Berlinale-Panorama Ungewollte Schwangerschaft beim Mann

Ein Paar, das zu einem einzigen Wesen verschmelzen will; eine 82-Jährige, die ihr Hausmädchen heiratet: Das Panorama der Berlinale zeigt Familienmodelle jenseits heterosexueller Dogmen. Klar wird dabei auch: Drei-Tage-Bart und Babybauch müssen sich nicht ausschließen.


Auch im Kino ist Blut dicker als Wasser. Das Panorama-Programm der Berlinale beschäftigt sich 2010 mit dem Thema Familie: Kaum ein Protagonist, von dem man nicht den verwandtschaftlichen Hintergrund erfährt, kaum eine Heldin, deren harmonische oder disharmonische Verbindungen nicht offengelegt werden.

Julieta, um deren Leben als (meist) alleinerziehende Mutter mit zwei Kindern sich der eindrucksvolle, in intensiven Großaufnahmen erzählte argentinische Beitrag "Por tu culpa - Alles Deine Schuld" von Anahi Berneri dreht, scheint dabei an der Anstrengung zu scheitern: Nachdem ihr Sohn sich beim aggressiven, abendlichen Spielen mit seinem großen Bruder den Arm gebrochen hat, und sie mit den Kindern in der Notaufnahme des Krankenhauses erscheint, zieht der Kinderarzt aus älteren blauen Flecken am Körper des Jungen den Schluss, er sei von seiner Mutter - überfordert mit Beruf und Aufsichtspflicht - misshandelt worden.

Julieta muss vor der Polizei aussagen, ihr Mann, der auswärts arbeitet und nun alarmiert zum Krankenbett seines Sohnes eilt, macht ihr Vorwürfe: Es ist alles deine Schuld. Am Ende landet die Familie übermüdet zuhause, ein neuer, anstrengender Tag bricht an. Doch die Beziehung zwischen Mutter und fidelem Nachwuchs bleibt eine Gratwanderung, die jeder kennt, der mit Kindern zusammenlebt. Für den Film, der sehr persönlich und ganz konzentriert auf das großartige Spiel der Hauptdarstellerin Erica Rivas erzählt, ist somit egal, was wirklich passiert ist. Übrig bleibt die nachvollziehbare Müdigkeit einer Mutter, die eigentlich nur alles richtig machen will.

Schwulenfeindliche Pastafabrikanten

Die für den Fokus auf queere Zusammenhänge bekannte Sektion geht in vielen Beiträgen dieses Jahres ein Stück weiter vom üblichen Coming Out weg.

Nur noch selten ist ein Spannungsbogen so dicht am Rauskommen entlang geklöppelt wie in der netten bis harmlosen italienischen Komödie "Mine Vaganti - Loose Cannons", die sich immerhin durch eine Besonderheit abhebt: Tommaso will sich zwar auch endlich vor seiner Familie, provinziellen Pastafabrikanten, outen, doch sein großer Bruder kommt ihm zuvor. Papa nimmt die Neuigkeit mit einem Herzinfarkt auf, und so verweilt Tommaso zähneknirschend bei seinen schwulenfeindlichen Verwandten und knetet Nudeln, anstatt zurück nach Rom zum Boyfriend und der angestrebten Karriere als Romancier zu gehen.

"Nacidas para suffrir - Born to suffer" aus Spanien bleibt sogar noch vor dem Rauskommen stecken, das aber auf die bezauberndste und rührendste Art: Weil sie Angst hat, allein zu sterben, beschließt die 82-jährige Flora kurzerhand, ihr langjähriges Hausmädchen zu heiraten, das es als einzige bei dem stetig schimpfenden Dickkopf im klitzekleinen spanischen Dörfchen aushält. "Nur wegen der Papiere!". Doch in den Egoismus, den Flora vorschiebt und lustvoll demonstriert, mischt sich ganz langsam und vorsichtig der wahre Grund. Und schon ist wieder eine Familie komplett.

Andere Filme des Programms wie "Paha Perhe - Bad Family" aus Finnland haben das Thema partiell schon im Titel, und im mitreißenden brasilianischen Favela-Drama "Broder!" geht es um Armut, Suff und Korruption, erzählt am Beispiel einer Familie. Auch die Komödie "Father of Invention" von Trent Cooper aus den USA untersucht eine Vater-Tochter-Beziehung, die am Anfang kaputt und am Ende auf dem Weg der Besserung ist. Kevin Spacey spielt den durch Infomercials reich gewordenen, aber im Gefängnis gelandeten Robert Axle, Camilla Belle ist die erwachsene Tochter, die das verlorene Vertrauen in Dad langsam wiederfinden muss - allerdings oft zu süßlich, zu hollywoodesk und zu vorhersehbar.

Hermaphrodit Cynthia

Der herausragend gefilmte, bolivianische Beitrag "Zona Sur - Southern District" von Juan Carlos Valdivia lässt gleich alles in Haus einer Familie spielen, wie oft in südamerikanischen Filmen geht es um das Machtgefüge zwischen Herren und Bediensteten.

"Open - Offen" beschäftigt sich dagegen ausschließlich mit Wahlverwandtschaften: Im bezaubernd poetischen, vorsichtigen Erstlingsfilm des 28-jährigen US-amerikanischen Kunststudenten Jake Yuzna spielen Laiendarsteller zwei äußerst lose miteinander verknüpfte Romanzen. Der Hermaphrodit Cynthia ist fasziniert von der Beziehung zwischen Jay und Gen, zwei äußerlich kaum als männlich oder weiblich einzuordnende Personen, die - wie der britische Performancekünstler und Throbbing-Gristle-Mitgründer Genesis P. Orridge, der eine Inspiration für Regisseur und Drehbuchautor Yuzna war - durch chirurgische, angleichende Eingriffe zu einem Wesen verschmelzen wollen: Pandrogony nennt sich hier das Gefühl, eine einzige Person in zwei getrennten Körpern zu sein.

Cynthia verliebt sich in Gen, mit dem er durch die nächtlichen Straßen und leeren Gebäude von Minneapolis mäandert. Doch die nicht erwiderte Liebe führt für Cynthia zur Katastrophe. Syd, der selbst gerade vom weiblichen zum männlichen Geschlecht wechselt, verliebt sich zeitgleich in Nick. Das junge Glück der beiden wird auf die erste Probe gestellt, als Syd trotz Testosteron-Spritzen fassungslos eine Schwangerschaft feststellt. Am Ende streicheln die beiden Drei-Tage-Bärte Syds Babybauch. Die Keimzelle der Gesellschaft ist eben omnipräsent. Und solange genug Liebe im Spiel ist, lässt es sich in jeder Familie aushalten.


Jenni Zylka ist an der Vorab-Sichtung der Filme für das Panorama-Programm der Berlinale beteiligt.



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