Berlinale-Triumph "Mutter und Sohn" Vor ihr gibt es kein Entkommen

Kann man sich Unschuld erkaufen? Im Berlinale-Gewinnerfilm "Mutter und Sohn" lässt eine dämonische Mutter nichts unversucht, um ihren Sohn vor einer Gefängnisstrafe zu bewahren. Brillant erkundet der Rumäne Calin Peter Netzer damit den schmalen Grat zwischen elterlicher Fürsorge - und Übergriff.
Berlinale-Triumph "Mutter und Sohn": Vor ihr gibt es kein Entkommen

Berlinale-Triumph "Mutter und Sohn": Vor ihr gibt es kein Entkommen

Foto: X Verleih

Aufmerksam inspiziert Cornelia die Haare, die sie im Abfluss der Badewanne gefunden hat. Sie ist allein in der Wohnung ihres 35-jährigen Sohnes Barbu, und da dieser sie in letzter Zeit ziemlich auf Abstand gehalten hat, will sie die Chance nutzen, sich umzugucken. Nachdem sie die Haare lang genug begutachtet hat, wendet sie sich schließlich dem Aquarium zu, das im Badezimmer steht, und streut ein wenig Fischfutter aus, bevor sie sich aufs Klo setzt und anfängt zu pinkeln.

Der Rumäne Calin Peter Netzer liefert mit seinem dritten Spielfilm die beklemmende Analyse einer Mutter-Sohn-Beziehung. Der Berlinale-Gewinner 2013 erzählt zwar eine dramatische Variante dieser Beziehung. Doch in dem Spektrum von Fürsorge bis Übergriff, das in der Badezimmer-Szene so furios aufgemacht wird, dürften viele sich selbst oder ihre Eltern verorten können. Genau das macht "Mutter und Sohn" so zugänglich - und gleichzeitig, in seiner schneidenden Brillanz, so eindringlich.

Dass Cornelia (Luminita Gheorghiu) allein in Barbus Wohnung ist, hat eine Vorgeschichte: Barbu (Bogdan Dumitrache) hat bei einem selbstverschuldeten Autounfall einen kleinen Jungen totgefahren. Unfähig, mit der Situation umzugehen, ist der Mitdreißiger vorübergehend wieder bei den Eltern eingezogen. Soll sich doch die Mutter, die eh alles für ihn regeln will, um das Verfahren bei der Polizei kümmern. Und wenn sie der ärmlichen Familie des toten Jungen Geld anbieten will, damit die ihre Anzeige gegen Barbu fallen lassen, dann eben auch das.

Bestechung statt Beziehung

Fast zwei Stunden lang heftet sich die Handkamera von Andrei Butica an Cornelias Fersen, wenn diese mal kühl berechnend, dann wieder hektisch überstürzt versucht, ihren Sohn vor einer drohenden Haftstrafe zu bewahren. Sie zeigt sie dabei, wie sie unverfroren die Polizei belügt und immer ungeduldiger wird, als ein möglicher Entlastungszeuge sich von ihrem Bündel Scheinen nicht beeindrucken lässt. Mit Geld, so legen es diese Szenen nahe, hat sich die wohlsituierte Architektin schon so viel erkaufen können - warum nicht auch die Unschuld ihres geliebten Sohnes?

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Geradezu dämonisch erscheint Cornelia in diesen Momenten, in ihrer weißglühenden Ignoranz gegenüber dem Leben anderer. Das glaubhaft zu spielen, ist schon Herausforderung genug. Doch die eindrucksvolle Gheorghiu schafft es, gleichzeitig das Tragikomische an Cornelia durchscheinen zu lassen. Denn dass sie so rücksichtslos um ihr Glück kämpft, heißt ja noch lange nicht, dass sie es auch erreicht. Oft genug führen ihre Bestechungsversuche ins Leere, besonders bei ihrem Sohn, der genau weiß, wie viel Verhandlungsmacht ihm einzelne Gesten der Zuneigung bringen.

Wie die Mutter so die Freundin

Barbu ist dabei nur in einer Handvoll von Szenen zu sehen. In der Konstruktion des Drehbuchs von Calin Peter Netzer und Razvan Radulescu ("Der Tod des Herrn Lazarescu", "4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage") reichen diese Szenen aber völlig aus, denn die Figur des Barbu gewinnt ihre Konturen vor allem in der exakten Zeichnung der Frauen in seinem Leben. Einmal setzt sich Cornelia mit Barbus Freundin Carmen (Ilinca Goia) zusammen - natürlich widerwillig, denn Cornelia kann andere Frauen an Barbus Seite kaum ertragen. Zudem erscheint Carmen in ihrer zurückhaltenden Art wie ein Gegenentwurf zur dominanten Mutter. Doch dann fängt Carmen unvermittelt an, intimste Details von Barbu zu erzählen - und legt damit dieselbe Mischung übergriffiger Fürsorge wie Cornelia an den Tag. Barbu mag sich irgendwann dem Zugriff der Mutter entziehen können. Seine Probleme wird er damit aber noch lang nicht los sein.

Wollte man etwas an "Mutter und Sohn" kritisieren, dann wäre es wohl das Erwartbare der Inszenierung. Alle wichtigen Bestandteile des Stilrepertoires des neueren rumänischen Films sind hier vertreten: der Neorealismus, die Handkamera, die Plansequenzen. Dadurch wirkt der Film zum Teil statischer, als er es inhaltlich ist.

Indem sie den archaischen Mutter-Sohn-Konflikt fokussieren, schieben Netzer und Radulescu das rumänische Kino nämlich sanft weg von der gesamtgesellschaftlichen Bestandsaufnahme, die es so oft anstrebt. Vielfach ließen sich seine Geschichten als Metaphern auf die postsozialistische Kondition Rumäniens lesen. Damit war der rumänische Film auf den Festivals und bei den Kritikern in den vergangenen Jahren äußerst erfolgreich. Mit seiner allgemeingültigen Geschichte erweitert "Mutter und Sohn" nun die thematische Bandbreite - und ja vielleicht auch das Publikum. Verdient hätten es sowohl dieser Film als auch das rumänische Kino allgemein.

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