wirksamen Gruselmomenten nach Hause.

zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.