Berlinale-Tagebuch Vom Nackten, Überleben

Sparen, sparen, sparen! Zu Beginn des Berlinale-Wettbewerbs wird klar: Die Krise ist im Kino angekommen. Filme wie "Little Soldier" und "Der Vorleser" wollen ökonomisch sein und mehrere Geschichten auf einmal erzählen. Doch die Rechnung geht nicht auf.

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"Sex und Crime geht immer", sagt Annette K. Olesen auf der Pressekonferenz und lacht. Gefragt war nach dem Impuls, einen Film wie "Little Soldier" zu machen. Der Film der dänischen Regisseurin ist ein hartes realistisches Drama über Menschenhandel und Prostitution, Eltern-Kind-Konflikte und den Sinn von Kriegseinsätzen fern der Heimat; er eröffnete am Freitag den offiziellen Wettbewerb um den Goldenen Bären.



Die 43-jährige Filmemacherin, die schon zum vierten Mal einen Film in Berlin zeigt, wollte ursprünglich "einen Gangsterfilm" drehen, doch dann hätten sich viele andere Themen aufgedrängt und sie habe versucht, ihnen allen gerecht zu werden.

"Im Grunde aber ist es ein Film über das Retten geworden, ob nun sich selbst oder die ganze Welt", sagt Olesen. Man merkt: Die Wirtschaftskrise hat ihren Schatten schon längst über alles gelegt. Es reicht nicht mehr, eine Geschichte zu erzählen. Es müssen - Sparmaßnahmen allerorten - mindestens drei sein. Das kann, man ahnt es, nicht gut gehen.

Dramaturgische Fehlkalkulation

Dabei ist die Idee des Films vielversprechend: Die dänische Soldatin Lotte (Trine Dyrholm) kommt schwer traumatisiert von ihrem Einsatz im Irak zurück ins vordergründig beschauliche Skandinavien und fängt bei ihrem Vater als Fahrerin an.

Allerdings ist ihre Fracht dunkelhäutig, aufreizend gekleidet und heißt Lily. Lotte lernt, dass der lebenslustige Daddy neben seinem Transportunternehmen noch ein weiteres Trafficking betreibt: Er spielt den Zuhälter für junge Frauen aus Afrika, die sich prostituieren, um Geld für die Familie zu Hause zu verdienen. So auch Lily, die daheim in Nigeria eine kleine Tochter hat und von einem besseren Leben träumt, am liebsten in London, mit einem netten weißen Mann.



Dass es den nicht gibt, weiß Lotte aus eigener Erfahrung. Ihr eigener Vater ließ sie nach dem Tod ihrer Mutter bei den Großeltern aufwachsen und kümmerte sich kaum um seine Tochter. Zuerst ist die Kriegsheimkehrerin eifersüchtig auf die kaltschnäuzige Lily, die als Daddys Girlfriend besondere Aufmerksamkeit genießt, doch mit der Zeit entdecken die beiden Frauen, dass sie viel gemeinsam haben, und freunden sich an.

Am Ende glaubt Lotte, die einst aus purem Idealismus als Dänin in den Krieg der Amerikaner zog, doch noch die Welt retten zu können: Sie bestiehlt ihren verhassten Vater und gibt Lily genug Geld, um sich freizukaufen. Doch die Welt will nicht gerettet werden: Lily, das Luder, denkt gar nicht daran zu fliehen. Das Geschäft mit dem Sex ist viel zu lukrativ. "Sie geht niemals in den Schweinestall zurück, aus dem sie kommt", höhnt Lottes Vater, bevor er sie wegen des Diebstahls brutal zusammenschlägt.

So naturalistisch die Bilder sind, so krass die Handlung daherkommt: "Little Soldier" will einfach zu viel. Die mit Symbolik aufgeladenen Figuren bleiben bloße Klischees und erwachen nicht zu eigenem Leben. Zu formalistisch und letztlich prätentiös ist dieser engagierte Film, der mit viel Elan zeigen will, wie schlecht und kaputt doch alles ist.

Ausgezogen, um zu belehren

Na gut, aber um uns genau das vorzuführen, dafür sind Festivalfilme ja schließlich da, könnte man jetzt ein bisschen boshaft behaupten. Läuft Stephen Daldrys Verfilmung des Bestsellers "Der Vorleser" von Bernhard Schlink deshalb außer Konkurrenz? Offiziell ist es natürlich das Reglement, das besagt, dass ein Film noch nicht regulär angelaufen sein darf, um im Wettbewerb dabei zu sein. "The Reader", wie die deutsch-amerikanische Koproduktion im Original heißt, läuft allerdings schon seit Dezember mit limitierter Kopienzahl in den USA und ist für fünf Oscars nominiert.

Kein Wunder, denn der britische Regisseur Stephen Daldry ("Billy Elliot") hat die mit Holocaust-Schuld und Generationen-Krampf befrachtete Geschichte einer Nachkriegsromanze zwischen einem Teenager und einer reifen Frau in genau jener Ästhetik (opulente Bilder, perfekte Ausstattung, süffige Nackt- und Nahaufnahmen) verfilmt, die "Oscars her!" verkündet.

Kate Winslet spielt Hanna Schmitz, eine nicht mehr ganz junge alleinstehende Frau, die im Nachkriegsdeutschland den Teenager Michael Berg (David Kross) in Sex- und Liebesdingen unterrichtet. Im Gegenzug verlangt sie, dass der gebildete Knabe ihr aus Literatur-Klassikern vorliest.

Die wilde, von Daldry teils deftig, teils delikat in Szene gesetzte Affäre endet so plötzlich wie sie begann, und Michael lernt auch gleich noch, wie sich ein gebrochenes Herz anfühlt. Dass er in Wahrheit gar nicht mit einer schönen Frau, sondern als Deutscher mit seiner schlimmen Nazi-Vergangenheit im Bett lag und dadurch dauerhaft geprägt wurde, lernt er erst Jahre später. Mittlerweile Jurastudent, entdeckt er Hanna in einem öffentlichen Prozess gegen ehemalige KZ-Wärterinnen auf der Anklagebank.

Der junge Mann ist schockiert, als er nach all den Jahren Hannas Geheimnis entschlüsselt: Sie kann nicht lesen - und wurde zur Erfüllungsgehilfin der Nationalsozialisten offenbar aus Scham, weil sich ihr als Analphabetin kaum andere Möglichkeiten boten. Aber entschuldigt mangelnde Bildung die Beihilfe zum Massenmord? Natürlich nicht, aber bei dieser Frage, ob Scham die Schuld relativiert, verliert der Film - analog zum Buch - seine Schärfe und endet auf einer unentschlossenen Note.

Was soll "Der Vorleser" sein? Dampfende Romanze vor historischer Kulisse? Pädagogisches Drama? Denkstück über die Last der deutschen Generation Nachkrieg? Daldrys Film ist von alldem ein bisschen und nichts davon richtig. Zum Erbauungskino taugt er schon allein deshalb nicht, weil es für die Greuel des Holocaust weder Entschuldigung noch Absolution geben kann. Zu viel auf einmal, zu wenig, was bleibt.

Auf der Pressekonferenz am Freitagnachmittag, zu der neben Darstellern, Regisseur und Drehbuchautor auch Schriftsteller Schlink erschien, ging es zwar um die schwere deutsche Vergangenheitsbewältigung in der Nachkriegszeit. Vor allem aber war von Interesse, wie sich Winslet bei den Sex-Szenen mit dem jungen Kollegen gefühlt habe.

Am Ende wird es vermutlich der Oscar für Kate Winslet sein, der vom "Vorleser" bleibt. Und den hat die fünfmal erfolglos nominierte Schauspielerin für den Spagat zwischen Monster und Muse allemal verdient. Ansonsten gilt: Sex und Crime funktionieren immer.



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