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Foto: PAUL HACKETT/ Reuters

Helen Mirren in "Woman in Gold" Verklagen wir halt Österreich

Gustav Klimts "Goldene Adele" zählt zu den wertvollsten Gemälden der Welt. Im Berlinale-Film "Woman in Gold" spielt Helen Mirren eine von den Nazis vertriebene Jüdin, die sich wegen des Bildes mit Österreich anlegt. Eine wahre Geschichte.

Zurück nach Wien? In ihre Geburtsstadt, für ein paar Tage nur? "Niemals!", empört sich die über 80-jährige Maria Altmann. "Eher sterbe ich." Sie hat abgeschlossen mit Österreich, seit sie als junge Jüdin vor den Nazis in die USA fliehen musste und sich in Los Angeles niederließ. Trotzdem soll sich ihre Meinung schon bald ändern. Mitten in der Nacht ruft sie den Anwalt Randol Schoenberg an, um ihn in Kenntnis zu setzen: Sie komme nun doch mit nach Wien. Zu viel steht auf dem Spiel.

Das britisch-amerikanische Drama "Woman in Gold", das seine Weltpremiere auf der Berlinale feiert, erinnert an ein historisch verbürgtes Geschehen. Es erzählt von Raubkunst und Restitution und setzt im Jahr 1998 ein - lange bevor die Sammlung Cornelius Gurlitt das Thema hierzulande großflächig in die Schlagzeilen spülte.

Maria Altmann, von Helen Mirren als störrische Dame mit sprödem Witz gespielt, nimmt im greisen Alter den juristischen Kampf um jene Gemälde auf, die die Nazis ihrer Familie einst raubten. Die Chancen scheinen gut wie nie, sollen doch Ende der Neunzigerjahre neue Gesetze in Österreich die Ansprüche auf Rückgabe der Werke erleichtern. Theoretisch zumindest.

Problem nur: Bei den fünf Bildern, um die Altmann streitet, handelt es sich um millionenschwere Werke des ikonischen Jugendstil-Malers Gustav Klimt (in der Anfangsszene von einem vollbärtigen Moritz Bleibtreu gemimt). Allen voran das mit Blattgold belegte Bildnis "Adele Bloch-Bauer I", längst Herzstück des Wiener Museums Belvedere und so etwas wie die "Mona Lisa Österreichs". Das Bild sei Teil der Psyche des Landes, erklärt man Altmann, niemals werde man ihr das Werk überlassen.

Für die gebürtige Wienerin hingegen geht es um mehr als materielle Werte, das macht der Film mit großer Emphase deutlich. Die porträtierte Adele, so erfährt der Zuschauer immer wieder, war die von Maria Altmann verehrte, früh verstorbene Tante, die nun zumindest in Form des Gemäldes zurückkehren soll.

Underdogs im Kampf um Gerechtigkeit

Dass für den angestrebten Prozess ausgerechnet Schoenberg als Anwalt engagiert wird, ist kein Zufall. Den jungen Mann, von Frauenschwarm Ryan Reynolds beige-bieder und leicht tapsig verkörpert, verbinden selbst familiäre Wurzeln mit Österreich, Großvater Arnold war Begründer der Zwölftonmusik. So braucht es zu Beginn auch ein wenig Folklore, Strudel, Milchreis und ein berühmtes Kinderbuch, um Schoenberg für den Prozess zu gewinnen. Ob er denn die Geschichte vom "fliegenden Robert" aus dem Struwwelpeter früher auch so sehr gemocht habe, fragt Altmann ihn mit dem Buch in der Hand. Ja, das habe er, gesteht Schoenberg in einem Anflug von Sentiment - und nimmt den Fall nach anfänglichem Zögern an.

Der vermeintlich aussichtslose Kampf von Underdogs um eine höhere Gerechtigkeit ist eine der Lieblingsdisziplinen des Hollywood-Kinos, man denke nur an "Erin Brockovich". Das Schicksal der "Goldenen Adele" liefert den idealen Stoff. Altmann und ihr Anwalt nehmen genau diesen Kampf auf, Jahre und viel Geld wird er sie kosten und von der Restitutionskommission über den Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten bis zu einem Schiedsgericht führen. Am Ende werden die betagte Boutique-Besitzerin und ihr im Grunde eher mittelmäßiger Anwalt entgegen aller Wahrscheinlichkeit triumphieren. Gegen den Staat Österreich setzen sie sich dabei durch, aber auch gegen ihr eigenes Land, das durch einen Präzedenzfall dieser Art diplomatische Zerwürfnisse fürchtet.

Regisseur Simon Curtis ("My Week with Marilyn") und Drehbuchautor Alexi Kaye Campbell kommen dabei nicht ohne Pathos aus, Hans Zimmers gewohnt streicherlastige Kompositionen tragen ihr Übriges zum Schmelz bei. In ausgiebigen Rückblenden voll blasser Farben inszeniert der Film die Geschehnisse des Jahres 1938, bis hin zur dramatischen Flucht Maria Altmanns aus Österreich.

Ins Ensemble prominenter deutscher Darsteller reiht sich neben Nina Kunzendorf, Tom Schilling und Justus von Dohnányi auch Daniel Brühl ein, diesjähriges Jury-Mitglied der Berlinale. Er spielt, inmitten dann doch arg finster gezeichneter Österreicher im Wien der Gegenwart, den einzigen Verbündeten Altmanns und Schoenbergs, einen Investigativjournalisten. Warum er ihnen helfe, wollen die beiden wissen, und der Journalist antwortet: "Sehen Sie es als spezielle Form von Patriotismus." Fragen dieser Art schimmern im Film durch die Oberfläche des Geschehens hindurch, wenn auch zaghaft: Für wen oder was lohnt es sich überhaupt, vor Gericht zu streiten? Spielen nationale Identitäten dabei eine Rolle?

Maria Altmann selbst erlebt ihre filmische Huldigung nicht mehr, 2011 starb sie im Alter von 94 Jahren in Beverly Hills. Klimts "Adele" hatte ihr fünf Jahre zuvor der Unternehmer Ronald S. Lauder für seine New Yorker Galerie abgekauft. Zum damaligen Rekordpreis von rund 135 Millionen US-Dollar - von denen Altmann einen großen Teil spendete.

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