Beziehungsdrama "Gnade" Pärchenglück, schockgefrostet

Tiefschwarze Nacht, leuchtende Herzen: Matthias Glasners Drama "Gnade", das auf der Berlinale kontroverse Reaktionen auslöste, erzählt von Schuld und Liebe in Norwegens Polarnacht. Ein großartiges Experiment - das leider in Vergebungs-Folklore versuppt.

Alamode Film

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Wir strampeln wie verrückt, um anderen Menschen ein bestimmtes Bild von uns vermitteln. Aber das ist gar nichts gegen den Kraftakt, den wir aufbringen müssen, um uns selbst gegenüber ein erträgliches Bild der eigenen Person zu schaffen. Gerne gestehen wir uns ein paar kleine Fehler ein, damit wir die großen ignorieren können. Gerne opfern wir uns für andere auf, um diese unsympathische Kraft zu besänftigen, die in uns wütet: Egoismus. Um uns mit allen Mitteln gegen schmerzvolle Erkenntnisse zur eigenen Person zu schützen, tappen wir gerne mal ein Stückchen im Dunklen.

Und wo ist es dunkler als im äußersten Nordwesten Europas, dicht am Polarkreis, wo die Hauptpersonen in dem deutschen Psycho-Drama "Gnade" sich ansiedeln, weil sie hoffen, hier ein erkenntnislinderndes Lebensumfeld zu finden: zwei Monate Finsternis. Zwischen Ende November und Ende Januar schafft es die Sonne in der kleinen Stadt nicht über den Horizont.

Hier, zwischen kleinen Holzhütten, die verloren in der gewaltigen Eis-Kulisse stehen, wo der Mensch vollkommen der Natur ausgeliefert ist und deshalb vielleicht nicht ganz so viel über sich selbst nachdenken muss - hier also lassen sich Niels (Jürgen Vogel) und Maria (Birgit Minichmayr) nieder. Er arbeitet als Ingenieur in einer Erdgasverflüssigungsanlage, sie als Krankenschwester in einem Hospiz. Für die junge deutsche Frau ist keine Kraftanstrengung zu groß, den Sterbenden den Übergang in die andere Welt so wenig schmerzvoll wie möglich zu bereiten. Während ihr Mann die norwegischen Angestellten auf Englisch anbellt und schnell eine Kollegin zum Fremdvögeln gefunden hat, betreut Maria die Todgeweihten auf Norwegisch. Maria ist die Gute, für sich und alle anderen.

Schuld als Liebesschub

Doch dann passiert etwas: Nach einer Extra-Schicht fährt Maria ein Mädchen tot. Sie begeht Fahrerflucht. Ein tragischer Unfall - aber auch eine rigorose Selbstauslöschung: Maria, die sich doch lieber für andere aufopfert, bevor sie einem egoistischen Impuls nachgeben würde, hat einen Menschen im Eis verrecken lassen. Vor dieser Erkenntnis schützt sie auch nicht die ewige Polarnacht. Und auch nicht ihr verzweifeltes Rufen: "Das bin ich nicht, das bin ich nicht!"

Der Polar-Exkurs "Gnade" ist bereits der zweite Beitrag von Regisseur Matthias Glasner im Wettbewerb der Berlinale: 2006 trat er mit dem Vergewaltiger-Drama "Der freie Wille" an, sein Hauptdarsteller Jürgen Vogel wurde mit dem Silbernen Bären geehrt. Damals erzählte Glasner davon, wie ein Mann immer wieder Frauen missbraucht. Er registrierte genau, legte aber keine moralischen Schlussfolgerung nahe. Das Zuschauen tat weh, es gab keinen Halt und keine Katharsis.

Ähnlich schmerzhaft, ähnlich unberührt von allen moralischen Kategorien beginnt nun auch "Gnade" (Buch: Kim Fupz Aakeson). Die Abfolge von Schuld und Sühne, wie man sie aus ähnlichen Dramen kennt, sucht man hier vergeblich. Maria hat Schuld auf sich geladen, aber gerade diese Schuld ist es, die sie sich selber näher bringt - und schließlich auch ihrem schon verloren geglaubten Mann. An Sühne denkt sie deshalb erst mal gar nicht.

Darf eine Frau, die gerade das Leben eines Menschen ausgelöscht hat, einen neuen Liebesschub in ihrer Beziehung erfahren? Ungeheuerlich, wie Glasner im Teilen der Schuld sein Filmpaar neues Lebensglück erfahren lässt. Schwarz die Nacht, strahlend die Herzen.

Ein großer, gewagter Erzählakt. Doch dem geht leider auf halber Strecke die Luft aus. Eine "Reise ins Licht" hätte er in Szene setzen wollen, so berichtete Matthias Glasner am Donnerstag nach der ersten Aufführung von "Gnade" auf der Berlinale - die übrigens mit einigen Buhrufen quittiert wurde. Nicht ganz unverständlich: Denn leider beschränkt sich der Regisseur nicht darauf, von der Schuld zu erzählen und von der eigentümlichen Dynamik, die von ihr ausgehen kann. Er will auch noch, dass dem Paar Gnade zuteil wird.

An diesem Punkt verrennt sich Glasner in eine Art Vergebungs-Folklore. Während sich die Sonne hinterm Horizont hervorkämpft, samische Choräle angestimmt werden und die Kamera immer glücklicher über die jetzt endlich strahlend weiße Landschaft fliegt, finden die beiden Auswanderer in der norwegischen Gemeinde ihr Glück. Die Auslöschung eines Menschen als Eintrittskarte in die Gemeinschaft? Bitter, aber hier wendet sich Matthias Glasners kunstvoll schockgefrostetes Pärchenglück in Versöhnungskitsch.

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