Berlinale-Film von Terrence Malick Im Dolce-Vita-Wahn

Schauspieler auf Sinnsuche in der Scheinwelt von L.A.: Klingt wie Kino-Standard. Regie-Eigenbrötler Terrence Malick macht daraus jedoch in seinem Berlinale-Wettbewerbsfilm "Knight of Cups" einen bildgewaltigen Esoteriktrip mit Starbesetzung.

Als Christian Bale die Hauptrolle in "Knight of Cups" annahm, hatte er keine Ahnung, worum es in dem Film gehen würde. Aber Terrence Malick, der große Naturmystiker des amerikanischen Kinos, ist einer der wenigen Regisseure, bei dem selbst große Stars blind anheuern. Im wahrsten Sinne des Wortes: Zwar arbeitete Malick mit Bale an der Entwicklung seines Filmcharakters, aber ein Drehbuch bekam er nie zu sehen, erzählte der britische Schauspieler am Sonntag auf der Berlinale. Malick selbst war natürlich nicht nach Berlin gekommen, der 71-Jährige ist scheu und setzt sich seit jeher weder dem Festivaltrubel noch Journalisten aus.

Dabei werfen Malicks Filme stets eine ganze Menge Fragen auf. In der jüngsten Phase seiner Karriere, die 2011 mit "Tree of Life" begann, hat sich Malick komplett vom traditionellen Kinoerzählen verabschiedet und liefert stattdessen symbolschwangere, traumwandlerische Bilderreigen, zu denen bedächtige Stimmen aus dem Off über den Sinn des Lebens philosophieren, manchmal phrasieren sie auch nur, denn Malicks Kino ist weniger intellektuell als instinktiv. Bilder, Worte und Musik fließen zu einer Art Meditation, zu einem emotionalen Vibe zusammen, für dessen Schwingung man empfänglich ist oder auch nicht. Malick polarisiert auch die Kritiker: Für die einen ist er der letzte große Poet des New Hollywood, für die anderen ein esoterischer Spinner, dessen Filme immer unerträglicher werden.

Entsprechend gespalten waren am Sonntag auch die Meinungen nach der Pressevorführung seines neuesten, siebten Films. Dabei ist "Knight of Cups" vielleicht der zugänglichste und kohärenteste Malick-Film seit seinem Pazifikkrieg-Tableau "The Thin Red Line" ("Der schmale Grat", 1998). Der Inhalt ist in einem Satz erzählt: Ein Hollywoodschauspieler um die vierzig (Bale) sucht in der Illusionsmetropole Los Angeles nach seiner Identität. Dabei durchstreift er neue und alte Liebschaften, tastet im Ozean, zwischen Betonhochhäusern und in öden Wüsteneien nach Wahrhaftigkeit in einer Welt aus Lug und Trug.

Ein Leben in der Schwebe

Zu Beginn des Films erzählt eine Stimme das Märchen eines Ritters, der sich in fremden Ländern auf die Suche nach einer kostbaren Perle begibt, sich aber in einem Wunderland voller Verlockungen verliert, und seine wahre Bestimmung, sein altes Leben vergisst. Kameravirtuose Emmanuel Lubetzki ("Birdman", "Gravity") inszeniert die Traumfabrik L.A. folglich, als wäre sie selbst das mit abstrakter Architektur ausgestattete Traumreich, eine virtuelle Gaukelei wie die "Matrix", bevölkert von Feen und Phantasiewesen in Gestalt von Models, leichten Partymädchen mit rosa Perücken oder einer Hohepriesterin, die als Stangentänzerin arbeitet. Sie alle sorgen mit allerlei Einflüsterungen und sinnlichen Betörungen dafür, dass der Schauspieler nicht aus seinem Dolce-Vita-Wahn erwacht. Die Palmen, raunt es einmal bei sonnengetränkten Kalifornien-Bildern, suggerieren dir, dass du hier alles sein kannst; wer du willst, was du willst. Aber zu viele Wahlmöglichkeiten sorgen eben auch für Bodenlosigkeit, ein Leben in der Schwebe.

In einer grandiosen Partysequenz auf einem protzigen Hollywood-Anwesen entwirft Malick einen ganzen Zirkus der Eitel- und Oberflächlichkeit, und doch merkt sein Protagonist, dass etwas nicht stimmt. Immer wieder sieht man Bale mit sorgenvoller Miene in einer kargen Wüstenlandschaft stehen - für kurze Augenblicke offenbart sich das Wasteland Hollywood in seiner eigentlichen Ödnis. Aber die meiste Zeit schnappt der Schauspieler so vergeblich nach der Wahrheit wie jener Hund, der - in irritierender Zeitlupe aus der Unterwasserperspektive gefilmt - mit weit aufgerissener Schnauze versucht, einen im Wasser schwimmenden Ball zu erwischen. Eine der absurdesten, aber auch wirkungsmächtigsten Szenen dieser Berlinale.

Meisterliches Brimborium

Gleich reihenweise werden Bale ebenso hochkarätige Kollegen zur Seite gestellt, darunter Cate Blanchett, Natalie Portman, Ben Kingsley, Antonio Banderas und Altstar Brian Dennehy, an denen sich das bisherige Leben des Schauspielers spiegelt: Eine vertrackte, vom Selbstmord eines Bruders überschattete Beziehung zum Vater, eine gescheiterte Ehe, eine Affäre mit einer verheirateten Frau, die schwanger wird, das Kind aber abtreiben lässt. Ganz klar: Der Mann durchlebt eine schwere Midlife-Crisis - und Malick überhöht diese eigentlich banale Sinnsuche eines alternden Dandys zu einer weiteren Erforschung der Zusammenhänge zwischen Mensch und Natur, kosmischer Vorherbestimmung und freier Entscheidung, Fakt und Firlefanz.

Findet der Schauspieler, der Ritter der Kelche aus den Tarotkarten, die im Film auch als Kapitelmotive dienen, am Ende die Perle? Schwer zu sagen. Aber was Terrence Malick zumindest bei jenen, die sich auf sein meisterliches Brimborium einlassen, erreicht haben dürfte, ist die selbstkritische Frage danach, ob man einen das glitzernde Traumreich nicht selbst schon eingelullt hat. Malick habe ihn als Schauspieler torpediert, sagt Christian Bale. Und meinte damit, dass er ihm in sein gewohntes Handwerk gepfuscht hat, ihn aus seiner Routine geschubst hat. Und das tun, darauf können sich wahrscheinlich Kritiker wie Adepten einigen, auch Malicks Filmimpressionen immer wieder.

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