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Berlinale, 4. Wettbewerbstag: Deutscher Glauben, dänische Lust

Foto: Concorde

Berlinale-Tagebuch Eine Nymphomanin und dann auch noch Katholiken

Mit der noch längeren und noch expliziteren Fassung von Lars von Triers "Nymphomaniac Teil 1" hat die Berlinale einen Marketing-Coup gelandet. In Kombination mit Dietrich Brüggemanns gefeiertem Religionsdrama "Kreuzweg" ist ihr ein geniales Doppelpack gelungen.

Was gesehen? "Kreuzweg" von Dietrich Brüggemann (Deutschland); "Historia del Mideo" (Argentinien, beide Wettbewerb); "Nymphomaniac Teil 1 Langfassung" von Lars von Trier (außer Konkurrenz)

Wie war's? Eigentlich sollte die Langfassung von Lars von Triers "Nymphomaniac Teil 1" längst gestartet sein, doch der rote Vorhang im Berlinale Palast hebt sich einfach nicht. Kurz kommt die Hoffnung auf, dass von Trier vor den Vorhang tritt, wie bei seiner TV-Serie "Geister" ein paar Worte ans Publikum richtet, um so dann Zeige- und kleinen Finger zum Teufelsgruß auszufahren. Von Trier erscheint letztlich nicht, auch nicht auf der Pressekonferenz. Dennoch ist er in den 145 Filmminuten so präsent wie kaum ein Regisseur sonst.

Das fängt schon damit an, dass in der langen Fassung, die auf der Berlinale Weltpremiere hat, im Vergleich zur offiziellen Kinofassung (118 Minuten) der Hinweis zu Beginn fehlt, dass von Trier mit dem nun Folgenden rein gar nichts zu tun haben möchte, da die Kürzungen ohne seine Zustimmung erfolgt seien. Das ist natürlich ein Witz, denn die Langfassung unterscheidet sich keinesfalls grundlegend von der kürzeren. Ein paar erzählerische Schlenker und Details in der ohnehin ungeradlinigen Geschichte mehr, dazu ein paar erigierte Penisse und gespreizte Vulven mehr - schon ist kein anderer, sondern ein als noch exzessiver zu vermarktender Film fertig.

Apropos Exzess und Präsenz: Im Film selbst ist von Trier mit gleich zwei Alter Egos vertreten. Auf den ersten Blick sind es die titelgebende, brutal zusammengeschlagene Nymphomanin Joe (Charlotte Gainsbourg) und ihr Retter Seligman (Stellan Skarsgard), die einen lustvoll mäandernden Dialog über Begehren, Schuld und Sünde beginnen. Man tritt dem Megalomanen von Trier aber sicherlich nicht zu nah, wenn man in ihnen sein Ich und sein Über-Ich im Zwiegespräch erkennt. Hier sein Ich Joe, die von exaltierten Sexabenteuern erzählt, für die sie sich schuldig fühlt. Dort sein Über-Ich Seligman, der in Joes Beichte beständig Muster und Verweise findet - auf die Fibonacci-Nummern gleichermaßen wie aufs Angeln oder auf Bach.

Von Rückblenden auf Joes Leben (als junge Frau von Newcomerin Stacy Martin gespielt) durchwirkt, schlägt "Nymphomaniac" ein überaus eigenwilliges Erzähltempo ein. Gerade beim wiederholten Sehen erweist sich das aber als Glücksgriff. Hat man sich erst einmal von der Erwartung freigemacht, dass hier eine linear durcherzählte sexuelle Erweckungsgeschichte ausgebreitet würde, erweist sich "Nymphomaniac" als schlichtweg grandios unterhaltsam. Höchste Kultur, niederste Triebe, sensationelle Schauspieler und pointensicherer Humor - hier ist wirklich alles dabei.

Der größte Triumph des Tages liegt aber in der Programmierung von "Nymphomaniac" in Kombination von Dietrich Brüggemanns "Kreuzweg", dem bislang dritten gezeigten Wettbewerbsbeitrag aus Deutschland. In 14 Plansequenzen, die nach den 14 Stationen des Kreuzwegs benannt sind, erzählt Brüggemann die Opfergeschichte der 14-jährigen Maria (Lea van Acken), die in einer fundamental-katholischen, den Pius-Brüdern nahestehenden Familie aufwächst.

Neben ihrer unnachgiebigen Mutter (Franziska Weisz) ist es vor allem der charismatische Pater Weber (Florian Stetter, von einer französischen Kollegin im Kino sofort mit den Worten "Ah, c'est Schiller!" identifiziert), der Marias Glauben prägt. Er überzeugt sie, dass für Jesus' Liebe kein Opfer zu klein oder zu groß sein könnte. Und weil Maria glaubt, ein durch und durch schlechter Mensch zu sein, beschließt sie, Jesus das größte ihr mögliche Opfer bereiten: ihr Leben.

Freiwillige Auslöschung des Ichs, völlige Hingabe an eine übergeordnete Idee - es sind die Themen aus von Triers "Golden Heart"-Trilogie ("Breaking the Waves", "Idioten", "Dancer in the Dark"), die Dietrich Brüggemann hier mit seiner Co-Autorin Anna Brüggemann aufgreift. Er verzichtet jedoch völlig auf von Triers gieriges Interesse am weiblichen Leid, sondern wirft analytisch scharfe Fragen auf. Ist Religion nicht immer Unterwerfung und Unterordnung? Kann es innerhalb einer Religion überhaupt Grenzen geben, wie sehr man glauben darf? Und wenn ja, wer entscheidet darüber, wo diese Grenzen liegen?

Dass sich bei "Kreuzweg" intellektuelle Schärfe und emotionale Wucht die Waage halten, hat bereits die Kritikerinnen und Kritiker überzeugt. Gut möglich, dass die Jury Brüggemann und seinem Team das nächstes Wochenende mit einem Bären bestätigt.

Beste Szene? "Können die Kinder jetzt das Hurerei-Bett sehen? Das hilft ihnen später sicherlich bei der Trauma-Überwindung": Uma Thurmans Auftritt als betrogene Familienmutter in "Nymphomaniac" ist so furios wie rasend komisch, dass sich allein ihretwegen der (wiederholte) Filmbesuch lohnt.

Schlimmste Szene? Nicht zu entscheiden, da die Auswahl in "Historia del Miedo", dem dritten Wettbewerbsbeitrag des Tages, zu groß war. In Benjamin Naishtats Debütfilm reihten sich die gnadenlos überdeterminierten Bilder von sozialer Verunsicherung und Spaltung zu allem möglichen Stuss auf, aber sicherlich zu keiner Geschichte der Angst.

Star des Tages "Kreuzweg"-Hauptdarstellerin Lea van Acken. Ihr madonnenhaft zartes Gesicht dürfte zu einem der bleibenden Eindrücke dieses Festivals werden.

Was gelernt? Nachsicht mit der Berlinale zu haben. Solange so stimmige Dialoge zwischen zwei Filmen wie an diesem Tag hergestellt werden, kann sich das Festival auch eine Handvoll Fehlgriffe erlauben.

Hier finden Sie unsere Kritik zum 2. und zum 3. Wettbewerbstag

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