"Black Mirror" auf Netflix In der Diktatur des Digitalen

Die Netflix-Serie "Black Mirror" begeistert Science-Fiction-Nerds wie Technologiekritiker gleichermaßen. Die fünfte Staffel legt ihre Vorzüge offen - allerdings auch ihre Schwächen.

Pedro Saad/ Netflix

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"Biep, biep, biep! Dieses Scheißgewische auf den Telefonen! Wo man auch hinsieht, kleben die Leute an den Dingern. Wie verdammte Kettenraucher! Keiner sieht mehr hoch. Der Himmel könnte sich lila verfärben und ihr würdet es nicht mal merken!"

Das ist nicht der Gedankengang eines beliebigen U-Bahn-Pendlers, sondern stammt aus der neuen "Black Mirror"-Episode "Smithereens". So klingt es, wenn die Serie "Black Mirror" dem Zuschauer den Spiegel vorhält.

Ihr kreativer Kopf Charlie Brooker erzählt Geschichten, die direkt aus der "Twilight Zone" zu kommen scheinen. Aber anders als in der legendären Horrorserie bricht der Schrecken in "Black Mirror" nicht aus anderen Dimensionen herein, sondern entwickelt sich im Alltag der Protagonisten. Und aus Technologien, die die Welt entweder schon nachhaltig verändert haben oder zum Greifen nah erscheinen.

Am deutlichsten macht das in der fünften Staffel, die aus drei unabhängigen Geschichten besteht, die Folge "Striking Vipers". Da sehen sich zwei Freunde nach langer Zeit wieder, beide sind älter geworden, der eine hat eine Familie gegründet und geht statt auf wilde Partys jetzt früh ins Bett. Damit ist allerdings Schluss, als er von seinem Kumpel ein Computerspiel geschenkt bekommt, mit dem man komplett in eine virtuelle Welt abtauchen kann.

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"Black Mirror": Null und eins gleich Horror

Dort treffen die beiden sich, um als Kämpfer gegeneinander anzutreten. Das Knie zwickt nicht mehr, man kann sich bewegen, zuschlagen und springen wie sonst eben nur Computerspielfiguren. Man kann aber auch ganz andere Dinge tun, Dinge, die eigentlich nicht vorgesehen sind - und die gravierende Auswirkungen auf das echte Leben haben.

Was in der virtuellen Welt geschieht, soll hier natürlich nicht verraten werden, denn ihre Unvorhersehbarkeit macht Brookers Geschichten ja so spannend. Sie sind tief in bekannten Genrekonventionen verankert und wirken altbekannt - bis eine überraschende Wendung oft ganz neue Erzählräume öffnet.

"Striking Vipers" zählt zu den besten Folgen von "Black Mirror", die sich am besten mit Kurzgeschichten vergleichen lassen. Wie bei "Das transparente Ich" aus der ersten und vor allem "San Junipero" aus der dritten Staffel steht auch hier ein leises Drama im Vordergrund, eine Geschichte, die von den Herausforderungen und Zumutungen der Liebe erzählt in Zeiten der digitalen Durchdringung.

Spätestens seit der interaktiven Sonderfolge "Bandersnatch" von 2018 wird "Black Mirror" als eine der großen Netflix-Serien wahrgenommen, als eine dieser ultramodernen, mit dem Hier und Jetzt vollgesogenen Erzählungen, die den Netflix-Nimbus als Antreiber und Neuerfinder von Fernsehen ausmachen. Dabei begann "Black Mirror" bei dem öffentlich-rechtlichen TV-Sender Channel 4 in England, bevor Netflix für die dritte Staffel tief in die Geldbörse griff und die Serie übernahm.

Netflix entwickelt Bahnbrechendes eben selten selbst, hat aber oft den richtigen Riecher für neue Programmformate und lässt den Kreativen den nötigen Freiraum. Dabei kann es aber auch passieren, dass das unerhört Neue sich als kreative Sackgasse erweist. Der Film "Bandersnatch" etwa, bei dem der Zuschauer selbst in die Geschichte eingreifen kann, entpuppt sich dem Buzz zum Trotz als recht ermüdende Angelegenheit.

Trotzdem treibt Netflix interaktive Formate weiter voran, mit der völlig uninspirierten Outdoor-Survival-Reihe "Du gegen die Wildnis" zum Beispiel. Die Frage, welches Müsli ein "Bandersnatch"-Protagonist auswählt oder welche Figur in einer Szene vom Balkon springt, ist für den Streamingdienst auch weniger aus kreativen Erwägungen interessant. Die Reaktion des Zuschauers versorgt Netflix vielmehr mit wertvollen Daten über seine Kunden: welche Produkte sie bevorzugen, welche Musik sie mögen.

Dass ausgerechnet "Black Mirror" einen digitalen Datensammler wie Netflix füttert, verleiht der Erfolgsgeschichte der Serie eine ironisch-bittere Note. Leicht vorstellbar, wie Charlie Brooker aus diesem Szenario eine seiner warnenden Geschichten stricken würde. Den moralischen Zeigefinger hebt er schließlich nicht selten.

Denn bei aller Frische und Dringlichkeit: Durchgängig brillant war "Black Mirror" nie, einigen Episoden ist eine mal offenherzige, mal moralinsaure Naivität zu eigen. Die erzählerische Idee verblasst immer wieder hinter dem Bombast des dystopischen Budenzaubers.

Wie in dem rasanten Entführungsthriller "Smithereens" aus der neuen Staffel, der zwar extrem spannend inszeniert und geschrieben ist, mit seiner Anklage gegen moderne Tech-Konzerne wie Facebook aber in hohem Tempo offene Türen einrennt.

Ungebremst albern wird es dann in "Rachel, Jack und Ashley Too" mit Miley Cyrus als Popsternchen, das der Oberflächlichkeit seiner Welt entkommen will. Dazu benötigt es die Hilfe einer Puppe, die ihre böse Tante als Merchandising-Artikel verkauft und in die sie die Persönlichkeit der Sängerin kopieren ließ. Schwer zu sagen, ob Brooker diese hanebüchene Geschichte ernst meint. Die Ashley-Puppe hat jedenfalls jeden Horror verloren. Sie nervt nur noch.

Auf Netflix abrufbar.



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Seite 1
marty_gi 06.06.2019
1. wenn....
Wenn denn Netflix dann auch die Sachen spaeter mal auf DVD veroeffentlichen wuerde, fuer alle die, die nicht staendig am Netz haengen (die soll es ja geben, ich sehe taeglich einen im Spiegel), dann wuerde mich das freuen. Denn die ersten beiden Staffeln von Channel 4 gibt es - und die machen schon Appetit auf mehr.
stef_ma 06.06.2019
2. Für mich mit Abstand
die schlechteste Staffel der Serie.
timsch73 06.06.2019
3. Gute drei Folgen, aber auch nicht mehr
Diese Staffel ist nicht wirklich Black Mirror typisch. Da ist keine die wie ein Schlag in die Magengrube wirkt, keine die das "Black" wirklich verdient hätte. Selbst die "Facebook" Folge hat einen sympatischen "Zuckerberg", dem es überhaupt nicht ums Geld geht. Die Folge ist auch nicht sonderlich spannend da einem der Mann nicht sonderlich nahe geht. Die Miley Cyrus Folge ist besser als erwartet, auch wenn es absolut untypisch für Black Mirror ist(Happy End, unrealistisch und durchschaubar). Trotzdem, gute Musik, selbstironisch und irgendwie schön. Die beste Folge ist Striking Vipers, auch wenn viele Kritiker das genau anders sehen(Soap Opera). Auch wieder keine typische Black Mirror Folge (war San Junipero auch nicht). Aber mir gefällt sie, sehr gut gespielt, tolle Bilder(vor allem die Spielszenen) und eine erwachsene, nachdenkliche Story die ruhig daher kommt und ohne Zeigefinger.
Matthiasvon Mitzlaff 06.06.2019
4. Alles wird bewertet (und schlecht geredet)
Von diesem Artikel habe ich bis jetzt nur den Titel gelesen. Und ich gestehe, ich mutiere zum Wutbürger. WARUM können wir Dinge nicht einfach mal stehen lassen? Und wenn Ihr mit dem Material nicht einverstanden seid, dann macht es doch BESSER! Dieses ständige Rumgenöle und Gejammere ist etwas, das mir in diesem Land mit diesem Volk mächtig auf den Senkel geht. Leute, werdet zu MACHERN, strebt eine positive Vision an und steckt die Energie, die Ihr für Kritisieren aufwendet, in Eure Projekte. Bekommt endlich etwas gebacken und haltet Euch nicht mit überflüssigem Kommentieren auf. Hugh, ich habe gesprochen.
Ignorant00 06.06.2019
5. Jede Rezension soll positiv sein? Wofür ist sie dann gut?
Zitat von Matthiasvon MitzlaffVon diesem Artikel habe ich bis jetzt nur den Titel gelesen. Und ich gestehe, ich mutiere zum Wutbürger. WARUM können wir Dinge nicht einfach mal stehen lassen? Und wenn Ihr mit dem Material nicht einverstanden seid, dann macht es doch BESSER! Dieses ständige Rumgenöle und Gejammere ist etwas, das mir in diesem Land mit diesem Volk mächtig auf den Senkel geht. Leute, werdet zu MACHERN, strebt eine positive Vision an und steckt die Energie, die Ihr für Kritisieren aufwendet, in Eure Projekte. Bekommt endlich etwas gebacken und haltet Euch nicht mit überflüssigem Kommentieren auf. Hugh, ich habe gesprochen.
Rezensionen sind dazu da den Konsumenten Anhaltspunkte zu geben welche Produkte etwas für Sie wären. Dazu muss man auch nicht immer mit der Meinung des Rezensenten übereinstimmen, man kann ja eine Kritik auch in seinen eigenen Kontext und seine eigenen Vorlieben einordnen. Sinnlos wäre es aber, wenn jegliche Kritik positiv sein müsste, dann würde mir als Konsument ja jeglicher Anhaltspunkt fehlen und die Rezension wäre komplett überflüssig! PS: Ich habe das Lesen dieses Artikels aus einem anderen Grunde abgebrochen: Da ich Dark Mirror sehr gut finde, werde ich die Staffel auf jeden Fall sehen. Der Artikel machte auf mich den Eindruck schon zu oft zu sehr ins Detail einzelner Folgen zu gehen, da wollte ich mir Spoiler ersparen. Werde den Artikel dann vielleicht noch einmal lesen, wenn ich die Staffel geschaut habe.
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