Berlinale-Gewinner Nadav Lapid "Ich musste weg, um meine Seele zu retten"

Mit "Synonyme" hat am Samstagabend zum ersten Mal in fast 70 Jahren ein israelischer Regisseur die Berlinale gewonnen. Hier erklärt Nadav Lapid, warum er sein Geburtsland fluchtartig verlassen hat.

Nadav Lapid
FELIPE TRUEBA/EPA-EFE/REX

Nadav Lapid

Ein Interview von Thomas Abeltshauser


Zur Person
  • Nadav Lapid wurde 1975 in Tel Aviv geboren. Nach dem Militärdienst wanderte er nach Paris aus und studierte dort Philosophie und Literaturwissenschaft. 2006 schloss er sein Studium an der Sam Spiegel Film and Television School in Jerusalem ab. Mit seinen Spielfilmen "Policeman" (2011) und "The Kindergarten Teacher" (2014) war er auf internationalen Festivals erfolgreich und wurde zugleich immer wieder für seine kritische Repräsentation der israelischen Gesellschaft attackiert.

SPIEGEL ONLINE: Herr Lapid, Sie haben bisher vor allem israelische Produktionen realisiert. Warum nun ein französischer Film?

Lapid: Es ist immer noch ein sehr israelischer Film, auch wenn er in Frankreich spielt. Er handelt von einem Israeli, der nach Paris auswandert. Manchmal muss man zum Mond fliegen, um sich die Erde genauer anschauen zu können. Auch Israel lässt sich auf eine Art besser aus der Distanz betrachten, wie in diesem Fall aus Paris.

SPIEGEL ONLINE: Das Ziel Ihres Protagonisten Yoav ist es, nach dem Militärdienst seine israelische Identität aufzugeben und sich in Paris ein völlig neues Leben aufzubauen. Er will Franzose werden, nie wieder Hebräisch sprechen oder zurückkehren. Sie verarbeiten damit auch Ihre eigene Erfahrung. Sie haben nach dem Militärdienst Israel verlassen und sind nach Frankreich ausgewandert.

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Lapid: "Synonyme" ist sehr autobiografisch, auch wenn viele Momente fiktional sind. Ich wollte nicht mein Leben eins zu eins auf die Leinwand bringen, sondern es als Inspiration nutzen. Wie in Israel üblich habe ich mit 18 meine Militärausbildung begonnen, die insgesamt dreieinhalb Jahre dauerte. Ich wurde zu einer kleinen Militärbasis an der Grenze zu Syrien und Libanon geschickt. Dieses Schicksal war natürlich keine Überraschung, das weiß man als Israeli seit der Kindheit, es ist Teil des Erwachsenwerdens in unserem Land. Bewusst oder unbewusst lernen wir, dass Soldaten besser sind als Dichter. Wir lernen sehr früh, was wichtig ist im Leben. Und das ist: schnell zu rennen, sicher zu schießen und mutig zu sein. Darauf bereitet man sich als Kind vor und auch ich war ein guter Soldat, ein sehr guter.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie damit, ein sehr guter Soldat gewesen zu sein?

Lapid: Ich bekam Auszeichnungen, und auch wenn es eine schwere Zeit war, habe ich nicht darunter gelitten. Aber ich war auch ignorant. Wenn mir langweilig war, und es gab oft Phasen, in denen wir nichts zu tun hatten, stellte ich mir mein eigenes Militärbegräbnis vor. Aber ich dachte mir nichts weiter dabei. Dann ist der Dienst plötzlich beendet und man kehrt wieder nach Hause zurück, als ob nicht passiert wäre. Man geht wieder mit Freunden aus, ich fing an, als Journalist bei einer Zeitung zu arbeiten, ich studierte und schrieb einen Roman. Aber es fühlte sich normal an, weil das ganze Land so tickt. Aber irgendwann erkannte ich, dass in dem Moment, in dem man das Außergewöhnliche als Norm akzeptiert, das Monster zu wachsen beginnt.

SPIEGEL ONLINE: Was heißt das konkret?

Lapid: Nach etwa anderthalb Jahren hatte ich fast so etwas wie eine Erleuchtung. Ich erkannte, dass ich weg muss aus Israel, um meine Seele zu retten. So schnell wie möglich, vielleicht war es sogar schon zu spät. Ich bin nicht gläubig, aber es war fast wie eine Stimme, die zu mir sprach. Zehn Tage später landete ich am Flughafen Charles de Gaulle in Paris. Mein einziger Plan war, nicht mehr Israeli zu sein und Franzose zu werden. Ich wollte in Paris leben und sterben und nie wieder zurückzukehren. Ich hörte auf, Hebräisch zu sprechen und wenn ich einmal im Monat mit meinen Eltern telefonierte, antwortete ich ihnen auf Englisch.

Viele meiner Erfahrungen in Paris sind auch im Film, damals wusste ich nichts über Kino, aber ich schrieb auf, was mit mir und um mich passierte, weil ich mit niemandem darüber reden konnte. Ich nutze meine persönliche Erfahrung, aber ich glaube, dass jeder Mensch etwas dazu beitragen kann, was es heißt, in dieser Welt zu existieren. Aber ich kenne mein eigenes Leben besser als jedes anderes, deswegen habe ich das genutzt.

Filmkritik zu "Synonymes"

SPIEGEL ONLINE: Ist Ihre eigene Erfahrung trotzdem auf eine Art übertragbar auf die jungen Männer und Frauen Ihrer Generation in Israel?

Lapid: Im Film ist Yoav in einer sehr spezifischen Situation, aber ich hoffe, er spricht zu allen. Die Mehrheit in Israel hält sich für die Guten und grenzt sich von den "Anderen" ab. Es ist eine Schwarz-Weiß-Gesellschaft.

SPIEGEL ONLINE: Ist der Film auch eine Reaktion auf die Tatsache, dass viele junge Israelis nach Berlin ziehen auf der Suche nach Freiheit und in Frankreich Juden das Land wegen antisemitischer Übergriffe verlassen?

Lapid: Mein Film ist kein politischer Film im klassischen Sinn, es geht nicht um die gegenwärtige Situation, sondern dass die Lage an sich verfahren ist. Und dann habe ich mich gefragt, warum mich das so berührt, auch wenn ich nicht mehr dort lebe. Ich habe verstanden, dass das kollektive Bewusstsein Israels sehr viel mit Maskulinität zu tun hat. Was heißt es heute, ein Mann zu sein? Ich bin kein Soziologe, ich nehme mir bestimmte poetische Freiheiten, um über Israel zu sprechen, wie ich es sehe. Aber ich kann mit jedem diskutieren, der eine andere Meinung hat. Das ist das Schöne an Israel.

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