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13. Februar 2014, 08:29 Uhr

Berlinale-Tagebuch

Lasst uns einen Baum umarmen!

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Jetzt wird's seltsam auf der Berlinale: Die Bären-Gewinnerin Claudia Llosa schickt Oscar-Gewinnerin Jennifer Connelly als Wunderheilerin an den Polarkreis, während in Argentinien umstandslos der symbolische Vatermord betrieben wird.

Was gesehen? "La Tercera Orilla" von Celina Murga (Argentinien); "Aloft" von Claudia Llosa (Spanien/Kanada/Frankreich); "Bai Ri Yan Huo" von Diao Yinan (China, alle Wettbewerb). Im Forum Expanded: "Umsonst" von Stephan Geene (Deutschland).

Wie war's?

Die drei neuen Wettbewerbsfilme waren alle okay, was natürlich ein zweifelhaftes Kompliment ist, denn um Filme zu finden, die okay sind, braucht man kein internationales A-Film-Festival. Das aufsehenerregendeste an "La Tercera Orilla" ("Das dritte Flussufer") von Celina Murga zum Beispiel war der kleine Zusatz "presented by Martin Scorsese" gleich zu Beginn. Der nordamerikanische Meister ist nämlich ein Fan und Mentor der noch eher unbekannten Regisseurin aus Argentinien und hat sie vor ein paar Jahren im Rahmen eines Stipendiums die Dreharbeiten seines Films "Shutter Island" beobachten lassen.

Und Talent hat sie auch. "La Tercera Orilla" ist eine konzentriert erzählte, sanfte bis düstere Familiengeschichte über einen Jungen, der sich langsam von seinem Vater zu befreien versucht, der mit arroganter Selbstverständlichkeit über gleich zwei von ihm gegründete Familien herrscht. Mit seinen ständigen Geld- und Sachgeschenken zunächst noch von allen als großzügiger Wohltäter wahrgenommen, erkennt der Sohn zunehmend den kalten Tyrannen und beschließt den Gegenschlag. Der kommt dann am Ende aber etwas unvermittelt, denn der Junge hätte ruhig erst mal ein Gespräch suchen können, bevor er gleich zum zerstörungswütigen Rächer wird.

Unter schweren Glaubwürdigkeitsproblemen leidet auch Claudia Llosas Beitrag "Aloft". Die peruanische Regisseurin, die 2009 mit "Eine Perle Ewigkeit" schon einmal völlig überraschend den Goldenen Bären gewann, erzählt diesmal von einer Frau in den Schneewelten Kanadas, die einst ihren jüngsten Sohn an einem Tumor zugrunde gehen sah und dabei seinen älteren Bruder immer weiter von sich wegstieß - bevor sie selbst zur Wunderheilerin wurde. Auf zwei Zeitebenen versucht Llosa dieser rätselhaften Frau näher zu kommen und hat mit der gewohnt großartigen Jennifer Connelly eine Schauspielerin gefunden, die diesem Monstrum einer Mutterfigur fast zum echten Menschen werden lässt. Aber eben nur fast. Was sehr vielversprechend beginnt mit berauschend schönen Bildern eisiger Außen- und Innenwelten und zurückhaltenden Persönlichkeitszeichnungen, gerät bald zum überladenen Esoterikbrei, der am Ende nicht viel mehr zu bieten hat als ein paar herzige, aber banale Lebensweisheiten.

Der chinesische Film "Bai Ri Yan Huo" ("Black Coal, Thin Ice") versucht es gar nicht erst mit übertriebenem Streben nach Erkenntnisgewinn und gibt sich als ziemlich klassischen Film-Noir-Geschichte über einen ruppigen Ex-Polizisten, den in seiner neuen Funktion als Security-Mann die Geister der Vergangenheit heimsuchen - selbstverständlich in Gestalt einer mysteriösen Femme fatale, neben der noch kein Liebhaber besonders lang am Leben geblieben ist. Das ist in schönen satten Farben und mit bitterbösem Humor erzählt, holpert aber nach einem wunderbar wüstem Auftakt zunehmend konfus seiner lauwarmen Auflösung entgegen.

Beste Szene?

Gab es nicht im Wettbewerb zu sehen sondern im Forum Expanded. Dort werden normalerweise die gewagtesten Experimente unter den Experimentalfilmen vorgeführt, im Fall von Stephan Geenes "Umsonst" aber ein unglaublich charmanter und lustiger Hauptstadtfilm über ein Mädchen, das nach einem abgebrochenen Praktikum in Portugal nach Berlin zurückkommt und feststellt, dass die Mutter ihr Zimmer an einen schluffigen Neuseeländer untervermietet hat. Eine liebevolle Zustandsbeschreibung über das Kreuzberg und Neukölln von heute, in dem Zugezogene und Alteingesessenen um ihr nahezu kosten- und anstrengungsloses Utopia fürchten müssen. Am schönsten zusammengefasst von einer angetrunkenen Obdachlosen, die sich über geizige Hipster aufregt mit den Worten: "Ihr könnt doch nicht alle nach Berlin kommen, die Mieten erhöhen und dann nicht mal ein paar Bier verteilen!" Wer will da was gegen sagen?

Schlimmste Szene

"Aloft" steckt voller wunderschöner Bilder, eröffnet aber ausgerechnet mit der sehr schleimigen Geburt eines sehr schleimigen Ferkels in Großaufnahme.

Star des Tages

Ceci Chuh als von Mutter, Freunden und der Stadt genervte Berlin-Heimkehrerin in "Umsonst". Eine der wenigen Schauspielerinnen oder Schauspieler, denen man wirklich jedes Wort glaubt.

Hier finden Sie unsere Kritik zum 2., 3., 4., 5. und 6. Wettbewerbstag.

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