Berlinale-Tagebuch Bis zum bitteren Ende

Nach dem schlechtesten Wettbewerbsprogramm seit Jahren schleppen sich die Festivalgäste der Berlinale ermattet ins Ziel. François Ozons Abschlussfilm "Angel" zwang die Besucher jedoch abermals durch 137 zermürbende Minuten. Musste das sein? Eine Bilanz.

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Es ist erstaunlich, wie sich im Verlaufe eines Festivals die Kriterien verändern können. Am Anfang erwartet man aufwühlende, mitreißende Filme, die das Herz höher schlagen lassen.

Hollywoodstar Sharon Stone und Berlinale-Direktor Dieter Kosslick: Charme wie kaum ein anderer
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Hollywoodstar Sharon Stone und Berlinale-Direktor Dieter Kosslick: Charme wie kaum ein anderer

Doch wenn man, wie bei der diesjährigen Berlinale, neun Tage lang jeden Morgen um 9 Uhr zur ersten Wettbewerbsvorführung ins Kino gegangen ist und dann so gut wie jedes Mal ein einfallsloses, behäbiges Machwerk gesehen hat, hofft man bei jedem weiteren Film nur noch, nach dem Vorspann möglichst schnell wegzudämmern.

Am Ende des Festivals ist ein Film also dann gut, wenn er uns nicht im Schlaf stört. Ganz schlecht kommt es an, wenn immer wieder geschossen wird wie in dem israelischen Beitrag "Beaufort" oder laufend Geschirr zerdeppert wird wie in der tschechisch-slowakischen Komödie "Ich habe den englischen König bedient". Daumen dagegen hoch für Filme wie das mongolische Drama "Desert Dream": Da haben die Figuren zwar mitten in der Steppe Sex, aber dankenswerterweise leise.

Die Mongolen kommen!

Man kann dem Regisseur Zhang Lu wahrlich nicht vorwerfen, daran schuld zu sein, dass seine Zuschauer wach bleiben. Ganz im Gegenteil. Immer wieder lässt er seine Figuren aus dem Bild treten und schwenkt ihnen dann nach. Von links nach rechts, von rechts nach links, ganz langsam und bedächtig, mit einer Monotonie, die im Grunde jedes hyperaktive Kind zur Ruhe bringen müsste. Warum also bringt uns der Film dennoch um unseren Schlaf?

Vielleicht ist es die Angst vor dem mongolischen Kulturimperialismus. Moritz de Hadeln, Dieter Kosslicks Vorgänger im Amt, wurde oft vorgeworfen, ein Büttel der amerikanischen Verleiher zu sein, denn für jeden guten Film, den er von ihnen habe bekommen wollen, habe er sich noch einen schlechten unterjubeln lassen. Solche Deals macht Kosslick nun scheinbar mit den Mongolen. Für das sympathische Ehedrama "Tuyas Ehe", das im Nordwesten der Inneren Mongolei gedreht wurde, nahm er "Desert Dream" in Kauf, die 123 Minuten lange Arbeitsprobe eines Schwenkers, entstanden an der Grenze zwischen der Mongolei und China.

Der Preis der schönen Frauen

An der Grenze hatte Kosslick in diesem Jahr wenig Glück. Gregory Navas "Bordertown" ist der streckenweise peinigend gescheiterte Versuch, von einer Mordserie an der mexikanisch-amerikanischen Grenze zu erzählen und Jennifer Lopez eine investigative Journalistin spielen zu lassen. Er habe auf ein wichtiges Thema aufmerksam machen wollen, verteidigt Kosslick den Film. Das dürfte nur die halbe Wahrheit sein.

Kosslick wollte sich mit Jennifer Lopez auf dem roten Teppich zeigen. Und weil er sich auch mit Sharon Stone präsentieren wollte, nahm er deren Film "When A Man Falls In the Forest", ein halbfertiges Patchwork über Kommunikationsschwierigkeiten, ins Programm. Um die Stars nach Berlin zu bekommen, hievt Kosslick minderbemittelte Filme in den Wettbewerb - ein hoher Preis. Dabei hat er doch so viel Charme wie kaum ein anderer! Einer wie er müsste eigentlich jede Frau für sich und das Festival begeistern können.

König der Beilagen

Der erklärte Feinschmecker Kosslick hat "Das kulinarische Kino" eingeführt, eine schöne Veranstaltungsreihe mit guten Filmen und gutem Essen. Das Problem ist jedoch, dass der Festivalchef selbst immer mehr zum König der Beilagen wird. Die Stars, der Rummel, die Feiern, das ganze Drumherum droht immer mehr, zum Zentrum der Berlinale zu werden; das Kerngeschäft, ein exzellentes Wettbewerbsprogamm zusammenzustellen, scheint darunter zu leiden. Das Auge isst auch im Kino mit, und es hat kulinarische Bilder verdient.

Doch so viel unteres Mittelmaß wie in diesem Jahr fand sogar in den düsteren Tagen der De-Hadeln-Ära selten seinen Weg in den Wettbewerb, Filme, die weit hinter ihren hohen Prätentionen zurück blieben wie "In Memoria Di Me" von Saverio Costanzo, "Goodbye Bafana" von Bille August oder "Hallam Foe" von David Mackenzie. Ausreißer nach oben gab es wenige, Robert De Niros CIA-Panorama "Der gute Hirte" etwa, Sam Garbarskis melancholische Komödie "Irina Palm" und Christian Petzolds Gespensterstück "Yella".

Zäher Abschied

Auch der chinesische Beitrag "Lost in Beijing", wegen erheblicher Probleme mit der Zensur in seiner Heimat nun in Berlin mit Spannung erwartet, konnte am Ende nur ein kleines, nervös flackerndes Glanzlicht setzen. Mit Wackelkamera folgt Regisseur Li Yu seinen Figuren durch das Peking von heute und ein Gewirr von Sex, Gewalt, Liebe und Geld. Das Ringen von vier erwachsenen Menschen um ein Kind, das aus einer Vergewaltigung heraus entstanden ist, bringt immerhin einige packende und bewegende Momente mit sich.

Zum Abschluss des diesjährigen Wettbewerbs läuft François Ozons neuer Film "Angel", die zähe Adaption des gleichnamigen Romans der britischen Schriftstellerin Elizabeth Taylor. Mit einer nervtötend überkandidelten Romola Garai in der Hauptrolle erzählt Ozon in oft qualvoll stupiden Schuss-Gegenschuss-Folgen von Hochmut vor dem Fall. Es ist vielleicht genau der Abschlussfilm, den dieses Festival verdient hat.



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