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19. September 2013, 08:37 Uhr

Beziehungsdrama mit Fanny Ardant

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Endlich in Rente, endlich Zeit für das Abenteuer: Der französische Beziehungsfilm "Die schönen Tage" zeigt das späte sexuelle Erwachen einer ehemaligen Zahnärztin. Die große Truffaut-Aktrice Fanny Ardant in einer weiteren Ménage-à-trois - die allerdings ein glückliches Ende nimmt.

Scheidung, Menopause, Osteoporose. Die Themen, auf die Caroline (Fanny Ardant) mit Freundinnen zu sprechen kommt, kreisen alle ums Thema Verfall. Die mit 60 Jahren in Rente gegangene Zahnärztin, Mutter zweier erwachsener Töchter, Ehefrau eines sympathischen Langweilers, schließt sich deshalb einer Freizeitgruppe an, deren Name "Die schönen Tage" aufmüpfig das Gegenteil suggeriert: Die gute, die aufregende Zeit hat gerade erst begonnen. Naja, was man so aufregende Zeit nennt: Man geht zusammen auf Weinproben, malt im klaren Licht der Atlantikküste Aquarelle, absolviert Schauspielkurse.

Bei einer Bühnenprobe fordert die Lehrerin Caroline auf, exaltiert zu lachen. Doch statt vor Freude zu explodieren, fällt Caroline in sich zusammen. Dabei scheint ihr Gesicht doch zum Lachen geschaffen: großer Mund, umrahmt von Grübchen, Augen wie dunkle Süßkirschen.

Kommt zum Glück bald auch wieder alles zur Geltung: Caroline beginnt eine Affäre mit dem gut 20 Jahre jüngeren Julien (Laurent Lafitte), der ihrer Rentnergruppe Computerkurse gibt. Julien kifft, lebt in den Tag hinein und liebt generell alle Frauen. Gelegentlich auch zwei parallel. Ein guter Liebhaber. Weil der Sex so gut ist? Unter anderem. Aber nicht nur.

Betrug, Hingabe, Glück

Caroline, beschwipst vom neuen Glück, gibt sich nicht viel Mühe ihre Affäre vor ihrem Mann Philippe (Patrick Chesnais) zu verbergen. Beim Knautschkopf, der seine Frau gerne bei einer karitativen Organisation sinnvolle Arbeit verrichten sähe, bricht irgendwann die Wut aus - ob sie sich denn nicht lächerlich fühle, eine Bettgeschichte mit einem Mann anzufangen, der so alt ist wie ihre Tochter. Dann dieser Dialog:

Er: "Hast du dich mal angeschaut?"

Sie: "Nein, er ist derjenige, der mich anschaut."

Das Beziehungsdrama "Die schönen Tage" ist ein Film über das Anschauen. Hauptdarstellerin Fanny Ardant ist es gewohnt, dass die Blicke an ihr kleben. Die Obsession der anderen mit ihrem Äußeren wusste sie immer klug zu spielen. Vielleicht war es ein Glück für Ardant, dass sie erst relativ spät zum Superstar des französischen Kinos wurde.

Anfang der achtziger Jahre, da war sie schon weit über 30 Jahre alt und alles andere als ein passives Objekt der Begierde, drehte François Truffaut seine letzten Filme mit ihr. In der Film-noir-Hommage "Auf Liebe und Tod" hängt Truffaut mit der Kamera erst minutenlang an ihren High Heels und Nylons, um sie dann später als Frau der Tat umso strahlender in Szene zu setzen.

Ein fetisch-getriebener Blick, den die "Die schönen Tage"-Regisseurin Marion Vernoux ironisch thematisiert, indem sie den jungen Lover von Ardants Caroline gestehen lässt, wie er einst als junger Strolch immer in ihre Praxis kam, um ihren Anblick im Arztkittel in sich aufzuziehen. Wobei Filmemacherin Vernoux, die mit erotischen Komödien wie "Love, etc." bekannt wurde, sich ebenfalls an Ardant nicht sattsehen kann. Exzessiv folgt sie ihrer erst so leblosen, dann durch radikale Hingabe wiedererweckte Heldin bei langen einsamen Strandspaziergängen. Der Ton bleibt leicht, die Sonne über dem Meer zeigt Ardants Gesicht in den leuchtendsten Farben.

Anders als die meisten Amour-fou-Geschichten von Truffaut läuft "Die schönen Tage" keinem tragischen Ende hingegen. Wunderbar die Szene, als Caroline ihrer Tochter von der Affäre erzählt, auf dem Spielplatz toben gerade die beiden Enkel. Die Tochter strahlt auf einmal und kichert, dass auch sie fremd ginge - was sich allerdings schnell als Scherz herausstellt. Der Job, die Kinder, da bleibt nicht mal Zeit für ein hübsches Verhältnis. Die Alte, so suggeriert die Junge, macht alles richtig.

Am Ende, wir wollen den Ausgang nicht weiter verraten, springen dann alle zusammen in den kalten, erfrischenden, niemals Ruhe gebenden Atlantik. Das Leben ist schön. Mit 20. Mit 40. Mit 60 sowieso.

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