Kinodrama "Scherbenpark" Quasseln gegen die Ungerechtigkeiten der Welt

Wenn ein Mädchen im Alleingang gegen die Trostlosigkeit auf ihrem Problemkiez anstänkert: "Scherbenpark" ist die Verfilmung von Alina Bronskys gleichnamigen Bestseller. Im Videointerview spricht Bettina Blümner, bekannt durch ihre Erfolgsdoku "Prinzessinnenbad", über ihre Lieblingsszene.

Neue Visionen

Von


"Die Geschichte einer hirnlosen rothaarigen Frau, die noch leben würde, wenn sie auf ihre kluge älteste Tochter gehört hätte." Das soll der Titel von Saschas erstem Buch werden. Vielleicht auch nur sein Untertitel. Die "hirnlose rothaarige Frau" ist Saschas Mutter, die von ihrem Ehemann, Saschas Stiefvater, erschossen wurde. Sascha hätte das nicht verhindern können, doch weil sich die 17-Jährige über alles ärgert, was nicht nach ihren Vorstellungen läuft, muss sie irgendwohin mit ihrer Wut. Meistens greift sie zu Sätzen, die gesprochen wie geschrieben reinhauen, als wären es Wurfgeschosse. Nur manchmal müssen es echte Steine sein, die Sascha gegen Fenster, Fassaden, gegen ihr ganzes Leben in der heruntergekommenen Hochhaussiedlung schleudert.

Angriffslustig und artikuliert zugleich: Das dürfen Frauen im deutschen Kino nur selten sein. Als Bettina Blümner drei solcher Frauen 2007 in ihrem Dokumentarfilm "Prinzessinnenbad" präsentierte, wurde sie dafür von den Zuschauern gefeiert. So unmittelbar wie die Teenager Klara, Mina und Tanutscha ("Ich komm aus Kreuzberg, du Muschi!") hatten zuvor wenige Heldinnen eines Dokumentarfilms das Kinopublikum angesprochen. Ihre Geschichten um die Ablösung von den Eltern oder die Frage, wie viel man in diesem Alter in eine Beziehung investieren soll, berührten, obwohl Blümner sie bewusst unsentimental inszenierte. Ungewöhnlich dynamisch gefilmt und geschnitten, schien aus den dreien das Leben direkt zu sprechen.

Blümners Spielfilmdebüt "Scherbenpark" nach dem Bestseller von Alina Bronsky fällt dagegen inszenatorisch eher konventionell aus, und das obwohl ihr Kameramann Mathias Schöningh wieder mit dabei ist. Nach Kino wollen der graue Stein der Hochhaussiedlung und die Glasfassaden der Villa, in der Sascha später Zuflucht sucht, aber einfach nicht aussehen. Dazu läuft als Soundtrack die Art von generischem Elektro-Indie, die im deutschen Film so häufig Intimität und Urbanität beschwören soll, aber nie als eigenständige erzählerische Ebene funktioniert. Man kann das aber auch als Tribut an die tolle Hauptdarstellerin Jasna Fritzi Bauer verstehen, denn die 24-Jährige bekommt in "Scherbenpark" die einmalige Möglichkeit, einen ganzen Film allein zu schultern.

Das erste Mal will auch noch abgehakt sein

Unermüdlich zieht Sascha ihre Runden durch die von Armut und Perspektivlosigkeit gezeichnete Hochhaussiedlung, Bürgerwehr und Unruhestifter in einer Person. "Manchmal denke ich, ich bin die Einzige in unserem Viertel, die noch vernünftige Träume hat", sagt die Tochter einer Spätaussiedlerin dazu. Aus der Überzeugung heraus, mehr Durchblick als andere zu haben, fühlt sie sich dazu berechtigt, in deren Leben einzugreifen. Wenn ihrem kleinen Bruder der Rucksack abgezogen wird, dann konfrontiert sie die schuldige Jungsgang ohne Angst. Und wenn sie wüsste, dass ihre Freundin Anna (Maria-Victoria Dragus) in die Büsche hinter der Tischtennisplatte geht, um absichtlich schwanger zu werden, würde sie auch mitten im Akt einschreiten.

Alle Anstrengung, ihr Leben in der Balance zwischen Schicksal und Selbstermächtigung zu halten, sind aber umsonst, als Sascha eines Tages einen Artikel in der Lokalzeitung entdeckt, in dem der Mörder ihrer Mutter zu Protokoll gibt, er selbst würde an der Tat am meisten leiden. Wutentbrannt stürmt sie in die Redaktion und stellt Chefredakteur Volker Trebur (Ulrich Noethen) zur Rede. Kleinlaut entschuldigt er sich bei Sascha, doch die hat sich noch was ganz anderes für ihn überlegt: Sie nutzt die moralische Überhand und zieht für unbestimmte Zeit in seine schicke Villa ein. Dass sich Volkers Sohn Felix (Max Hegewald) ihr sogleich zu Füßen legt, stört sie zunächst, beim Drübernachdenken geht ihr aber auf, dass er doch ganz nützlich sein könnte. Ihr erstes Mal wollte sie sowieso bald hinter sich bringen. Warum nicht mit Felix?

Mit diesen komödiantischen Momenten setzen Blümner, die für SPIEGEL ONLINE ihre Lieblingsstelle im Film kommentiert hat, und Drehbuchautorin Katharina Kress gezielte Kontraste gegen das Genre des Sozialdramas - und damit auch gegen mächtige Vorgängerfilme wie Andrea Arnolds "Fish Tank" (2009), der eine ähnliche Mädchenfigur ins Zentrum rückte. Katie Jarvis' Mia fühlt sich wie Sascha in die Ecke gedrängt, sie kann ihre Gefühle jedoch nur ins Körperliche übersetzen, entweder in Tanz oder in Sex. Sascha dagegen quasselt und faucht gegen die Ungerechtigkeiten der Welt an. Und das ist letztlich das Problem des Films.

In der Buchvorlage ist Sascha die unzuverlässige Erzählerin ihrer eigenen Geschichte. Ob sie wirklich so schlagfertig und kampfeslustig ist, wie sie es von sich behauptet, weiß man nicht - man kann es ihr nur wünschen. Der Film kommt ihr hingegen weder so nahe, dass ihre Sicht der Dinge als Ausschnitt erkennbar wird, noch lässt er anderen Figuren so viel Raum, dass man aus ihrer Perspektive einen distanzierten Blick auf Sascha gewinnen könnte. Aus der Halbdistanz beobachtet Blümner einfach nur, wie sie durch die verschiedenen Szenen wirbelt, ohne dass Brüche sichtbar würden.

So bleibt letztlich der ganze Film zwischen Nähe und Distanz, Drama und Komödie, Kino und Fernsehen stecken. Als Zuschauerin lässt einen das mit dem Gefühl zurück, weder einen schlechten noch einen guten Film gesehen zu haben - sondern irgendwas dazwischen.

Mehr zum Thema
Newsletter
Neu im Kino: Tops und Flops


zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.