Berlinale-Jubel in Hamburg "Wir haben seit Donnerstag durchgefeiert"

Jubel in Hamburg-Altona: Der Berlinale-Sieg von Fatih Akins Film "Gegen die Wand" wurde in der Heimatstadt des Regisseurs mit Autokorsos gefeiert. Von der in Medienberichten kolportierten Porno-Vergangenheit der Hauptdarstellerin Sibel Kekilli habe man "natürlich gewusst", sagte ein Sprecher der Produktionsfirma.


Bären-Gewinner Kekilli, Akin (r., in Berlin): "Alle wollen gratulieren"
AP

Bären-Gewinner Kekilli, Akin (r., in Berlin): "Alle wollen gratulieren"

Berlin/Hamburg - Der bundesweite Filmstart des Berlinale-Gewinners "Gegen die Wand" wird auf den 11. März vorgezogen. Ursprünglich sollte der Film des türkischstämmigen Filmemachers Fatih Akin erst am 22. April in den Kinos anlaufen. Nach dem Sieg bei den Internationalen Filmfestspielen in Berlin liefen am Montag die Telefone bei Akins Produktionsfirma Wüste Film und der Filmförderung Hamburg heiß. "Alle wollen gratulieren. Wir sind total glücklich und können es noch immer nicht so richtig fassen, dass der Goldene Bär nach Hamburg-Altona gegangen ist", sagte die Chefin der Filmförderung Hamburg, Eva Hubert.

Mit Autokorsos hatten am Wochenende die Türken in Akins Hamburger Heimat die überraschende Auszeichnung gefeiert. Der Regisseur und Drehbuchautor ist als Kind türkischer Eltern im Stadtteil Altona aufgewachsen, wo er noch heute lebt. Man kennt den 30-Jährigen in der Stadtteilszene von Altona und Ottensen, zumal er hin und wieder in Kneipen als "Super DJango" auflegt. Akins Lieblingslokal ist das "Sotiris", das seinem Freund Adam Bousdokus gehört, der auch in Akins Film "Kurz und schmerzlos" zu sehen war.

"Geiler deutscher großartiger Film"

Akins jüngstes Werk handelt von den Problemen der deutschen Türken aus der zweiten Einwanderergeneration. Die leidenschaftliche Liebesgeschichte erzählt von einer jungen Türkin mit deutschem Pass. Um ihrem konservativen Elternhaus zu entfliehen, geht sie eine Scheinehe mit einem wesentlich älteren, alkoholabhängigen Landsmann ein. Aus der anfänglichen Zweckbindung wird eine emotionsgeladene Suche nach einem gemeinsamen Glück. "'Gegen die Wand' ist einfach ein geiler deutscher großartiger Film", urteilte der türkischstämmige Autor Feridun Zaimoglu im "Hamburger Abendblatt".

"Wir haben eigentlich seit Donnerstag, als 'Gegen die Wand' in Berlin gezeigt wurde, durchgefeiert", erzählte Produzent Stefan Schubert von Wüste Film, der mit seinem Partner Ralph Schwingel Akins Filme seit dessen ersten Kurzfilm produziert. Zur Titelgeschichte der "Bild"-Zeitung vom Montag, in der Akins Hauptdarstellerin Sibel Kekilli als ehemalige Porno-Darstellerin geoutet wurde, sagte Schubert: "Wir haben das natürlich gewusst. Es war uns aber gleichgültig, denn uns haben nur die schauspielerischen Fähigkeiten Sibels interessiert und ihre Privatheit respektiert."

Kosslick zieht positive Bilanz

Berlinale-Chef Dieter Kosslick zog unterdessen eine positive Bilanz der 54. Internationalen Filmfestspiele, die am Sonntag endeten. Dass in diesem Jahr Akin den Goldenen Bären bekommen habe, sei nicht nur gut für den deutschen Film, sagte er im InfoRadio. Das Festival verzeichnete in elf Tagen 420.000 Kinobesuche, an das reguläre Publikum wurden dabei 130 000 Karten verkauft.

Für ihn sei es eine großartige Berlinale gewesen, so Kosslick. "Ich weiß, dass die Filme unterschiedlich und kontrovers diskutiert worden sind. Für viele waren sie auch zu schwarz und zu traurig, aber das ist nun mal so." Er betonte, in 54 Jahren habe es lediglich sieben Goldene Bären für deutsche Filme gegeben, den letzten vor 18 Jahren für Reinhard Hauffs RAF-Drama "Stammheim". Zugleich wies er die vielen Medien geäußerte Kritik zurück, der diesjährige Wettbewerb sei schwach gewesen.



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