Berlinale Frauenfaust aufs Männerauge

Zwei Kammerspiele über kaputte Liebespaare konkurrieren im Wettbewerb: Sally Potters "The Party" ist ein großer Erfolg beim Publikum - und zeigt, was in "The Dinner" von Oren Moverman schiefläuft.

Berlinale/ Tesuco Holdings

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Große Unterhaltungskunst bedient oft unsere niedrigsten Instinkte - das merkt man im Kino immer dann, wenn Liebespaare ihr innerstes Unglück preisgeben und die Kinozuschauer sich vor Lachen krümmen. So ist es im Fall von Rebecca Hall und Richard Gere in Oren Movermans Bestsellerverfilmung "The Dinner": Der Film handelt von einem katastrophalen Abendessen unter kultivierten amerikanischen Ehepaaren und gleich zu Beginn präsentiert die Frau ihrem Gatten den Mittelfinger, zur johlenden Begeisterung des Publikums. Kaum anders ist es in Sally Potters Film "The Party": Er zeigt eine Feier unter kultivierten Briten, auf deren Höhepunkt Kristin Scott-Thomas ihrem von Timothy Spall gespielten Ehepartner einen kräftigen Schlag ins Gesicht verpasst. Die Schadenfreude im Kinosaal ist kolossal.

Sally Potter ist die am Montag freundlich bejubelte Siegerin in diesem Duell zweier Berlinale-Wettbewerbsfilme, die das Genre der Zimmerschlacht unter Paaren neu beleben. "The Dinner" und "The Party" hetzen wie die klassischen Pärchen-Kammerspiele "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" und "Der Gott des Gemetzels" angeblich liebende und scheinbar hochgebildete Menschen aufeinander, bis die Masken fallen und die Fetzen fliegen. Auffälligerweise spielen sowohl Movermans als auch Potters Film im Politikermilieu.

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Berlinale: Frauenfaust aufs Männerauge

In "The Dinner" spielt Richard Gere einen US-Kongressabgeordneten, der für einen Gouverneursposten kandidiert, dauernd wichtigtuerisch mit seinen Freunden in Washington telefoniert, aber zuhause leider Probleme mit dem kriminellen Familiennachwuchs hat. In "The Party" ist Kristin Scott-Thomas eine feministische Labour-Politikerin, die es ins Schattenkabinett ihrer Partei geschafft hat und gerne britische Premierministerin werden möchte - nur leider wird in ihrem Haus gekokst, gelogen und geprügelt, bis sich jeder der Anwesenden auf die Knochen blamiert hat. "Als Realistin erwarte ich von allen das Schlimmste", verkündet Patricia Clarkson in ihrer Rolle als klügste Freundin der Gastgeberin einmal.

Potters "The Party" ist ein Film in Schwarz-Weiß, ohne großen Aufwand gedreht und nur 71 Minuten lang - und wird nicht unbedingt von den KritikerInnen, aber vom Publikum so gefeiert wie bei dieser Berlinale bisher kaum ein anderer Film. Natürlich liegt das am Boulevardcharakter dieser Versuchsanordnung. Der Witz, das Tempo und das Timing der von Potter selbst verfassten Dialoge folgen der Tradition der Screwballkomödie; die böse Kraft des Films aber entsteht aus der Idee, ein hübsches Londoner Stadthaus zum sinnbildlichen Schlachtfeld einer menschlich zerrütteten Gesellschaft zu machen.

So komisch der Film ist, so finster ist seine Diagnose

Janet (Scott-Thomas) begrüßt mit ihrem Gatten Jim (Spall) ein paar enge Freunde, um ihre Ernennung zur Schatten-Gesundheitsministerin zu feiern; zu den Gästen gehören ein lesbisches Paar, das Nachwuchs erwartet (Cherry Jones und Emily Mortimer); eine hochgelehrte Zynikerin (Clarkson) und ihr esoterisch vertrottelter deutscher Lebenspartner, den Bruno Ganz mit toller, überraschender Weltläufigkeit spielt. Im Verlauf der Party werden schreckliche Arztdiagnosen und lustige Affären offenbart, es wird über Genderprojekte gewitzelt, eine Pistole verschwindet im Mülleimer, Blut tropft aufs Parkett. In diesem Chaos scheint die Regisseurin Potter selbst darüber zu staunen, dass all die Menschen, die sie hier zeigt, mit den besten Absichten ein vollkommen verlogenes Leben führen.

"The Party" wurde in zwei Wochen rund um das Brexit-Votum der britischen Wähler gedreht. So komisch der Film ist, so finster ist seine Diagnose. Potter nennt ihn ein "politisches Statement"; und der Zuschauer darf darüber nachdenken, ob das Teil des Spiels oder ihr voller Ernst ist.

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Berlinale 2017: Die Filme im Wettbewerb

"The Dinner" dagegen ist ein absolut humorloses Lehrstück. Während Sally Potter leidenschaftlich Anteil nimmt an der moralischen Beschränktheit und am komischen Scheitern ihrer Helden, führt der Regisseur Overman eiskalt vor, was zu beweisen ist: dass in jedem Menschen eine niederträchtige, egoistische, mörderische Bestie steckt. Selbst in einer Ehefrau und Mutter mit dem scheinbar so gütigen Gesicht von Laura Linney, die zunächst die sympathischste Figur ist - und sich dann als ruchlose Sozialdarwinistin erweist.

"The Party" ist kein Rechthaberkino

Die Story folgt dem Buch des Niederländers Herman Koch, das auf deutsch "Angerichtet" heißt und 2009 erschien. Zwei Ehepaare streiten ein Abendessen lang über ein Verbrechen ihrer Söhne; die Teenager haben, wie sich nach und nach herausstellt, aus einer Laune heraus eine Obdachlose umgebracht. Und während die beiden Paare Gang für Gang ein Luxusmenü verspeisen, wird in Rückblenden von Ehebruch, einer Krebserkrankung, einer psychischen Störung berichtet und jede Menge angeblich zeittypische Korruptheit offenbart. Die einzige Pointe dieses Entlarvungsreigens besteht darin, dass sich ausgerechnet der von Richard Gere gespielte Politiker noch eine Spur von Restanstand bewahrt hat.

Die Genre-Regel, dass in einem wirklich packenden Kammerspiel stets die schlimmstmögliche Wendung einzutreten hat, wird auch von Sally Potter konsequent befolgt, wenngleich auf viel elegantere Weise. "The Party" ist kein Rechthaberkino, das die Zuschauer über die Natur des Menschen belehren will. Man sieht ein paar sympathischen, angeschlagenen, mittelinteressanten Menschen dabei zu, wie sie klarzukommen versuchen mit ihren Ansprüchen an Gott und die Welt. Wie sie sich in Widersprüche verstricken. Wie sie einander schluchzend um den Hals fallen und zornig an die Gurgel gehen. "Ich halte dauernd Reden über Frieden und Versöhnung", verkündet Kristin Scott-Thomas einmal, vollkommen verblüfft darüber, zu welchen mörderischen Entschlüssen sie in diesem ein bisschen albernen, hinreißenden, für eine Auszeichnung bei diesem Filmfestival vermutlich viel zu verspielten Film imstande ist.



insgesamt 3 Beiträge
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frida1209 16.02.2017
1. Spoiler
Ist wenig nett, wie hier wieder gespoilert wird. In der "Berlinale"-Berichterstattung vom RBB wurde das Verbrechen der Kinder nicht benannt. SPON ist doch nicht die Wikipedia, die detailliert alles nacherzählt. Einfach ärgerlich.
Esib 16.02.2017
2. Immer wieder interessant
---Zitat--- Kaum anders ist es in Sally Potters Film "The Party": Er zeigt eine Feier unter kultivierten Briten, auf deren Höhepunkt Kristin Scott-Thomas ihrem von Timothy Spall gespielten Ehepartner einen kräftigen Schlag ins Gesicht verpasst. Die Schadenfreude im Kinosaal ist kolossal. ---Zitatende--- Es ist immer wieder interessant, dass über häusliche Gewalt durch Frauen gegen Männer in Film und Fernsehen so unkritisch bis positiv berichtet wird. Und es auch von den einschlägigen Kreisen, die sonst überall häusliche Gewalt quasi als Epidemie wittern, nicht einmal ansatzweise Protest kommt.
Mastermason 16.02.2017
3. SPON, merken Sie was?
Mann schlägt Frau = Häusliche Gewalt, Frau schlägt Mann = Höhepunkt einer Screwball-Kommödie. Sagt Ihnen der Begriff "Double Standard" etwas, Herr Höbel?
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