Berlinale Tagebuch (6) Die glorreichen Sieben

Mit nur sieben Leuten brachte Regisseur Andreas Dresen ein großartiges Stück deutsches Kino auf die Leinwand. Sein Film "Halbe Treppe" begeisterte Kritiker wie Publikum. Begeisterung hervorrufen sollte auch das Kinderfilmfest unter der kompetenten Leitung von Renate Zylla, doch die "Kinder-Berlinale" wird immer noch nicht ernst genommen.

Von Cristina Moles Kaupp


Dresen-Film "Halbe Treppe, Darsteller Kühnert, Merten: Deutsches Kino vom Feinsten
DDP

Dresen-Film "Halbe Treppe, Darsteller Kühnert, Merten: Deutsches Kino vom Feinsten

Am liebsten, so meinte man, wären sie auf ihre Podiumsplätze heraufgehüpft, so erleichtert war das Team von "Halbe Treppe" um Andreas Dresen, nachdem ihm der ungewöhnlich herzliche Applaus der versammelten Journalisten entgegenschlug. "Wir waren eben nicht in der Vorführung - wir haben uns nicht getraut", gesteht Dresen, verschämt schmunzelnd. Es sei ein riesiges Experiment gewesen, einen Spielfilm mit einem Stamm von sieben (!) Leuten, inklusive Schauspieler, ohne Buch zu drehen - keiner von ihnen habe gewusst, ob wirklich ein Film daraus werden könne. Aber es ist einer geworden - und was für einer! Ein Stück neues deutsches Kino vom Feinsten.

Dresen siedelt seine Geschichte, wie schon im Vorgängerfilm "Die Polizistin", wieder im tiefsten Osten an, in Frankfurt/Oder. In den engen Plattenbauwohnungen ziehen uns die Protagonisten so nah in ihren Mikrokosmos, dass man meint, sich im selben Raum zu befinden - die Mini-Digitalkamera macht's möglich. Katrin und Chris, Ellen und Uwe - zwei befreundete Ehepaare Ende Dreißig. Sie haben sich einigermaßen eingerichtet mit dem Beruf und der Familie. Auch wenn nicht alles mehr so richtig prickelt, es läuft nicht schlecht genug, um sich zu trennen. Und so kommt, was kommen muss: Radiomoderator Chris verliebt sich in Parfumverkäuferin Ellen und bald haben die beiden eine Affäre. Endlich mal wieder spüren, was Leben ist. Lange bleibt die Romanze natürlich kein Geheimnis. In ebenso tragischen wie auch absurd komischen Szenen erfahren die Ehepartner davon. Man redet, mal zu zweit, mal zu viert, immer ungelegen kommen die Kinder dazwischen. Es gibt kein Happy End und auch keinen tragischen Ausgang - nur eins ist sicher: Am Ende wird nichts mehr so sein wie es war.

Regisseur Dresen: Schauspieler in der Zwangskommune
AP

Regisseur Dresen: Schauspieler in der Zwangskommune

Das hervorragende Schauspieler-Quartett bestehend aus Steffi Kühnert, Gabriela Maria Schmeide, Axel Prahl und Thorsten Merten scheint mit fortlaufendem Gang der Handlung völlig mit den Rollen zu verschmelzen. Vielleicht liegt es ja auch daran, dass es zum Konzept von Dresens Wunschprojekt gehörte, das gesamte Team drei Monate lang zusammen vor Ort leben zu lassen. Die Darsteller arbeiteten tatsächlich in den Berufen der Figuren - Uwe zum Beispiel verkaufte Schnitzel, Pommes und Bier im Imbiss "Halbe Treppe" - nur so entstand auch der selbstverständliche Umgang mit den üblichen Kunden des Original-Etablissements, die so gar keinen Anstoß an der Kamera nehmen. "Halbe Treppe" heißt der Imbiss, aber gewissermaßen auf halber Treppe in ihrem Leben sind auch die Protagonisten des Films.

75 Stunden Material wurden für diesem Film gedreht, alle Varianten der Handlung durchgespielt und ausprobiert. Jeden Abend saß das Team zusammen und überlegte den Fortgang der Geschichte. Leisten konnte sich Dresen dieses Luxus-Experiment, weil er gemeinsam mit Produzent Peter Rommel die Preisgelder für seinen Film "Nachtgestalten" in dieses unsichere Projekt investieren konnte. Gut angelegt, das Geld. Vielleicht bringt es ja sogar einen Bären...

Kinderfilme ohne Lobby

Und noch ein Grund zum Feiern: Das Kinderfilmfest begeht sein 25. Jubiläum, seit 15 Jahren unter der Regie von Renate Zylla. Sie hat allen Grund stolz zu sein, denn mit ihr mauserte sich das Kinderfilmfest zum international wichtigsten Forum. Es war ein Prozess der kleinen Schritte. So gibt es unter anderem seit 1994 den Gläsernen Bären, den Preis der elfköpfigen Kinderjury - jedes Jahr in einer anderen Farbe. Der Umzug vor zwei Jahren in den Zoo-Palast brachte wachsende Zuschauerzahlen, dieses Jahr stieg der Disney Channel als Partner ein und ermöglicht eine größere Präsenz der Kinderdarsteller auf dem Festival.

"Halbe Treppe", Darsteller Gabriela Maria Schmiede, Axel Prahl: Tief im Osten
AP

"Halbe Treppe", Darsteller Gabriela Maria Schmiede, Axel Prahl: Tief im Osten

"Wichtig ist, dass wir kontinuierlich ein niveauvolles Programm bieten und unsere Auswahl wie ein Gütesiegel Vertrauen schafft", sagt Renate Zylla. Nur dass mit dem "Stempel" Kinderfilm hier zu Lande manch einer überfordert ist, Verleiher zum Beispiel. So hat der im letzten Jahr bejubelte "Es gibt nur einen Jimmy Grimble" noch immer keinen Starttermin, weil Verleiher Tobis offenbar nichts mit dem tollen Film anzufangen weiß. Oder liegt es einfach an der Nische "Kinderfilm"?

Dieses Jahr wetteifern 11 Spiel- und 14 Kurzfilme um die Gunst von Jury und Publikum. Drama, Märchen, Komödie, Abenteuer, sogar ein Musical ist dabei und jede Menge Action. Allen voran "Kletter-Ida" aus Dänemark, das mutigste Mädchen seit Pippi Langstrumpf. Um ihrem todkranken Vater die Operation zu bezahlen, will sie die sicherste Bank Dänemarks knacken.

Auch der achtjährige Omi aus Indien will seiner kranken Mutter helfen. Da er noch zu klein ist, sucht er ihr einen richtigen Helden - groß, stark, smart und ehrlich. Mit diesem Vorsatz landet Omi in Ottawa bei seinem Onkel und lernt rasch, dass Superhelden selten sind, aber eigentlich jeder das Zeug dazu hat. "Die Reise nach Ottawa" heißt das sensible Debüt des Inders Gaurav Seth, das en passant auch von Annährerungen unterschiedlicher Kulturen erzählt. Aus den Niederlanden stammt der charmante Eröffnungsfilm "Minoes", ein modernes Märchen über ein Mädchen, das einstmals Katze war, bis es von einem Zauberer verwandelt wurde. Dank ihrer guten Verbindungen zu anderen Sanftpfoten, die stets über alles im Bilde sind, wird sie zur Informantin eines Journalisten. Bald haben die beiden es mit einem politischen Fall zu tun.

Ein fast "klassisches" Programm hat Renate Zylla da zusammengestellt, das sich mehr denn je an der Alterstufe der 9- bis 14-Jährigen orientiert. Früher fiel diese Zuordnung mitunter schwerer, etwa bei "Zeit der trunkenen Pferde" oder "Ali Zaoua". Natürlich monierten genau hier all jene "Unzumutbares für Kinder", die in der Regel Filme für Jüngere als läppisch abtun. An Renate Zylla prallt derlei ab: "Wenn der Inhalt stimmt, zählen keine formalen Grenzen", sagt sie und präsentiert nun den 49-Minüter "Der Brief" des Polen Denijal Hasanovic außer Konkurrenz. Er handelt von zwei Freunden in einem bosnischen Flüchtlingslager. Der eine hat durch eine Mine sein rechtes Bein verloren, dann zerbricht auch noch seine Krücke. Also schreibt sein Freund an eine Hilfsorganisation und macht sich auf den langen gefährlichen Weg zum Postamt - mitten durch einen inzwischen vergessenen Kriegsschauplatz.

Mut, Kontinuität und Geschmack führten das Kinderfilmfest zum Erfolg. International weiß man Renate Zyllas Einsatz zu schätzen. Anders die neue Berlinale-Leitung. Oder wie erklärt sich, dass das Buch zum Jubiläum "Blicke Begegnungen Berührungen" erst im Mai erscheint? Seltsam. Was kann das ganze Renommee nützen, wenn die Bedeutung des Festivals nicht von innen erkannt und getragen wird?



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