Neuer Film von Bertrand Bonello Zombies, Teenies, Voodoo-Zauber

Der Kinofilm "Zombi Child" erzählt die wahre Geschichte eines Mannes, der 1980 behauptete, aus dem Grab ausgebuddelt worden zu sein. Und dieser Plot hat mit einem brennenden Thema in Frankreichs Gesellschaft zu tun.
Von Till Kadritzke
Darstellerin Louise Labeque in "Zombi Child": Hilft Voodoo gegen Liebeskummer?

Darstellerin Louise Labeque in "Zombi Child": Hilft Voodoo gegen Liebeskummer?

Foto: Bertrand Bonello / Grandfilm

Von der Gegenwart in die Vergangenheit, von der französischen Metropole in die ehemalige Kolonie: Immer wieder unterbricht Bertrand Bonellos Film "Zombi Child" seine Handlung im heutigen Paris, um in das Haiti der frühen Sechzigerjahre einzutauchen. Dort ist es dunkel, nur schemenhaft lässt sich in den kurzen Sequenzen ein Mann ausmachen, der mal über das Land streunt, mal einen Friedhof besucht, mal eine Familie in der Stadt beobachtet. Ein Mann, der dieser Welt merkwürdig entrückt scheint.

Es ist eine wahre Geschichte, die der französische Regisseur in diesen nächtlichen Bildern fast ohne jeglichen Dialog erzählt: die des 1922 geborenen Haitianers Clairvius Narcisse, der fast 20 Jahre lang für tot gehalten wurde, bevor er 1980 zu seiner Frau zurückkehrte - und dann erklärte, er sei aus seinem Grab wieder ausgebuddelt, in eine künstliche Trance versetzt und zur Feldarbeit gezwungen worden. 

Ein echter Zombie wandert also bei Bonello über die Erde, und doch ist es kein Zombiefilm im strengen Sinne. Die Figur des Untoten, die im Genrefilm reiner Körper ist, eine geschichtslose Oberfläche, wird hier zum historischen Medium. Mit ihrer Hilfe verwebt Bonello Kolonialgeschichte und postkoloniale Gegenwart zu einem äußerst eleganten Stück Kino.

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Film: "Zombi Child"

Foto: Bertrand Bonello / Grandfilm

Der Ursprung des Zombie-Mythos ist eng verwoben mit der Sklaverei und der Voodoo-Religion, die sich nicht zufällig im heutigen Haiti entwickelte, zur Hochzeit der Plantagenwirtschaft. Im Unterricht am Pariser Mädcheninternat der Ehrenlegion, an dem "Zombi Child" hauptsächlich spielt, ist von Sklaverei keine Rede. Dort doziert der Geschichtslehrer lieber über die Französische Revolution und ihr Freiheitsideal, während die Kamera durch die Reihen der zuhörenden Teenager gleitet. 

Ein eigenwilliger Filmemacher

Vier von ihnen, darunter die charismatische Fanny, deren sehnsüchtige Liebesbriefe an einen abwesenden Geliebten manchmal aus dem Off vorgelesen werden, haben einen geheimen Literaturbund gegründet, eine Art weiblichen "Club der toten Dichter". Zu Beginn des Films fragen sie sich, ob Mélissa, die einzige Schwarze auf der Eliteschule, einer Aufnahme in den Klub würdig ist. In einer Szene rezitiert Mélissa auf einem nächtlichen Geheimtreffen den haitianischen Schriftsteller René Depestre. "Hört, ihr Weißen, meine Zombie-Stimme", spricht sie, und die weißen Mädchen machen große Augen, irritiert, fasziniert. Nach kurzer Beratung nehmen sie Mélissa auf. 

Bonello, dem das Berliner Kino Arsenal in diesem Monat eine umfassende Werkschau widmet, ist ein eigenwilliger, umtriebiger Filmemacher. Bereits in seinem Frühwerk thematisierte er Prostitution und Pornografie, 2014 erschuf er mit "Saint Laurent" ein exzessives Porträt des Modeschöpfers, in "Nocturama" erzählte er von einer Gruppe junger Menschen, die Paris in Brand setzen wollen.

Wie all seine Filme ist auch "Zombi Child" von Bonellos Freude an überraschenden Verknüpfungen und seinem Willen zur visuellen Stilisierung geprägt. Sein stets im filmischen Moment lebendes Kino verrät Bonello auch dann nicht, wenn es um die Widersprüche der Aufklärung geht. Sein Film denkt laut über komplexe Themen nach, verkommt dabei aber nie zum politischen Lehrstück. 

Die Themen sind der Handlung nicht übergestülpt, sie durchziehen sie, wie die Geschichte die Gegenwart nun einmal durchzieht. Der Film greift zurück auf das Erbe von 1791, dem Jahr der haitianischen Revolution, die aus einem Sklavenaufstand hervorging. Diese verdrängte Widerstandsgeschichte kommt zum Vorschein, wenn die Mädchen Hip-Hop hören oder Mélissa ein Referat über Rihanna hält. 

Haiti wird in Bonellos Film zu einem Sehnsuchtsort für die an Liebeskummer leidende Fanny, die Mélissas Tante ausfindig macht. Die vorgebliche Voodoo-Priesterin soll Fanny von ihrem psychischen Schmerz befreien. Der Film erzählt am Beispiel einer privilegierten Jugendlichen, die für ein Voodoo-Ritual viel Geld auf den Tisch legt, von der weißen Faszination für schwarze Magie und von einer langen Geschichte kultureller Aneignung. Bei Bonello spiegelt sich stets das ganz Große im Kleinen.

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