Ein Vierteljahr im Kino Explizit und ignoriert

Bär gewonnen, Publikum vergrault: Um den sexuell expliziten Berlinale-Gewinner "Touch Me Not" hätte sich ein produktiver Skandal entwickeln können. Warum das nicht geschah, sagt einiges über das deutsche Kino aus.
Berlinale-Jurypräsident Tom Tykwer (l.), Festivaldirektor Dieter Kosslick

Berlinale-Jurypräsident Tom Tykwer (l.), Festivaldirektor Dieter Kosslick

Foto: Thomas Niedermueller/ Getty Images

Was ist ein einschneidender Tabubruch, was bloß kalkulierte Provokation? Welche Parameter braucht es für einen wahren Skandal? Es ist bloß zwei Wochen her, dass die Berlinale mit einer kleinen Kontroverse um den sexuell expliziten Goldenen-Bär-Gewinner "Touch Me Not" zu Ende ging. Doch längst ist sie wieder verpufft.

Zwar hat der Film große Fluchtbewegungen in der Zuschauerschaft zunächst bei den Pressevorführungen, dann bei der Bären-Gala ausgelöst. Aber die Debatte darüber, ob es in dem Film wirklich um Intimität geht, inwiefern die dargestellte Sex-Therapie bemüht didaktisch wirkt, oder welche Repräsentation von Behinderten wichtig ist, hat nie so richtig Fahrt aufgenommen. Bären vergeben, Bären vergessen?

Das kann nicht im Sinn von Berlinale-Jurypräsident Tom Tykwer sein. Vor Festivalbeginn hatte er schon zum Ausdruck gebracht, dass es ihm nicht wild genug zugehe im deutschen Kino. "Zeig mir dein radikales, geniales, wildes Drehbuch, und es wird in drei Wochen finanziert sein", legte er jüngst im Interview nach. Genau: Das ist der Tykwer, der selbst an der Produktionsfirma X-Filme beteiligt ist, die in den vergangenen Jahren eher selten für radikale Filme in die Bresche sprang.

Frau und Fantasy? Dafür gibt's kein Geld

Nebenbei negiert er damit die Erfahrung von deutschen Filmschaffenden, die jahrelang auf die finale Zusage von Produktionsfirmen, Fernsehsendern oder Förderungen warten müssen, um tatsächlich sperrige Filme inszenieren zu können. Erinnert sei nur daran, unter welch prekären Umständen Angela Schanelecs "Der traumhafte Weg", Nicolette Krebitz' "Wild" oder Lukas Feigelfelds "Hagazussa" überhaupt nur entstehen konnten: mit kaum oder zu wenig Geld, nach mehreren Anläufen oder mit kleinstem Crowdfunding.

Szene aus "Der traumhafte Weg"

Szene aus "Der traumhafte Weg"

Foto: Piffl

Krebitz hat schon angekündigt, dass sie ins Ausland gehen müsse, um ausreichend Mittel für ihr nächstes Projekt zusammenzubekommen - für einen von einer Frau inszenierten Fantasyfilm reiche die Investitionsbereitschaft in Deutschland schlicht nicht aus.

Tatsächlich ist Tykwers Rhetorik emblematisch für einen gewissen Hang der deutschen Filmbranche, das eine zu sagen und das andere zu leben. Immerhin forderte er im letzten Frühjahr noch in einem Brief an die Kulturstaatsministerin einen Neuanfang bei der Berlinale, um seine Unterschrift dann wieder zurückzuziehen, als sich die Möglichkeit eröffnete, Jurypräsident des Festivals zu werden. Wild und radikal: Das scheint höchstens was für Drehbücher zu sein. Schlechte Vorzeichen jedenfalls für eine ehrliche Debatte.

Ende Januar nahm Gilles Jacob, ehemaliger Präsident des Festivals von Cannes, ausführlich zur Berlinale-Zukunft Stellung und brach dabei eine Lanze für Cinephilie als kuratorische Strategie. Auf die Frage der Interviewer von der "Süddeutschen Zeitung", ob künstlerische Skandale wichtig seien für Festivals, antwortete er ganz knapp: "Ja, wenn sie in die Zukunft weisen." Er ergänzte, dass "Kontroversen den Filmen und dem Festival [helfen], wenn sie denn sinnvoll ausgefochten werden".

Befremdet statt geschockt

Es kommt also auf Form und Halbwertszeit an: Wenn ein Skandal nicht über einen einzelnen Film hinausweist und niemandem weh tut, dann ist er keiner. Die schnell vergessene Bären-Vergabe passt dazu: Nicht "Touch Me Not" braucht man vorzuwerfen, dass die Kontroverse um ihn keine weiten Kreise gezogen hat. Es ist vielmehr den Strukturen in der deutschen Kino- und Festivallandschaft anzulasten. Strukturen, die jeden aufkeimenden Diskurs in Scheingefechte überführen und das Gewagte gegen das Stromlinienförmige stellen. Wer könnte da noch gegen das Wagnis sein? Ein produktiver Gegensatz ist das sicherlich nicht. Das Wagnis gerinnt zur Floskel, die über fehlendes Rückgrat der Beteiligten hinwegtäuschen soll und damit den Begriff des Radikalen entkernt.

Doch es gibt noch andere Gründe, warum "Touch Me Not" als Skandal gescheitert ist - und die könnten den Weg aufzeigen, um in Zukunft wieder besser zu streiten. Der erste Grund lautet: Viele Leute haben den Film nicht zu Ende gesehen. Die entrüstete, scharenweise Flucht des Publikums aus dem Kino klingt zwar nach einem typischen Skandal-Phänomen. Doch nur wenn ein Film vor den Kopf stößt und gleichzeitig einen Sog entwickelt, Leute ihn also trotzdem zu Ende sehen wollen, kann die Aufregung so richtig ziehen.

Szene aus Patrice Chéreaus Berlinale-Gewinner "Intimacy" von 2001

Szene aus Patrice Chéreaus Berlinale-Gewinner "Intimacy" von 2001

Foto: DEFD

Das merkt man auch selbst noch den härtesten Verrissen an: Sie sind nicht geschockt, sondern eher befremdet - ob der geringen Durchschlagskraft des filmischen Vorschlags. Peter Bradshaw wundert sich im "Guardian" etwa über die "Mittelmäßigkeit, das humorlose Selbstbild, die trügerische und oberflächliche Annäherung an sein vorgebliches Thema Intimität" . Die stärksten Lobpreisungen kommen dagegen eher der Verteidigung eines Films gleich, der einen zeitgeschichtlichen Nerv trifft und wichtige Repräsentationsfragen aufwirft. Barbara Wurm sieht den Film in der "taz" als "echtes Statement", "[er] entpuppt sich als Transgressionsprojekt, das im konkreten Sinn feministisch ist".

Auf gewisse Weise ist die angetäuschte Debatte daher eine Nebelkerze: Seht her, es kann doch noch hoch hergehen auf der Berlinale, wo es seit dem Goldenen Bären 2001 für Patrice Chéreaus "Intimacy" keinen rechten Skandal mehr gegeben hat. Nur kann das Festival gerade nicht einlösen, was damit angedeutet wird: Dass das Kino doch noch, heute! in Berlin!, eine gesellschaftlich vereinende, weil Diskurs stiftende Rolle spielt.

Enthaltsamkeit scheint angesagt

Der zweite Grund für den fehlenden Skandal bei der Berlinale ist deswegen ein struktureller: Diesen Film, so wie viele andere, haben die meisten Zuschauer gar nicht erst angefangen zu sehen. Und das, obwohl, nein, weil der Film auf dem "weltweit größten Publikumsfestival", so die Eigenbeschreibung, lief. Angesichts der fast jährlichen Rekordmeldungen, der mehr als 300.000 verkauften Tickets, könnte man doch meinen, das Festival trotze der allgemeinen Entwicklung zurückgehender Besucherzahlen und sinkender gesellschaftlicher Bedeutung des Kinos.

Doch hinter den positiven absoluten Zahlen versteckt sich ein Detail, das auch erklären kann, warum hier nur noch so wenig über einzelne Filme gestritten wird: Die Fachbesucher nämlich, die solche Debatten in aller Regel anheizen und weitertragen, schauen hier seit Jahren immer weniger Filme, und zwar konsequent. Immerhin um die 20.000 Gäste, Produzenten, Verleiher, Schauspieler, Regisseure, Kameraleute, Journalisten, Kinobetreiber und viele mehr zahlen für eine Akkreditierung. Doch während sie 2006 durchschnittlich noch knapp dreizehn Filme pro Festival sahen, waren es 2017 weniger als acht. Ein Rückgang von fünf Filmen pro Zuschauer - oder knapp 40 Prozent.

Es mag die Kinofans in der Metropole freuen, wenn ein paar Tickets mehr für sie übrigbleiben, weil die Fachleute lieber zum Markt gehen oder auf eines der unzähligen Events, zum Empfang oder zum Networking-Treffen. Doch wenn diejenigen, die dafür zuständig sind, die Werke übers Jahr ans Publikum in ganz Deutschland, in andere Länder und auf andere Plattformen zu bringen, in Berlin immer weniger Filme sehen, dann heißt es notgedrungen: Die unter größtem Aufwand (und mit vielen Millionen aus dem Kulturhaushalt des Bundes) betriebene Arbeit des Festivals läuft zunehmend ins Leere.

Beleidigte Wortmeldungen von Filmemachern

Auch deswegen sind Skandale symptomatisch für Festivals, weil sie ein Barometer dafür sind, welche leidenschaftliche Kraft in ihnen steckt. Ihre schöne Kehrseite ist die Euphorie, die einen Film wie "Toni Erdmann" von seiner Premiere in Cannes bis ins Kino getragen hat oder zuletzt "Western" auf seiner internationalen Laufbahn begleitet hat. Das gilt es herzustellen, zu unterstützen, mit allen Mitteln. Das Händchen dafür muss man beim Festival spüren und überdeutlich sehen. Gerade jetzt, angesichts der Rückzugsgefechte des Kinos in der Gesellschaft.

Besorgniserregend ist es nämlich durchaus, wie sich in letzter Zeit wieder vermehrt Filmemacher mit beleidigten Wortmeldungen in die Öffentlichkeit wagen. So etwa Marc Rothemund, Regisseur von "Dieses bescheuerte Herz" mit Elyas M'Barek, der vergleichsweise viele Zuschauer ins Kino lockte. Zu Beginn der Berlinale warf er Mitgliedern der Deutschen Filmakademie eine "kommerzfeindliche Haltung" vor, weil seine Filme wiederholt keine Berücksichtigung beim Deutschen Filmpreis fanden. Wie ernst er es meint, untermauerte er mit seinem Austritt.

Elyas M'Barek in "Dieses bescheuerte Herz"

Elyas M'Barek in "Dieses bescheuerte Herz"

Foto: Constantin

Adieu, mag man ihm lächelnd zurufen! Doch dahinter steckt die Vorahnung einer neuen Krise: Auch Rothemunds "Kommerz" ist schon jetzt nur halb wirtschaftlich (weil er auf Förderung angewiesen ist) und steht damit auf ziemlich wackeligen Beinen. Wer würde sich da nicht für die Zukunft mit einem Preis absichern wollen! Doch die Grabenkämpfe zwischen E und U sind völlig antiquiert - und jeder Film ist selbstverständlich willkommen, das System auf den Kopf zu stellen, wenn er denn nur wirklich etwas wagt. Genug mit diesen Scheingefechten, die das Kino viel zu oft lahmlegen!

Das ist die vielleicht wichtigste Aufgabe von Monika Grütters, noch- und bald-wieder-Kulturstaatsministerin, bei der Berufung einer neuen Berlinale-Leitung: Jemanden zu finden, der sich ganz entgegen des Trends einfach zu schade dafür ist, das Publikum gegen Cinephile in Stellung zu bringen. Gelingt ihr das nicht, hilft sie nur denen, die längst am Grabe des Kinos schaufeln.

Zum Autor
Foto: privat

Frédéric Jaeger ist Vorstandsmitglied im Verband der deutschen Filmkritik und Chefredakteur von critic.de . Als freier Autor schreibt er unter anderem für SPIEGEL ONLINE. 2015 hat er die parallel zur Berlinale stattfindende Woche der Kritik  mitgegründet und als Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen ein Jahr lang zu Filmpolitik gearbeitet. An dieser Stelle hält er vier Mal im Jahr Rückschau auf das vergangene Quartal in der Filmbranche .