Berlinale-Tagebuch Ein Paar Nervensägen

Nur ein paar hundert Meter vom Berlinale-Trubel entfernt dreht Regisseur Roman Polanski mit großem Aufwand seinen neuen Thriller "The Ghost". Im Wettbewerb geht es dagegen minimalistisch zu: Der deutsche Spielfilm "Alle anderen" zeigt ein Paar in der Krise.

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Kino ist die Kunst der Illusion, mal mehr, mal weniger. Wie man mit viel Aufwand große Wirkung erzielt, kann man in diesen Tagen ein paar hundert Meter entfernt vom Berlinale-Rummel erleben: Die Charlottenstraße in Berlin-Mitte doubelt eine Gasse in London namens Orange Street. Drei rote Doppeldeckerbusse hat man herangekarrt, außerdem ein gutes Dutzend weitere Autos mit Rechtssteuerung, die immer wieder durch die Straße fahren, natürlich auf der linken Seite; auch die deutschen Verkehrsschilder hat man gegen britische ausgewechselt. Der ganze Block zwischen dem Boulevard Unter den Linden und dem Gendarmenmarkt ist für den normalen Verkehr gesperrt.

So muss es wohl sein bei einer internationalen Großproduktion mit Stars wie Ex-Bond-Darsteller Pierce Brosnan. Denn Regisseur Roman Polanski ("Chinatown") dreht hier gerade erste Szenen seines neuen Films "The Ghost", ein Thriller nach dem Roman von Robert Harris, Kinostart im Jahr 2010.

Dutzende von Assistenten und Technikern wuseln herum, Wachleute murmeln Kommandos in ihre Funkgeräte. Immer wieder müssen die Autos zurücksetzen und werden von Helfern mit Gartenschläuchen abgeduscht, damit die Szenerie trotz strahlendem Sonnenschein nach Regenwetter aussieht. Die Statisten tragen – wir sind ja schließlich angeblich in London – Regenschirme und Trenchcoats, einige auch britische Polizeiuniformen.

Hauptdarsteller Ewan McGregor läuft in einem brauen Cordmantel über den Bürgersteig. Und ein kleiner Herr mit schwarzer Wollmütze beugt sich über einen Monitor: Oscar-Preisträger Roman Polanski, 75 Jahre alt. "Action!", hallt es durch die Straße, und dann rollt der Verkehr wieder für ein paar Meter. Nur der Wirt eines Restaurants in der Nähe ist sauer, weil er wegen der Dreharbeiten kaum zu seinem Lokal durchkommt – und viele Gäste an diesem Tag sicher auch nicht. Vielleicht läuft "The Ghost" im nächsten Jahr auf der Berlinale, ein großes Renommier-Spektakel wie in diesem Jahr Tom Tykwers "The International".



Im Wettbewerbsprogramm dominiert dagegen zur Mitte des Festivals ein strenger Minimalismus. "Alle anderen" ist ein Kammerspiel im milden Mittelmeerlicht, inszeniert von der deutschen Regisseurin Maren Ade, 32. Es ist ihr zweiter Spielfilm nach "Der Wald vor lauter Bäumen", der das Martyrium einer jungen Lehrerin gnadenlos genau vorführte.

Paarweise Entzweiung

In "Alle anderen" beobachtet Ade nun mit der Akribie einer amüsierten Insektenforscherin ein Paar um die 30, Gitti und Chris, deren Liebesleben fast unmerklich zerfällt. Die beiden machen Urlaub im Ferienhaus seiner Mutter auf Sardinien, die Sonne scheint, die Tage vergehen bei Rotwein, Wandertouren und routiniertem Sex. Eigentlich könnte die Idylle perfekt sein.

Doch Chris (Lars Eidinger), ein eher schweigsamer Architekt, hadert mit einem Auftrag, den er nicht bekommen hat; Gitti (Birgit Minichmayr), von Beruf PR-Managerin einer Plattenfirma, hat einen Hang zur Theatralik; Diplomatie ist nicht ihre Stärke.

Und so legt der Urlaub lange unterdrückte Konflikte frei: Statt eine Beziehung zu führen, wird ununterbrochen über die Beziehung geredet. Das kann nicht gut gehen. Auf Dauer – Filmlänge: 119 Minuten – leidet der Zuschauer fast ebenso wie das Paar selbst.

Zusätzliche Dynamik kommt in die Geschichte, als sich ein zweites Paar einmischt. Gitti und Chris treffen Hans (Hans-Jochen Wagner) und Sana (Nicole Marischka), erst zufällig im Supermarkt, später beim gemeinsamen Grillabend.

Chris und Hans sind Kollegen, doch im Gegensatz zu Chris gibt Hans überzeugend den von keinerlei Selbstzweifeln geplagten Erfolgsmenschen, der dafür von seiner schwangeren Gattin angehimmelt wird. So werden wir nicht, so wollen wir nicht werden, sagen sich Gitti und Chris. Oder vielleicht doch?

"Ich bin nicht daran interessiert, eine Dokumentation zu drehen", erzählte Regisseurin Ade soeben dem Branchenblatt "Hollywood Reporter", "aber ich bin interessiert an Authentizität." Tatsächlich ist Ade mit "Alle anderen" das recht überzeugende Porträt einer verwöhnten Generation gelungen, deren Anspruchsdenken jedes noch so kleine Glück verdirbt. Mamas Ferienhaus mit Pool zum Beispiel wird wie eine Selbstverständlichkeit hingenommen – um dann bei jeder Gelegenheit über die Inneneinrichtung zu lästern.

Wenig Anziehendes über Mode

Während Ade ihre Dramaturgie planvoll kaschiert, baut ihre britische Regie-Kollegin Sally Potter ("Orlando") ihren Film "Rage" auf exakt einer dramaturgischen Idee auf: Schauspieler sprechen abwechselnd direkt in Kamera, in diesem Fall Plattitüden zum Thema Mode, 99 Minuten lang.

So lange hielten bei der Pressevorführung allerdings nicht alle Zuschauer durch. "Rage" (Wut) war der Wettbewerbsbeitrag mit der bislang höchsten "Walk-out"-, das heißt Flucht-Quote. Auch die prominente Besetzung (darunter Judi Dench als Modekritikerin und ein nuttig geschminkter Jude Law als weibliches Model) konnte dieses grausam vergurkte Ärgernis von Film nicht retten.

Kino ist die Kunst der Illusion, mal mehr, mal weniger. Aber mitunter hilft es, sich auf den neuen Film von Roman Polanski zu freuen.



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