Berlinale Tagebuch (8) Accept diversity? Ach nö...

Das gummiweiche Motto der Berlinale - "Accept diversity" - kann schon manchmal ganz schön anstrengend werden. Angesichts europäischer Beschaulichkeiten über exzessive Raucher und obsessive Schuhfanatiker wachsen die Zweifel an der Qualität der Wettbewerbsbeiträge.

Von Cristina Moles Kaupp


Antonia San Juan (l.) und Mónica Cervera in "Piedras": Füßchen fest im Blick
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Antonia San Juan (l.) und Mónica Cervera in "Piedras": Füßchen fest im Blick

Zugegeben, es ist ein bisschen bequem, an diesem mittelprächtigen Berlinale-Donnerstag noch einmal an das Motto der Veranstaltung zu erinnern: "Accept diversity". Doch inzwischen kursiert der viel versprechende Slogan immer öfter als Beschwörungsformel, als könnte sie die wachsenden Zweifel an der Qualität der Wettbewerbsfilme beruhigen. Nun denn. Nichts wie hin. Kleine Geschichten über Schuhfanatiker und exzessive Raucher warten schon.

"Piedras" ("Steine") kommt aus Spanien und ist der erste Spielfilm von Ramón Salazar. Geschickt serviert der 29-Jährige hier eine gehörige Portion iberische Exzentrik mit einigen Tapas à la Almodovar. Schuhe sind sein Thema, genauer, die Akzente und Signale, die ihre Trägerinnen damit setzen. Und so schleicht der 29-jährige Regisseur fünf Frauen aus Madrid hinterher, ihre Füßchen fest im Blick. Ob Turnschuh, Glogs, Pantoffeln oder Luxus-Pumps - alle ihre Trägerinnen stecken voller Sehnsüchte und Sorgen. Sie sind auf der Suche nach einem Sinn, nach einem Weg, nach einem Mann. Allen voran die bezaubernde Angela Molina, als einzige ohne Existenzprobleme. Dafür mangelt es ihr an jenen Steinen, auf die man allein im Leben bauen kann: Menschen mit großem Herzen. Charmant und ruhig erzählt, doch reif für den Wettbewerb?

Modernes Aschenputtel: Najwa Nimri als arbeitslose Schuhdesignerin Leire in "Piedras"

Modernes Aschenputtel: Najwa Nimri als arbeitslose Schuhdesignerin Leire in "Piedras"

Ähnliches fragt man sich auch nach "Lundi Matin". Allerdings stellt sich hier eher das Problem der Überlagerung - Altmeisters Otar Iosseliani schickt nicht nur seinen 16. Spielfilm ins Rennen, sondern ist sich selbst einmal mehr ziemlich treu geblieben. Alors - Willkommen in Gauloise-Country! Daran denkt man zumindest am Anfang, erwartet knackfrische Baguettes, Rotwein in Strömen und Charaktere voller Esprit und Charakter. Nicht, dass es daran mangeln würde, doch zu Individualität gehört Freiheit, und die verflüchtigt sich bei Vincent (Jacques Bidou) jeden Morgen, sobald der Wecker klingelt. Er ist um die Vierzig, Schweißer, hat eine fette Frau und zwei Söhne.

Franzosen im Klischee: Jacques Bidou als Vincent (l.) in "Lundi Matin"
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Franzosen im Klischee: Jacques Bidou als Vincent (l.) in "Lundi Matin"

Vincents Leidenschaft ist die Malerei und das Rauchen seine letzte Freiheit. Für beides bleibt ihm wenig Zeit. Fest verschmolzen mit der Fabrikroutine tapst er früh aus dem Haus, schlüpft in seine Gummischuhe, watet durch den Matsch zum alten R4. Lässt die Schuhe draußen stehen, fährt hastig quarzend zum Bahnhof, der Zug zur Arbeit wartet schon. Schnell noch die nächste Kippe angesteckt, blau vernebelt sie die letzten Sekunden zur Abfahrt und die wenigen Meter bis zum Fabriktor. Drinnen schweißt Vincent Rohre, planlos wie es scheint. Überall qualmen und dampfen die Maschinen, heimlich tun es ihnen die Arbeiter nach. Der Nachhauseweg - die umgekehrte Prozedur wie jeden Tag. Punktgenau hält Vincents R4 vor seinen Gummilatschen, er schlurft ins Haus und schließt die Tür. Bekommt sein Essen, aber keine Begrüßung, guckt nach den Kindern und wird rausgeschickt. Setzt sich vor seine Staffelei, träumt sich in eine Seenlandschaft hinein. Viel zu kurz - schon kräht die Frau nach seiner starken Hand. Ein Hundeleben. Draußen zwitschert der Frühling.

Ewig könnte es so weitergehen, doch dann wird Vincent "Nein" sagen, dem Fabriktor den Rücken kehren, sich ins Gras legen und in den Himmel starren. Stunden später trägt ihn ein neuer Weg nach Venedig, wo er Leute treffen wird, mit denen er feiert und sich wieder lebendig fühlt. Nur werden auch sie morgens von einem Wecker aus den Federn geschüttelt, auch sie sind Sklaven, gefangen in gigantischen Ritualen.

Regisseur Iosseliani (l.) am Set von "Lundi Martin": Mit heiterem Blick auf die daheim Gebliebenen
AP

Regisseur Iosseliani (l.) am Set von "Lundi Martin": Mit heiterem Blick auf die daheim Gebliebenen

So streunt Vincent weiter durch die Welt, während Otar Iosseliani sich heiteren Blickes den daheim Geblieben widmet. Ein munteres Panoptikum von Zigeunern, Pfaffen, schönen Frauen und Friedhofsgärtnern, neugierigen Briefträgern, Rollstuhlfahrern, Kindern und Greisen bringt er zusammen - und meint damit zwei Stunden lang ohne nennenswerte Dialoge auszukommen. Stattdessen skizziert der Regisseur aus Georgien genüsslich die Eigenheiten seiner wortkargen Akteure, ähnlich wie 1984 bei "Günstlinge des Mondes", seinem ersten internationalen Kinoerfolg. Nicht was seine Protagonisten sagen ist wichtig, sondern wie sie durch ihre Welt spazieren. Klar ist es spaßig, ihnen zuzuschauen - die ersten 30 Minuten lang. Bis man ziemlich beiläufig entdeckt, dass Vincent doch nicht stumm ist und sich nach Dialogen sehnt anstelle seiner Sketch-Parade.

Auch dass sich Vincents Spur am Ende in der weiten Welt verliert, ist bedauerlich, zu gern hätte man gewusst, was er wohl dabei für sich entdeckt. So warten wir halt ab, in diesem kleinen Dorf im Tal der Loire, ob Vincent noch mal wiederkommt. Und schauen sie uns an - die wahren Franzosen. Ohne den ganzen blauen Dunst. Ohne Liberté, Égalité und so weiter. Accepter la diversité? Ach nö.

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