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"Bird Box" mit Sandra Bullock: Hör auf die Vögel!

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Netflix-Filmoffensive Wie denn? Wo denn? Was denn?

Sandra Bullocks neuer Film läuft nur auf Netflix, für einen mexikanischen Schwarz-Weiß-Film machen die Kinos dagegen eine Ausnahme: So kompliziert wie 2018 war das Verhältnis von Filmbranche und Streamingdienst noch nie.

Dass Oscar-Preisträger und Regiestars nicht nur im Kino aktiv sind, sondern auch an Fernsehserien und für Streamingdienste arbeiten, ist mittlerweile ein alter Hut. Insofern sollte es eigentlich nicht weiter der Rede wert sein, dass "Bird Box", der neue Film mit Sandra Bullock unter der Regie von Susanne Bier (Oscar für "In einer besseren Welt", Emmy für "The Night Manager"), nun nicht auf der Leinwand zu sehen ist, sondern auf Netflix.

2018 hat jedoch gezeigt, dass von Normalität im Verhältnis zwischen Kinobranche und Streaming-Diensten noch lange nicht die Rede sein kann.

Was vor drei Jahren mit "Beasts of No Nation", dem ersten exklusiv von Netflix vertriebenen Film, anfing, hat sich vom Nebenbei-Geschäft zu einer Hauptattraktion entwickelt: "Bird Box" ist in diesem Jahr einer von rund 70 Spielfilmen, die die Plattform ihren 137 Millionen Nutzern exklusiv präsentiert. Dazu kommen mehrere Dutzend weitere Filme, die zumindest in Teilen der Welt ausschließlich auf Netflix zu sehen sind. Dass sich dieses milliardenschwere Geschäft von den anderen Playern im Film-Geschäft nicht länger ignorieren lässt, wurde in diesem Jahr überdeutlich - und die Kontroversen darüber so laut und leidenschaftlich wie nie zuvor geführt.

Streit an allen Fronten

Nach Jahren des Schimpfens auf Netflix sahen Kinobetreiber 2018 ihre Prinzipienfestigkeit auf die Probe gestellt, als der Streamingdienst plötzlich doch den einen oder anderen Film auf der großen Leinwand präsentieren wollte und sich die Chance bot, einen Oscar-Anwärter wie "Roma" zu zeigen. Am Ende lief Alfonso Cuárons gefeiertes Schwarz-Weiß-Epos eine Woche vor seiner Streaming-Premiere in 38 Kinos in ganz Deutschland - als Event-Programmierung an maximal drei Terminen pro Woche, um die Regeln für das Verwertungsfenster von 120 Tagen zu umgehen.

Zuvor sahen sich schon die großen Filmfestivals genötigt, Stellung zu beziehen: Zeigt man sich solidarisch mit klassischen Filmverleihern und Netflix die kalte Schulter (wie in Cannes) oder reicht die vage Aussicht auf zumindest einen kurzen Kinoeinsatz, um begehrte Werke trotzdem in den Wettbewerb aufzunehmen (wie es in Venedig der Fall war)?

Und überhaupt die Filmverleiher: Einerseits verfluchen sie Netflix, weil die neue Konkurrenz nicht nur beim Filmeinkauf die Preise hochtreibt, sondern vor allem den Exklusivitätsanspruch des Kinos unterwandert. Andererseits sind sie froh, all jene Filme abschieben zu können, die nicht mehr ins eigene Portfolio passen und schwer zu vermarkten sind, so wie es zuletzt etwa bei "The Cloverfield Paradox" oder "Mogli: Legende des Dschungels" der Fall war.

Doch auch die Filmemacher selbst scheinen mehr denn je hin- und hergerissen zu sein in ihrem Verhältnis zu Netflix. "Das Kino, wie ich es kenne und liebe, ist am Ende seines Weges angekommen", gab kürzlich beim Filmfestival in Marrakesch Martin Scorsese zu Protokoll, dessen neuer Film "The Irishman" kommendes Jahr von Netflix veröffentlicht wird.

Und wie viele ihrer Kolleginnen und Kollegen, deren Filme dank der großzügigen Budgets des Streamingdienstes entstanden sind, betont auch Susanne Bier die enorme künstlerische Freiheit, die Kreativen dort geboten wird, nicht zuletzt im Kontrast zu den heutzutage üblichen Produktionsbedingungen der Hollywood-Studios.

Die Lücke zwischen Arthouse und Blockbuster

Gleichzeitig werden Stimmen lauter, die befürchten, dass Filme auf Netflix untergehen, weil mediale Aufmerksamkeit und Werbeaufwand dort deutlich geringer ausfallen als bei einem Kinostart. Auch dass die Firma nicht einmal den Filmschaffenden verrät, wie viele Zuschauer ihre Arbeiten haben, sorgt für Frust.

Andy Serkis jedenfalls, dessen "Dschungelbuch"-Adaption erst im letzten Moment und ohne sein Zutun an Netflix verkauft wurde, machte in Interviews keinen Hehl daraus, dass er eine Weile brauchte, sich mit dem Gedanken anzufreunden, dass sein Film nicht wie beabsichtigt im Kino laufen würde.

Dass Netflix künftig größere Probleme haben wird, renommierte Namen für seine Produktionen zu verpflichten, steht trotzdem nicht zu erwarten. Denn in einer Sache sind sich von Scorsese bis zu den Coen-Brüdern, deren "The Ballad of Buster Scruggs" vom Streamingdienst finanziert wurde, alle einig: In Hollywood selbst ist nur noch Platz für Blockbuster-Fortsetzungen und Superhelden-Franchises.

Mehr noch als eine bildgewaltige Prestigeproduktion wie Cuaróns "Roma" ist deswegen "Bird Box" nun ein Paradebeispiel für jene Art von Film, die es momentan im herkömmlichen Kinobetrieb schwer hat. Susanne Biers postapokalyptischer Thriller, in dem eine Gruppe von Überlebenden nur davonkommen kann, wenn der Gefahr - im wahrsten Sinne des Wortes - nicht ins Auge gesehen wird, ist zwar durchaus Mainstream-Unterhaltung, aber thematisch doch so komplex und an ein erwachsenes Publikum gerichtet, dass die Massen dafür womöglich nicht ins Kino strömen würden.

Anders nämlich als "A Quiet Place", dem anderen Genre-Film des Jahres, in dem der Nichteinsatz von Sinnesorganen überlebenswichtig wurde, ist "Bird Box" letztlich ein Monsterfilm ohne Monster. Das Unheil, das hier den Großteil der Menschheit auslöscht, manifestiert sich nie, weder für die Zuschauer, noch für die Protagonistin.

"Bird Box" steht nicht nur exemplarisch für eine Art von Unterhaltung mit Anspruch fernab vom Arthouse, die dem Kino abhanden gekommen zu sein scheint und inzwischen auf anderen Kanälen zu finden ist. Der Film ist auch ein Beispiel dafür, dass nicht nur die Filmbranche im Umgang mit Netflix noch immer nach der geeigneten Form sucht, sondern das Gleiche auch umgekehrt gilt.

Denn zumindest in den USA ist "Bird Box" auch in ausgewählten Kinos zu sehen, und das nicht - wie im Fall etwa von "Roma" oder "The Ballad of Buster Scruggs" - vorab und in der Hoffnung auf Oscar-Chancen. Sondern gleichzeitig zur Netflix-Veröffentlichung und einfach nur, weil man dem Publikum die Chance geben will, den Film auf der Leinwand zu sehen.


"Bird Box" ist ab 21. Dezember auf Netflix abrufbar. "Roma" und "Die Ballade von Buster Scruggs" sind dort bereits verfügbar.

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