Liebesreigen "Unter dem Regenbogen" Sei mein Prinz, du Penner

Paradies der Ungeliebten: In den klugen Komödien von Agnès Jaoui verwandeln sich die Außenseiter in Helden und die Bettler in Prinzen. Obwohl es "Unter dem Regenbogen" nicht so ernst mit Märchenvorlagen nimmt, gibt es im Kuddelmuddel um Aschenputtel einige sagenhafte Wendungen.
Liebesreigen "Unter dem Regenbogen": Sei mein Prinz, du Penner

Liebesreigen "Unter dem Regenbogen": Sei mein Prinz, du Penner

Foto: Memento Films

Kino kann schon eine ziemlich opportunistische Angelegenheit sein: Die Kamera saugt sich am schönen Gesicht fest, weidet sich am Charisma und verliert dafür blassere Gestalten aus dem Blick. Es feiert die eh schon Gefeierten, es schmäht die eh schon Geschmähten. Liberté? Egalité? Fraternité? Selbst im französischen Kino sucht man diese demokratischen Ideale meist vergeblich.

Doch halt. Es gibt da ja die Filme von Agnès Jaoui und Jean-Pierre Bacri, dem intellektuellen Traumpaar des französischen Kinos. Sie führt Regie, beide schreiben die Drehbücher und stehen auch vor der Kamera. So war es bei "Lust auf Anderes" (2000), ihrer Komödie über einen frustrierten Unternehmer, der sich tapsig in eine Pariser Kleinkunsttruppe einschleimt. Oder bei "Schau mich an!" (2004), einer Liebeserklärung an ein Pummelchen, das sich aus dem Schatten des egomanischen Schriftstellervaters herauszukämpfen versucht.

Schaut sie an! Dieser Imperativ lässt sich auf alle von Jaoui und Bacri erdachten Figuren anwenden. Wenn man will, kann man ihre Filme - so leicht, so lässig, so ungezwungen komisch sie auch daherkommen - als Demokratisierungsmaßnahmen betrachten: Sie holen die Figuren, die sonst unscheinbar im Hintergrund stehen, ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Die vermeintlich ödesten Rollen schanzen sich die beiden Filmemacher bei ihren Produktionen gerne selbst zu.

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Französische Liebeskomödie: Fast wie im Märchen

Foto: Memento Films

In ihrem neuen Film "Unter dem Regenbogen" spielt Jaoui nun eine Aushilfslehrerin, die ziemlich überfordert bei einer Märchenvorführung von Vorschülern rumsteht, und Bacri einen grimmigen Fahrlehrer. Sie führt als Alleinerziehende einen Haushalt, der chaotisch ist wie die Märchenproben; bei ihm ist gerade seine Lebensgefährtin samt deren von ihm ungeliebten Gören eingezogen. Während im Hintergrund Kinderhörspiele plärren, spielen sich im Vordergrund die deprimierendsten Abendbrotszenen ab, die man je im französischen Kino gesehen hat.

Romantik geht anders. Und doch sind die überforderte Märchentante und der Griesgram Teile eines amourösen Reigens. In Jaouis und Bacris neuestem Gesellschaftsstück, das lapidar Motive bekannter Märchen aufgreift, um diesen dann die alten Bedeutungen auszutreiben, geht es ums Sehen und Gesehenwerden, ums Sehnen und Umsehntwerden. Allerdings: Mit der Zielschärfe der Liebenden hapert es hier zuweilen.

Augenlider wie Schlafzimmervorhänge

Am Anfang sieht alles ganz märchenhaft aus: Eine Industriellentochter (Agathe Bonitzer) verliebt sich genau in jenen verarmten Musikstudenten (Arthur Dupont), den sie in ihren Träumen gesehen zu haben glaubt. Auf einer Party hinterlässt sie ihm, wie einst Aschenputtel ihrem Prinzen, einen Schuh zurück, auch wenn die Vermögensverhältnisse bei den beiden doch etwas anders gelagert sind als in der grimmschen Vorlage.

Auch der Musikstudent mit dem einen Schuh verliebt sich in die Industriellentochter und sieht in seinem Glück nicht, wie er von der Cellistin seines Orchesters angeschmachtet wird. Die Industriellentochter indes hat schon bald eine neue Sehnsucht: einen geheimnisvollen Musikkritiker, der sie mit hungrig-mitleidlosem Blick anschaut wie der Wolf das Zicklein - und auch ebenso verspeist.

Bezeichnenderweise spielt Benjamin Biolay dieses Raubtier - im schmalen schwarzen Anzug, mit telegenem Trübsinn und Augenlidern wie Schlafzimmervorhänge kommt er als Abziehbild eines französischen Charismatikers daher. Was wohl hinter der hübsch vergrübelten Fassade steckt? Ein düsteres Geheimnis? Oder doch nur Charakterflaute? Eher Letzteres. Jaoui und Bacri ordnen den Blickfang Biolay relativ schnell dem Spiel der anderen Darsteller unter - die zum Großteil die interessanteren psychologischen Wendungen erleben.

Die Komödien von Jaoui und Bacri, deren Geschichten sich meist durch alle Gesellschaftsschichten ziehen und die jeder Figur die gleiche Aufmerksamkeit zukommen lassen, sind tatsächlich echte Ensemblestücke - ähnlich den späteren Filmen von Alain Resnais. Bei dessen Meisterwerken "Smoking/Non Smoking" oder "Das Leben ist ein Chanson" haben Bacri und Jaoui nicht nur mitgespielt, sondern am Drehbuch mitgeschrieben. Wie natürlich rhythmisiert nun auch ihre eigenen Filme wirken, wie leichthändig sie anfängliche Sidekicks zu Hauptrollen erheben. Als sei alles bei ein paar Flaschen Rotwein improvisiert worden.

Stimmt natürlich nicht; jeder Satz ist bis zum Komma vorgegeben, die Abwärtsbewegungen ihrer Charaktere sind sprachlich präzise programmiert. Denn all das Reden in den Konversationsstücken des Ehepaars Jaoui und Bacri, in denen sich die sprachanthropologische Genauigkeit eines Eric Rohmer ("Vollmondnächte") mit dem Witz Woody Allens verbindet, ist fast immer ein Akt des Scheiterns.

Aber eben nur fast. Am Ende ihres neuesten Films, der weniger harsch als die Vorgänger ist, liegen sich dann doch ein paar Menschen in Armen, die sich vorher um Kopf und Kragen geredet haben. Endlich Egalité im französischen Kino. Wie schön die Menschen in Jaouis und Bacris Märchendekonstruktion aussehen, was für ein Charisma sie ganz unverhofft versprühen: plötzlich Prinz, plötzlich Prinzessin!

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