Festivalbilanz Liebesgrüße aus Cannes

Wer Gefühl riskiert, gewinnt: Drei Stunden lang ist die lesbische Liebesgeschichte, die Abdellatif Kechiches Film "La vie d'Adèle" erzählt, ein bildmächtiges und zärtliches Werk, das in Cannes nun die Goldene Palme als bester Film gewann - und dem kriselnden Autorenkino Hoffnung spendet.
Festivalbilanz: Liebesgrüße aus Cannes

Festivalbilanz: Liebesgrüße aus Cannes

Foto: ERIC GAILLARD/ REUTERS

Es hätte schlimmer kommen können dieses Jahr in Cannes. Das Wetter - erst peitschte der Regen, dann der Wind - trieb die Besucher immerhin auch an traditionell der Erschöpfung zum Opfer fallenden Festivaltagen scharenweise in die Vorführungen, und was sie da zu sehen bekamen, war zumeist auch wirklich sehenswert. Schlechtes Wetter und schlechte Filme - das wäre schon eine sehr üble Paarung für die 66. Ausgabe des wichtigsten internationalen Kinofests gewesen.

Aber es war ein ungewöhnlich starker Jahrgang, stärker noch als der vom vergangenen Jahr, den viele Dauerbesucher für den besten seit Jahren gehalten hatten. 2012 endete das Festival mit der von der Kritik bejubelten Vergabe der Goldenen Palme an Michael Hanekes rührenden Liebesfilm "Amour". Ein Jahr später ist es erneut eine große Lovestory, die den Hauptpreis des Festivals gewinnt: "La vie d'Adèle, chapitres 1 & 2" (internationaler Titel: "Blue Is the Warmest Colour") des aus Tunesien stammenden französischen Filmemachers Abdellatif Kechiche. Und wieder jubelt die Kritik, die sich mit Leidenschaft auf die Seite des Außenseiters geschlagen hatte, nachdem das knapp dreistündige Werk am Mittwochabend in Cannes gezeigt wurde. Und das, obwohl es durchaus potente Konkurrenz mit hervorragenden Filmen gab, unter anderem von Roman Polanski, Steven Soderbergh, Jim Jarmusch, Paolo Sorrentino, Asghar Farhadi und den Coen-Brüdern.

Was ist das Geheimnis von Kechiche? Wie konnte er ein ganzes Festival so in den Bann ziehen? Wie in Hanekes letztjährigem Siegerfilm ist das große Spektakel die meisterlich in Szene gesetzte Emotionalität, die Vermittlung großer Gefühle in Bildern. Kechiche, zuvor ein respektierter, aber keineswegs herausragender Autorenfilmer, beweist in seiner Adaption der gleichnamigen Graphic Novel ein tiefes Verständnis dessen, was Menschen, zumal liebende, im Inneren bewegt. Zwei Frauen verlieben sich ineinander, wollen ihre Körper und Seelen am liebsten verschmelzen lassen. Sie leben zusammen, es passt nicht zusammen, Weltbilder kollidieren, Schmerz wallt auf, das Leben geht weiter.

Zwei Frauen erobern das Männerfestival

Fotostrecke

Verleihung der Goldenen Palme 2013: Im Rausch der Gefühle

Foto: ERIC GAILLARD/ REUTERS

Kechiche entwirft nicht das große Sozialdrama oder den ätzenden Polit-Kommentar, der in Cannes so gerne prämiert wird, er erzählt schlicht, aber mit maximaler Intensität und Einfühlsamkeit die größte Geschichte der Welt, die der Liebe. Dass die Sex-Szenen, mögen sie noch so poetisch inszeniert sein, an den Rand der Pornografie reichen, dass es um eine lesbische Liebe geht - geschenkt. Das Risiko und damit die Provokation Kechiches besteht darin, von seinem Publikum drei Stunden Aufmerksamkeit und Hingabe zu verlangen. Besondere Ironie: Auf einem Festival, das so deutlich wie lange nicht von Männerfilmen und -Themen dominiert wurde, behaupteten sich am Ende ausgerechnet zwei Frauen.

Dass man "La vie d'Adèle" wenn er endet, gleich noch einmal sehen möchte, liegt natürlich auch an diesen wunderschönen, jungen Darstellerinnen: Léa Seydoux und Adèle Exarchopulos, die von Jury-Präsident Steven Spielberg bei der Preisverleihung am Sonntagabend lobend und nachdrücklich erwähnt wurden. Besonders die erst 19-jährige Nachwuchsschauspielerin Exarchopulos betört mit ihren sinnlichen Lippen, mit einem Mund, der mehr noch als jeder melancholische oder wild erregte Blick ohne einen Laut von Verlangen spricht. Zusammen mit der bereits arrivierten, wie immer furchtlosen Seydoux erschafft sie eine Amour fou, wie sie im Kino lange nicht zu sehen war.

Gefühl als Schauwert

Kechiche filmt seine beiden Liebenden immer wieder und extensiv in Großaufnahme, er hängt an Adèles und Léas Lippen wie ein Süchtiger und fixt uns so lange an, bis wir ebenfalls abhängig sind, mitleiden und -leben, wissen wollen, wie es weitergeht. So eine Wirkung entfalten Kinobilder nur auf der großen Leinwand. Kechiches Film ist auch deswegen mutig, weil er beweist, welche Macht und Schönheit das Bildmedium Kino besitzt. Sicher, man kann sich "La vie d'Adèle" auch im Fernsehen oder auf dem Computer ansehen, aber er wird nicht dieselbe Wirkung haben. Kechiche zeigt, dass dieses Argument nicht nur für aufwendig in 3D gedrehte Action-Blockbuster gilt, sondern auch für einen Liebesfilm ohne Superstars.

Fotostrecke

Filmfestival in Cannes: Frauen, die lieben und Männer, die reisen

Foto: Wild Bunch

Sein Sieg in Cannes ist also auch eine Erwiderung auf Steven Soderberghs vor dem Festival gehaltene Brandrede über den miserablen Zustand des Kinos . Sein gelungenes Liberace-Biopic "Behind the Candelabra" drehte er für den US-Kabelsender HBO und betonte auch beim Festival noch einmal, dass im TV die Zukunft des anspruchsvollen und riskanten Films liege. Hollywood, ja selbst die großen Indie-Studios, gingen in Zeiten der Finanzkrise zu sehr auf Nummer sicher.

Das mag stimmen, und doch fasst man angesichts der vielen durchaus mutigen Filme dieser Cannes-Ausgabe, die meisten von ihnen bereits in alle Welt verkauft, die Hoffnung, dass auch im dunklen Kinosaal noch Leben zu entfachen ist. Und zwar ohne billige Provokation oder schockierende Explosionen der Gewalt.

Die Cannes-Filme von 2013 drehten sich um die große menschliche Tragödie oder Komödie, ob im eleganten "Dolce Vita"-Remake "La Grande Bellezza" von Paolo Sorrentino, dem launigen Ausflug der Coens in die Folk-Boheme der Sechziger ("Inside Llewyn Davis"), dem rührenden Vater-Sohn-Trip "Nebraska" von Alexander Payne, der akribisch sezierten Beziehungskrise "Le Passé" von Asghar Farhadi oder im episodisch-gesellschaftskritischen China-Panorama "A Touch of Sin" von Jia Zhangke. Auch im Nebenwettbewerb "Un certain regard" gab es viele Entdeckungen: Hany Abu Assads Porträt des zwischen Liebe und Rebellion zerrissenen palästinensischen Freiheitskämpfers "Omar", Rebecca Zlotowskis Sozialstudie "Grand Central" über das prekarisierte Putzpersonal eines Atomkraftwerks oder Alain Guiraudis Schwulendrama "L'Inconnu du Lac".

Ausfälle gab es wenige, darunter leider der einzige deutsche Beitrag zum offiziellen Programm, Katrin Gebbes grandios misslungenes, auf ganzer Linie prätentiöses und unglaubwürdiges Jesus-Freak-Drama "Tore tanzt" (im "Un certain regard"), Arnaud des Pallières' leider allzu kunstvoll-verschnarchte Kleist-Adaption "Michael Kohlhaas" und Arnaud Desplechins verlaberte Indianer-Psychositzung "Jimmy P.". Doch anders als in vergangenen Cannes-Jahren muss man die Nieten dieser Selektion mit der Lupe suchen.

Geld für Filme, besonders kleine, anspruchsvolle, kunstwillige und experimentelle, mag in diesen Zeiten von Medienwandel und sich wandelndem Konsumentenverhalten schwer aufzutreiben sein. Das ist für jedes Filmfestival, auch für ein so privilegiertes wie Cannes, ein großes, sehr ernstzunehmendes Problem. Hoffentlich trägt nicht zuletzt der Triumph von Abdellatif Kechiches so konsequenter und bezaubernder Kino-Lovestory dazu bei, dass es wieder einfacher wird - und man möglichst bald Kapitel drei und vier von "Adèle" zu sehen bekommt.

Die Jury-Entscheidungen kurz kommentiert

Die Jury-Entscheidungen kurz kommentiert

Goldene Palme für den besten Film:

"La vie d'Adèle, chapitres 1 & 2" von Abdellatif Kechiche: Hochverdienter Sieger der Herzen und herausragender Liebling der Kritiker. Angemessene Gewinner wären auch Asghar Farhadis "Le Passé" oder Jia Zhangkes "A Touch Of Sin" gewesen, letzterer allein wegen Zias Mut, sämtliche Missstände Chinas in einem bildgewaltigen, humorvollen Panorama gegen jede Zensurgefahr anzuprangern.

Grand Prix:

"Inside Llewyn Davis" von Joel & Ethan Coen: Die Coen-Brüder haben immer einen Preis verdient, also auch diesen. Ihr Porträt eines Folksängers im New Yorker Greenwich Village der Sechziger ist gefühlvoll und hinreißend komisch. Anwärter auf diesen Preis wären aber auch "A Touch of Sin" von Jia Zhangke oder Paolo Sorrentinos "La grande Bellezza" gewesen.

Beste Regie:

Amat Escalante für "Heli": Nach Carlos Reygadas im letzten Jahr schon wieder ein Mexikaner in dieser Kategorie. Hier hätte man sich die Coen-Brüder, Paolo Sorrentino, Jia Zhangke oder vielleicht sogar Steven Soderbergh gewünscht, der 1989 mit seinem ersten Film "Sex, Lügen und Video" die Goldene Palme gewann und nun in Cannes seinen vorerst letzten Film in den Wettbewerb schickte. "Heli" ist ein sehr ordentlich gemachter Film über das allgemeine Elend und die Gewalt in Mexiko, in dem unter anderem spektakulär der Penis eines nackt aufgehängten Mannes in Brand gesteckt wird - eine beeindruckende CGI-Leistung, die wahrscheinlich die Hälfte des Budgets verschlungen hat.

Bestes Drehbuch:

Jia Zhangke für "A Touch of Sin": Hochverdient, siehe oben. Hätte man aber auch den Coen-Brüdern für "Inside Llewyn Davis" oder Asghar Farhadi für "Le Passé" geben können, wenn man Jia einen wichtigeren Preis gegeben hätte.

Beste Darstellerin:

Berenice Bejo für "Le passé": Bejo spielt die verzweifelnde, zwischen zwei Männern zerrissene und mit der Erziehung ihrer Kinder überforderte Mutter mit Furor und Hingabe. Auch Marion Cotillard als polnisch-fromme New-York-Novizin in James Grays Einwandererdrama "The Immigrant" wäre eine gute Wahl gewesen, wenn nicht sogar Emmanuelle Seigner in Roman Polanskis "Venus in Fur". Aber natürlich gab es zwei Frauen, die diesen Preis in diesem Jahr noch mehr verdient hätten: Adèle Exarchopoulos und Léa Seydoux.

Bester Darsteller:

Bruce Dern für "Nebraska": Cannes 2013 war das Festival der Männer, besonders der alten. Robert Redford, 76, als Schiffbrüchiger im Ein-Mann-Drama "All Is Lost" lief außer Konkurrenz, also war es ein Wettkampf zwischen Liberace-Darsteller Michael Douglas, 68, in Steven Soderberghs "Behind the Candelabra" und Bruce Dern, 76, als störrischer Tattergreis in Alexander Paynes Road-Trip "Nebraska". Nichts gegen Dern, er spielt phantastisch und berührend, aber man hätte eher Douglas den Preis gegönnt, zumal er wahrscheinlich wegen der Fernsehproduktion seines Films keine Oscar-Chancen hat. Auch Oscar Isaac, der singende, sinnliche Hauptdarsteller aus "Inside Llewyn Davis" wäre eine gute Wahl gewesen.

Preis der Jury:

"Soshite Chichi Ni Naru" ("Like Father, Like Son") von Hirokazu Kore-eda: Ein berührendes Familien- und Gesellschaftsdrama aus Japan, nichts gegen zu sagen. Es spielen zwei hinreißende kleine Jungen mit, also der klare Spielberg-Favorit. Allerdings hätte man hier auch Roman Polanskis hervorragende Fingerübung "Venus In Fur" oder Jim Jarmuschs lässig-eleganten Vampirfilm "Only Lovers Left Alive" auszeichnen können.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.