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Marvel-Film »Black Widow« Diese Agentin ist eine Kampfansage an James Bond

Scarlett Johansson feiert in »Black Widow« mit trockenem Humor und rasanter Action ihren Superheldinnen-Abschied. Männer? Spielen hier nur Nebenrollen.
aus DER SPIEGEL 27/2021
Schauspielerin Johansson in »Black Widow«: Ein klassisches Buddy-Movie, nur mit Frauen

Schauspielerin Johansson in »Black Widow«: Ein klassisches Buddy-Movie, nur mit Frauen

Foto: Marvel Studios / The Walt Disney Company

James Bond hat es wirklich nicht leicht in diesen Zeiten. Nicht genug, dass der dienstälteste Kino-Geheimagent und Actionheld wegen der Coronapandemie seit anderthalb Jahren auf seinen neuesten Einsatz warten muss; längst wird diskutiert, ob es nicht an der Zeit wäre, endlich eine Frau mit der Dienstnummer 007 und der Lizenz zum Töten auszustatten.

Wie ein Bond-Film ohne Bond, dafür aber mit Heldinnen aussehen könnte, führt nun wenige Monate vor dem Start von »Keine Zeit zu sterben« die Konkurrenz von Disney und Marvel mit »Black Widow« vor. Der Film, atmosphärisch düsterer und realitätsnäher als frühere Marvel-Spektakel, ist eine kaum verhohlene Kampfansage an das 007-Team, in einer Szene ist sogar auf einem alten Fernseher ein Ausschnitt aus »Moonraker« zu sehen.

Aus: DER SPIEGEL 27/2021

Der Labor-Verdacht

Lange galt die These, das Coronavirus stamme aus einem Forschungsinstitut im chinesischen Wuhan, als Verschwörungstheorie. Inzwischen sagen auch renommierte Wissenschaftler: Völlig ausgeschlossen ist es nicht, dass das Virus aus einem Versuchslabor entkam. Die Suche nach der Quelle der Pandemie wird zu einem politischen und wissenschaftlichen Krimi.

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Auch die Premiere von »Black Widow« musste wegen der Pandemie um mehr als ein Jahr verschoben werden und wird nun parallel im Kino und beim Streamingdienst Disney+ ausgespielt. Das über fast zehn Jahre hinweg entwickelte Soloabenteuer der Superspionin Natasha Romanoff (Scarlett Johansson) dürfte nicht nur für den Neustart des globalen Blockbusterkinos wichtig sein, auf dem große finanzielle Hoffnungen der Branche liegen. Er leitet zudem die vierte Phase des Marvel Cinematic Universe, der erfolgreichsten Kino-Franchise der vergangenen Jahre, ein.

Dabei ist »Black Widow« eigentlich ein Abschied. Hauptdarstellerin Johansson, 36, übergibt darin den Part der zum »Avengers«-Team gehörenden Heldin an ihre Kollegin Florence Pugh, 25, die Romanoffs Schwester Yelena Belova spielt. Der Film erzählt von der Wiedervereinigung der beiden, die als Kinder getrennt wurden und unabhängig voneinander im sogenannten Red Room postsowjetischer Geheimdienste zu psychisch manipulierten Attentäterinnen ausgebildet wurden – tödlichen »schwarzen Witwen«.

Mit Kalte-Krieg-Szenarien hält sich Regisseurin Cate Shortland jedoch nicht lange auf, stattdessen liefert sie zeitgemäß rasante Action an Schauplätzen wie Marokko, Budapest und Norwegen. Vor allem aber liegt ihr Fokus auf der Dynamik zweier zunächst widerwillig kooperierender Einzelkämpferinnen, die den Boss der Widow-Organisation zu Fall bringen wollen.

»Black Widow« funktioniert streckenweise wie ein klassisches Buddy-Movie, nur eben mit vielschichtigen und erfrischend eigenständigen Frauenfiguren, die sich auf der Flucht vor ihren Häscherinnen mit trockenem Humor hochamüsant kabbeln. Yelena mokiert sich über die exaltierte Akrobatik, mit der Natasha bei ihren »Avengers«-Einsätzen im fetischartigen Lederoutfit aufreizend ins Getümmel grätscht: »Du bist so eine Poserin«, neckt sie ihre ältere Schwester. Sie selbst verhüllt ihre Figur mit einer unförmigen Multifunktionsweste. Hier geht Praktikabilität längst vor Attraktivität – und lüsterne Blicke auf Frauenkörper werden charmant gebrochen.

Der Schurke erinnert an das Branchen-Monster Harvey Weinstein.

Vor allem Scarlett Johansson dürfte es wichtig gewesen sein, ihre wohl bekannteste Rolle weniger hypersexualisiert in Marvels Kinozukunft zu überführen. Die US-Schauspielerin beschwerte sich unlängst in einem Interview darüber, dass die Figur bei ihrer Einführung im Film »Iron Man 2« (2010) wie ein begehrenswertes Stück Fleisch inszeniert wurde. Über mehrere Filme hinweg trat sie zumeist als schmollmündiger Sidekick für die gottgleichen Überhelden der Comicverfilmungen auf.

Zur unwichtigen (Witz-)Figur degradiert wird nun der neben dem Superschurken einzig relevante Mann des Films: Der schmerbäuchige, zu Slapstick und emotionalem Brambasieren neigende Ex-Superheld Red Guardian (David Harbour) ist für die Schwestern Zumutung und Vaterfigur zugleich. Als Vorbild dient ihnen eher ihre ebenfalls wiedergefundene, aber leider distanzierte Ersatzmutter (Rachel Weisz). »Black Widow« ist auch ein Familiendrama, in dem von der Brutalität des Lebens verhärtete Menschen damit hadern, Gefühle zuzulassen.

Die Figur des »Witwenmachers« Dreykov (Ray Winstone) kann als Selbstreferenz des sich wandelnden Hollywoodgewerbes verstanden werden. Der Schurke erinnert an das Branchen-Monster Harvey Weinstein und behauptet angeberisch, er mache sich für seine übergriffigen Gehirnwäsche-Machenschaften die eine Ressource zunutze, von der es auf der Welt genug gebe: junge Mädchen.

Da er sich potenzielle Attentäterinnen aus den eigenen Reihen mit Pheromonen vom Leib hält, muss sich die Black Widow Johansson selbst die Nase brechen und damit (kurzzeitig) ihre Schönheit zerstören, um sich rächen zu können.

Gegen so viel Entschlossenheit kann wohl selbst James Bond nicht mehr viel ausrichten.

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