Berlinale Legenden und Leidenschaft

Nicht nur Bolly- und Hollywood-Schauspieler sorgten auf der Berlinale für den nötigen Promifaktor, diesmal brachten lebende Legenden wie Patti Smith und die Stones erfrischende Abwechslung - trotz ihres fortgeschrittenen Alters.


Es war einer der ganz großen Auftritte auf dem Filmfestival in Berlin: Sie kam mit Sonnenbrille und eigener Kamera zur Berlinale, imitierte Bob Dylan, sang und griff zur Gitarre. Die Amerikanerin Patti Smith hat den 58. Internationalen Filmfestspielen in Berlin einen beeindruckenden Auftritt hingelegt. Die Sängerin, Dichterin, Künstlerin, Aktivistin und Mutter stellte auf der Berlinale ihr intimes Porträt vor, die Dokumentation "Patti Smith - Dream of Life". Etiketten wie "Rock-Ikone" gefallen ihr nicht, wie Smith sagte. "Ich bin eine Arbeiterin." Mit vielen Interessen und Inspirationsquellen: "Wenn ich zuhause bin, höre ich meistens Wagner." Auch von Arthur Rimbaud schwärmte Smith.

Am Sonntag will die Künstlerin in Berlin das Grab von Bertolt Brecht besuchen, am Geburtstag des Dichters. Sie gehe häufig auf Friedhöfe. "Ich finde es tröstlich." Auch am Grab ihres 1994 gestorbenen Mannes Fred Smith sei sie oft. Manchmal lasse sie ihm Zigaretten oder einen Cognac dort. Die Journalisten überraschte die Amerikanerin, indem sie vom Podium herabstieg und sich unter die Reihen der Pressekonferenz mischte. Einmal stimmte sie ihren größten Hit "Because The Night" an.

Einen Favoriten für die US-Wahl hat Smith nicht. "Ich studiere sie noch", sagte die Amerikanerin über die Anwärter. Smith, die 1975 mit dem Album "Horses" berühmt wurde, hält die Wirkung von Protest-Songs für begrenzt. Es liege an den Menschen, den Wandel zu bewirken, betonte sie.

In der Dokumentation werden auch sehr persönliche Momente gezeigt, zum Beispiel, wie Smith ein Kleid aus ihrer Kindheit in den Händen hält oder bei ihren Eltern auf dem Sofa sitzt. Ihren Titel der "Rock-Ikone" sieht Smith im Film ebenfalls kritisch. Sie müsse dabei immer an Mount Rushmore denken, den amerikanischen Berg mit den eingemeißelten Präsidentenköpfen. Elf Jahre lang hat der Fotograf Steven Sebring Smith begleitet, es ist sein Regiedebüt. Der Film ist am 25. März in einer TV-Premiere auf Arte zu sehen.

Es gab noch mehr lebende Legenden auf der Berlinale: Die Rolling Stones und der bedeutendste amerikanische Filmemacher Martin Scorsese waren die unumstrittenen Stars der Festival-Eröffnung am Donnerstagabend. Als die Musiker und der Regisseur sich noch vor der Aufführung ihres Films "Shine A Light" präsentierten, tobte das Publikum im restlos vollbesetzten Saal vor Begeisterung wie in einem Fußballstadion.

Schaulauf der Hollywood-Stars

Auf der Berlinale ist heute Schaulauf der Hollywood-Prominenz: Regisseur Dennis Lee stellt sein Familiendrama "Fireflies in the Garden" mit Julia Roberts, Willem Dafoe und Emily Watson vor. Ob Roberts zur Präsentation des Films persönlich nach Berlin kommt, galt bis zuletzt als unsicher. Anwesend sein werden aber Dafoe, Ryan Reynolds und Hayden Panettiere. "Fireflies in the Garden" läuft im Wettbewerb außer Konkurrenz.

Regisseur Lee gibt mit der Familiengeschichte, die am 24. April in die deutschen Kinos kommt, sein Spielfilmdebüt. Dieses erzählt von dem jungen Romanautor Michael, der nach langer Zeit in seine Heimatstadt zurückkehrt. Bevor er eintrifft, wird seine Mutter in einen tragischen Unfall verwickelt. Damit brechen Erinnerungen an das Jahr auf, in dem die Mutter fast die Familie verlassen hätte.

In das Rennen um den Goldenen und Silbernen Bären tritt zudem die spanische Regisseurin Isabel Coixet mit dem Drama "Elegy". Die Hauptrollen darin spielen die Spanierin Penélope Cruz und der Brite Ben Kingsley, die neben Coixet auch zur Präsentation des Films kommen. "Elegy" schildert die obsessive Zuneigung eines Professors zu seiner Studentin.

Shah Rukh Khan: "Männer, die nicht weinen, sind keine Machos"

Bollywood-Frauenschwarm Shah Rukh Khan klärte die Journalisten über seine Vorstellung von Männlichkeit auf: "Ich brauche meine Tränen nicht zu stoppen, um jemanden zu überzeugen, dass ich ein Mann bin", sagte der 42-Jährige am Samstag anlässlich der Premiere seines Films "Om Shanti Om" auf der Berlinale. "Männer, die nicht weinen, sind keine Machos", ist sich Khan sicher. "Ich glaube, wenn man wirklich ein Macho ist - und ich bin der größte in Asien - dann braucht man sich seine Männlichkeit nicht durch das Unterdrücken seiner Tränen beweisen." Nur ein Sixpack-Bauch, Lederhosen und eine Harley Davidson allein machten niemanden zum Mann. "Ich habe immer an einen Macho geglaubt, der extrem sensibel ist."

In "Om Shanti Om" spielt Khan den jungen Filmstatisten Om, der sich in den siebziger Jahren in die Schauspielerin Shanti verliebt und davon träumt, selber einmal erfolgreich zu sein. Doch dann kommt Om auf tragische Weise ums Leben und wird Jahre später wiedergeboren - dieses Mal als Superstar. Wie in anderen Bollywood-Filmen wird in "Om Shanti Om" viel geweint, auch von Männern.

"Jeder Film macht mich traurig, weil ich darin einen Teil von mir selbst für immer zurücklasse", gestand Khan. "Deswegen habe ich auch große Angst davor, eines schönen Morgens in meinem Bett aufzuwachen und zu merken, dass nichts von mir mehr übrig ist." Das sei der Tag, an dem er mit der Schauspielerei aufhören müsse. "Ich habe dann nichts mehr zu geben."

Ans Kürzertreten denkt der viel beschäftigte Star ansonsten noch lange nicht. "Wenn man mich fragt, ob ich Jüngeren das Feld überlassen will, sage ich 'Nein!'", sagte Kahn. Warum nicht? "Ich liebe mich!", entgegnete der 42-Jährige lachend.

"Meine Position als Superstar in Indien wird erst von meinem Sohn übernommen", ist sich Khan zudem sicher. "Er ist jetzt zehn Jahre alt und wird erst mit 24 ins Filmgeschäft einsteigen - das lässt mir noch 14 Jahre!" Selbstironie wie diese ist Khan auch in Filmen sehr wichtig. "Wenn du nicht die Fähigkeit hast, über dich selbst zu lachen, dann wirst du nie die Fähigkeit haben, Menschen zum Lächeln oder Lachen zu bringen", fand Khan.

Ben Kingsley: Übersät mit Blutergüssen

In Anwesenheit von Oscar-Preisträger Ben Kingsley hat am Samstagabend der Thriller "Transsiberian" von Regisseur Brad Anderson in Berlin seine Premiere gefeiert. Der Film, der auf der Berlinale in der Sektion Panorama läuft, beschreibt die Reise eines amerikanisches Paars (Woody Harrelson und Emily Mortimer) mit der Transsibirischen Eisenbahn von Peking nach Moskau, die für die beiden zu einem lebensgefährlichen Abenteuer wird.

Kingsley spielt einen russischen Polizeibeamten in Diensten der Drogenmafia, der das Paar bespitzelt. Vor allem die körperlichen Anstrengungen seien eine große Herausforderung gewesen, sagte Kingsley. "Wir sind übersät mit Blutergüssen nach Hause gefahren."

Humor habe sich bei den Dreharbeiten ausgezahlt. "Es ist ein sehr dunkler, düsterer Film, sehr aufregend, wir haben unter gefährlichen Umständen gearbeitet, da haben wir unseren Sinn für Humor sehr hoch gehalten", betonte der 64-Jährige. Schauspielerin Mortimer und er seien ihren Kollegen als Briten dabei allerdings überlegen gewesen, scherzte er. "Wir haben automatisch einen großartigen Sinn für Humor. Woody hat's versucht, Thomas machte mit, aber wir beiden Briten hatten wirklich sehr viel Spaß", sagte er.

Ebenfalls bei der Premiere dabei waren außer Regisseur Anderson die Darsteller Thomas Kretschmann und sein spanischer Kollege Eduardo Noriega. Dagegen fehlten die zunächst angekündigten Harrelson und Mortimer in Berlin.

Der 64-jährige Kingsley ist auf der Berlinale in gleich zwei Filmen zu sehen: Neben "Transsiberian" spielt er an der Seite von Penélope Cruz die Hauptrolle in dem Liebesdrama "Elegy" von Isabel Coixet, der am Sonntag (10. Februar) in das Rennen um den Goldenen und Silbernen Bären gehen sollte. "Transsiberian" läuft am 17. April in den deutschen Kinos an.

lub/ddp/dpa



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