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08. September 2010, 08:58 Uhr

Beziehungsdrama "Zarte Parasiten"

Tausche Zärtlichkeiten gegen Zimmer

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Gefühle on demand: In "Zarte Parasiten" nistet sich ein Pärchen bei einsamen Menschen ein. Der kleine Film zeigt nicht nur eine der schönsten Sex-Szenen des deutschen Kinos, sondern erzählt moralfrei eine kluge Geschichte über emotionale Transferleistungen - die Liebe als Ware.

Einmal noch die Liebe erleben, das ist der letzte Wunsch der bettlägerigen alten Dame. Manu (Maja Schöne) und Jakob (Robert Stadlober) sind gekommen, um ihn zu erfüllen. Sie ziehen sich aus, um auf dem Bettvorleger der Frau miteinander zu schlafen. Die jungen nackten Körper gleiten ineinander, die Greisin lächelt, im Hintergrund laufen uralte Chansons.

Der Drei-Personen-Akt am Anfang von "Zarte Parasiten", eine der schönsten Sex-Szenen des an schönen Sex-Szenen nicht gerade reichen deutschen Kinos, führt direkt hinein in ein ziemlich schwierig zu beschreibendes Abhängigkeitsverhältnis. Denn was für eine Funktion erfüllen Manu und Jakob eigentlich für die alte Dame, bei der sie sich eingenistet haben und die sie im wahrsten Sinne mit ganzem Körpereinsatz umsorgen - Illusionismusarbeiter, Sehnsuchtsvollstrecker, Geselligkeitsdienstleister?

Es ist die große Kunst dieses kleinen Films von Christian Becker und Oliver Schwabe ("Egoshooter"), dass die beiden Regisseure ganz konkret von emotionalen und körperlichen Tauschgeschäften erzählen, ohne dass dem Zuschauer einmal das P-Wort in den Sinn kommt: Nein, Prostitution geht anders.

Die beiden sonderbaren Helden von "Zarte Parasiten" täuschen ja nichts vor. Vielmehr vollziehen sie ein Handelsgeschäft wie es ähnlich eine Mitwohnzentrale für die eigenen Kunden einfädelt: Sie haben den Raum, wir haben die Möglichkeit, ihn mit Liebe zu füllen.

Wobei Manu und Jakob eigentlich gar keinen festen Wohnsitz brauchen. Im Wald haben sie sich ein Lager aufgeschlagen, in der Stadt schlüpfen sie bei einsamen Menschen lediglich deshalb unter, um materiellen Notwendigkeiten nachzugehen. Wie die Sehnsucht der anderen und die eigene Liebe über Strecken als reelles Transfergeschäft funktionieren kann, davon wurde selten so klar erzählt wie in diesem Film.

Gefühle sind Risikoinvestitionen

Doch was passiert, wenn der Deal zu platzen droht, weil sich die emotionalen Koordinaten während des Handels fatal verschieben? Denn während Manu hauptsächlich die Nähe-bedürftige Alte versorgt, versucht Jakob einen neuen Tauschpartner an Land zu ziehen: Der passionierte Segelflieger Martin (Sylvester Groth) hat erst vor kurzem seinen Sohn verloren, und Jakob versucht nun die Stelle des Toten einzunehmen.

Bald schmirgeln der Alte und der Junge gemeinsam an dem Rumpf und den Flügeln einer Oldtimer-Maschine herum, abends isst man Salat und trinkt Rotwein am schönen Holztisch der Familie, und schließlich darf Jakob auch noch ins Zimmer des verlorenen Sprosses einziehen. Im Spind hängen noch dessen alten Polo-Hemden. Aber erfüllt der junge Mann wirklich nur das Bedürfnis des anderen nach einem Sohn - oder erfüllt er nicht vielmehr sich selbst das eigene nach einem Vater?

Wie gefährlich: Der kalkulierte Handel könnte auf einmal an den eigenen unkalkulierbaren Wünschen und Bedürfnissen scheitern. Gefühle, da kann man noch so einen professionalisierten Blick wie Jakob auf sie haben, sind eben immer Risikoinvestitionen.

Unaufgeregt, angenehm moralfrei und gleichzeitig niemals ihre Figuren desavouierend erzählt das Regie-Duo Becker und Schwabe von diesen Unwägbarkeiten innerhalb der menschlichen Verhaltensökonomie. Einziges Manko: Manchmal folgt einem vielsagenden Blick noch einmal ein Satz, der das gleiche sagt. Völlig überflüssig.

Denn das Verschwenderische der Tautologie und der wiederholenden Beschreibung läuft der Tiefenschärfe zuwider, mit der in dieser günstig gedrehten, jedoch sorgsam ausformulierten Indie-Produktion die emotionalen Transfers in Szene gesetzt werden: Die wahre Liebe, hier meint sie auch immer die Ware Liebe.

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