Film "Es gibt kein Böses" aus Iran Verboten - und aufwühlend

Trotz Arbeits- und Ausreiseverbot hat der Iraner Mohammad Rasoulof seinen neuen Film auf der Berlinale zeigen können. Er zeichnet ein Land, in dem die Todesstrafe wie ein Gift in die Gesellschaft gesickert ist.
Ehsan Mirhosseini in "Sheytan vojud nadarad" von Mohammad Rasoulof

Ehsan Mirhosseini in "Sheytan vojud nadarad" von Mohammad Rasoulof

Foto: Cosmopol Film/ Berlinale

Volle Säle und lange Schlangen gehören zum Publikumsfestival Berlinale, leider aber auch leere Stühle auf den Podien der Pressekonferenzen. Immer wieder halten autoritäre Regime Filmemacher davon ab, ins Ausland zu reisen und ihre Filme persönlich zu präsentieren. 2015 konnte der iranische Regisseur Jafar Panahi seinen Film "Teheran Taxi" nicht vorstellen, seine Nichte nahm später den Goldenen Bären für ihn an.

Pressekonferenz am Freitagnachmittag mit den Schauspielern Baran Rasoulof (Zweite von links) und Kaveh Ahangar (Zweiter von rechts)

Pressekonferenz am Freitagnachmittag mit den Schauspielern Baran Rasoulof (Zweite von links) und Kaveh Ahangar (Zweiter von rechts)

Foto: TOBIAS SCHWARZ/ AFP

2020 bleibt der Stuhl von Mohammad Rasoulof leer. Auch er durfte nicht aus Iran nach Berlin reisen. Mit zweijährigem Berufsverbot belegt, aber nicht in Haft und auch nicht unter Hausarrest gestellt, so erklärten Rasoulofs Produzenten Kaveh Farnam und Farzad Pak dessen Situation.

Wie er es trotzdem geschafft hat, seinen Film "Sheytan vojud nadarad" ("Es gibt kein Böses") fertigzustellen und als abschließenden Beitrag des diesjährigen Wettbewerbs zu zeigen, wollen sie nicht genauer verraten. Alles sei mit Genehmigung gedreht, so Farnam und Pak.

Der Trick war wohl, die vier Teile des Films als einzelne Kurzfilme und nicht als Episoden eines Gesamtwerks zu deklarieren. Im letzten Teil spielt Rasoulofs Tochter Baran, die mit ihrer Mutter in Hamburg lebt, mit - womöglich muss sie am Samstagabend ihren Vater im Berlinale-Palast vertreten: "Sheytan vojud nadarad" könnte der nächste Goldene-Bären-Gewinner aus Iran sein, so laut wurde jedenfalls bei der Pressevorführung geklatscht.

Und wie hältst du es mit der Todesstrafe?

Die Stärke des iranischen Kinos, die politischen Verwerfungen des Mullah-Regimes als persönliche moralische Dilemmata kristallisieren zu lassen, treibt Rasoulof hier auf die Spitze. Viermal variiert er das Motiv eines Einzelnen, der sich zur in Iran vielfach vollstreckten Todesstrafe verhalten muss. Nach China gibt es laut Amnesty International kein Land auf der Welt, das häufiger die Todesstrafe ausführt als der wesentlich kleinere Iran: 2018 wurden 253 dokumentierte Hinrichtungen gezählt.

Wenn die staatlich sanktionierte Tötung so verbreitet ist, braucht es dafür auch eine eigene Infrastruktur - und Menschen, die diese am Laufen halten. Zweimal zeigt Rasoulof Menschen, die sich entscheiden müssen, ob sie Teil dieser Infrastruktur sein wollen. Einer entscheidet sich dafür, der andere dagegen. Und zweimal zeigt Rasoulof Menschen, die mit den Konsequenzen ihrer Entscheidung leben müssen. Einem wird erst gewahr, wovon er Teil geworden ist, der andere muss seit Jahrzehnten damit leben und bricht schließlich unter der Verantwortung zusammen.

Wie dramatische Einakter inszeniert Rasoulof diese Episoden, mal ist er kammerspielhaft nah dran an den Figuren, dann überrascht er mit Action-Elementen. Sein Hang zur Pointe ist allerdings in allen Episoden zu spüren. Einmal mündet er in einer wahrhaft schockierenden Endszene, häufiger jedoch führt er auf melodramatisches Terrain, auf dem er sich erzählerisch alles herausnimmt.

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Foto: Homegreen Films/ Berlinale

Ein Mann, der minutenlang einfach nur sitzt, während draußen an sein Fenster der Regen prasselt. Ein anderer Mann, der akribisch Gemüse und Fisch wäscht, dann daraus ein Gericht zubereitet: Kang, dem stets traurig-melancholisch schauenden Protagonisten des taiwanesischen Regisseurs Tsai Ming-Liang sieht man oft zu, als betrachte man eine Naturdoku: Er wird auf seine Physis und seine Kreatürlichkeit zurückgeworfen. Handgeformtes Kino nennt Tsai seine eindrückliche Art zu filmen. So ist es auch in "Rizi” ("Days”, Wettbewerb), der den unter schlimmen Nacken und Schulterverspannungen leidenden Kang in Bangkok mit dem jungen, kochenden Reinlichkeitsfanatiker zusammenführt. Die Wege dieser beiden einsamen Männer kreuzen sich in einem Hotelzimmer zu einer zwar bezahlten, aber dennoch sehr zärtlichen Massage-Session. Der Schmerz des einen löst sich in der hingebungsvollen Dienstleistung des anderen auf - ein wundervoller, existenziell tröstender Kino-Moment, der komplett ohne Dialoge auskommt und doch alles über das Bedürfnis nach menschlicher Nähe erzählt. Andreas Borcholte

Auf der Pressekonferenz am Freitagnachmittag merkte ein iranischer Kollege an, dass die Darstellung des iranischen Militärs verzerrt sei. Einfache Wehrdienstleistende würden aktuell nicht, wie bei Rasoulof mehrfach gezeigt, aus reiner Willkür zur Vollstreckung der Todesstrafe genötigt, stattdessen gäbe es dafür offizielle Posten, die mit dem Vollzug betreut seien. Vom Filmteam erntete der Kollege daraufhin erzürnten Widerspruch: Man habe einen Spiel- und keinen Dokumentarfilm gedreht.

Doch die Frage ist nicht, ob "Sheytan vojud nadarad" von seinen unbestrittenen Freiheiten in der fiktionalen Aufbereitung tatsächlicher moralische Konflikte Gebrauch gemacht hat, sondern in welchem Umfang er dies getan hat. Die Bereitwilligkeit, mit der Rasoulof das dramatische Potenzial seiner Episoden ausreizt, rückt den Film in jedem Fall weg vom politischen Realismus hin zum forcierten Melodram.

Ob das den Wert des Films mindert, muss jeder für sich entscheiden. Die Jury könnte es jedenfalls vor sehr interessante Diskussionen stellen. Am Samstagabend werden wir wissen, wie diese ausgefallen sind.

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