Doku-Fiction über deutschen Hip-Hop "Im Rap kann man sich nicht hinter der Melodie verstecken"

Deutschsprachiger Hip-Hop feiert sich gerade wie noch nie. Der Kinofilm "Blacktape" erzählt jetzt seine Geschichte. Ein Gespräch mit Regisseur Sékou Neblett über Conscious-, Street- und Gangsta-Rapper. Word!

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Zur Person
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    Sékou Neblett, 44, ist ein US-amerikanischer Rapper und Regisseur. Er wuchs in Boston, Massachusetts, auf, lebte als Kind in Düsseldorf. Als Student kam er mit Anfang 20 zurück nach Deutschland, traf in Stuttgart auf Max Herre. Neblett wurde als "Sékou The Ambassador" durch seine Zusammenarbeit mit Herres Gruppe Freundeskreis bekannt, rappte unter anderem auf dem Album "Quadratur des Kreises" (1997), das als ein Wegbereiter des deutschen HipHop gilt. "Blacktape" ist sein erster Kinofilm als Regisseur.
SPIEGEL ONLINE: Herr Neblett, die Veröffentlichung Ihres Hip-Hop-Films "Blacktape" fällt in eine Zeit, in der sich deutschsprachiger Rap selbst feiert wie noch nie: Die Fantastischen Vier hatten ihr 25-jähriges Jubiläum, Samy Deluxe sein 20-jähriges Bühnenjubiläum, ein Label wie Selfmade Records feiert zehn Jahre Bestehen. Rapper wie Haftbefehl oder Xatar veröffentlichen ihre Memoiren; es erscheinen Anthologien zum Thema. Gehört Rap in Deutschland heute zum Establishment?

Neblett: Absolut. Deutscher Rap hat sich über 30 Jahre vom Underground zum Mainstream entwickelt. Was ich miterleben durfte, war diese besondere Phase Ende der Neunzigerjahre: Die Musiker, die im Underground ihr Können professionalisiert hatten, waren damals bereit, den nächsten Schritt zu gehen und unterschrieben Plattenverträge. Das war für mich eine goldene Ära; die Blütezeit dieser Kunstform in Deutschland.

SPIEGEL ONLINE: Was kam nach der Blütezeit?

Neblett: Die Vertreter dieser Blütezeit waren Entdecker, die Neuland betreten hatten: Freundeskreis, Absolute Beginner, Samy Deluxe, die alle noch in den Jugendhäusern angefangen haben. Denen ging es um die Kunst. Man konnte ihre Überraschung über das spüren, was sie selbst geschaffen hatten. Diese Mittelstandsjungs, die Old-Schooler, inspirierten die nächste Generation. Anfang der Nullerjahre kam dann mit Aggro Berlin und Royal Bunker die Straße und sagte: 'Jetzt sind wir dran!' Eine counter culture innerhalb der Hip-Hop-Kultur.

SPIEGEL ONLINE: Was machten die anders?

Neblett: Die suchten den sozialen Aufstieg. Die wollten immer Geld verdienen. Das hat die erste Generation nicht vordergründig gewollt. Heute haben wir die ganze Palette: Conscious-Rapper, Street-Rapper, Gangsta-Rapper. Es gab so viele Abspaltungen, und heute hat jeder seinen Platz. Dadurch ist es zu einem gewissen Stillstand gekommen und man blickt wieder zu den Anfängen, um sich neu zu inspirieren.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben vorhin die Zeit, als Sie mit Freundeskreis selbst auf der Bühne standen, als goldene Ära bezeichnet. Blicken Sie nostalgisch auf diese Phase?

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Deutscher Hip-Hop: Vom Underground zum Mainstream
Neblett: Ich sage nicht, dass die Musik damals besser war. Mich interessiert, was da kulturell passiert ist: Die deutsche Sprache wurde enttabuisiert.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Neblett: Damals hat man gemerkt: Wir können nicht auf Englisch rappen. Wir haben das versucht, aber das fühlt sich falsch an. Meine Geschichte kann ich nur auf Deutsch erzählen. Aber so, wie die deutsche Sprache ist, geht das nicht wirklich. Also baue ich Fremdwörter ein, benutze einen lokalen Slang, vermische Mundart mit Hochdeutsch. Und so mache ich diese Sprache lebendig. Und enttabuisiere sie gleichzeitig für eine neue Generation.

SPIEGEL ONLINE: Ist das ein typisch deutsches Phänomen - diese Schwierigkeit, sich mit der eigenen Sprache auseinanderzusetzen?

Neblett: Das gibt es in der Form nirgendwo sonst. Der Zweite Weltkrieg hatte so einen Braindrain verursacht, fast die ganze deutsche Intelligenzija war weg - ermordet, geflüchtet oder von den Nazis vereinnahmt. Danach mussten sich die Linken und Alternativen erst wieder finden. Dann kam dieses "Nie wieder Deutschland". Man experimentierte mit Haltung: im deutschen Punk, in der Hamburger Schule, selbst in der Neuen Deutschen Welle.

SPIEGEL ONLINE: Was hat das mit Hip-Hop zu tun?

Neblett: Im Hip-Hop ist fast nichts übrig außer Sprache. Weil er so reduziert ist. Man kann sich nicht hinter einer Melodie verstecken. Das Genre hat deutsche Künstler dazu gezwungen, sich noch mehr mit ihrer eigenen Sprache zu beschäftigen. Zu diesem Rumfummeln, Rausfinden, Rumtappen im Dunkeln.

SPIEGEL ONLINE: Zwang klingt nicht besonders positiv.

Neblett: Das war er hier aber. Es gibt heute deutschsprachige Musik, mit der man sich verletzbar macht. Mit der man wirklich seine Gefühle ausdrückt. Ich behaupte, es gab lange Zeit so eine leichte Distanz in deutschen Musiktexten. Oder sie waren total politisch. Aber selten persönlich und verletzlich. Ich bezeichne das oft als "Ärzte-Phänomen": Die Ärzte sind wahnsinnig clever, lustig, zynisch, aber eben nicht sehr nahbar. Mir hat das lange gefehlt, dass sich einer wie Philipp Poisel hinsetzt und über seine Gefühle singt, ohne sich hinter einem Witz zu verstecken. Diese junge deutsche Singer-Songwriter-Kultur ist aufgewachsen mit deutschem Hip-Hop, denn darin hat die emotionale Befreiung stattgefunden.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben vorhin von Stillstand gesprochen. Wo steht der deutschsprachige Rap denn heute?

Neblett: Durch Social Media werden junge Rapper heute sehr darauf getrimmt, wie sie sich vermarkten. Image und Lifestyle sind sehr wichtig geworden, wichtiger als das Können. Aber ich denke, Lifestyle-Rap wird sich irgendwann erschöpfen, und die Leute kehren zurück zu mehr Text-Tüftelei.

SPIEGEL ONLINE: Wie Kendrick Lamar, dem es heute nicht mehr um den Bling-Bling-Lifestyle geht?

Neblett: Genau. Davon wird es auch wieder mehr in Deutschland geben: Leute, die Street mit Intelligenz mischen.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Film "Blacktape" geht es nicht nur um die Geschichte des deutschen Hip-Hops, sondern auch um ein Mysterium: Sie begeben sich auf die Suche nach Tigon, dem vielleicht ersten deutschsprachigen Rapper überhaupt.

Neblett: Ich wollte dieses Hineinstolpern zeigen, das ich selbst so erlebt habe: Ich bin als Amerikaner nach Deutschland gekommen und Max Herre hat mich nach und nach in diese Szene eingeführt. So ist auch der Film: Ich möchte das Publikum mitnehmen auf eine Reise, wie ich sie selbst erlebt habe.

SPIEGEL ONLINE: Der Film ist gemacht wie eine Dokumentation, wirkt stellenweise aber inszeniert.

Neblett: Ich gehe offen damit um, dass es inszenierte Momente gibt. Doku-Fiction, sozusagen. Aber alle Menschen in diesem Film sind real und machen das, was sie im echten Leben auch machen. Als Zuschauer weiß man aber nie, was echt ist und was nicht. Das wussten selbst die Protagonisten nicht.

SPIEGEL ONLINE: Das Genre der Suche nach einem einflussreichen, aber vergessenen Musikhelden ist inzwischen im Popkanon verankert: Man kennt das von Marc Fischers Suche nach dem Bossa-Nova-Erfinder João Gilberto in "Hobalala" oder aus der Oscar-Doku "Searching for Sugar Man", in der nach dem vergessenen Sänger Sixto Rodriguez gesucht wird. Was ist so faszinierend an diesen Mysterien der Popmusik?

Neblett: Entstehungsgeschichten sind so faszinierend, weil in diesem Urknall Information freigesetzt wird, die dann lange mitschwingt. Außerdem denke ich, dass jetzt eine gute Zeit ist, um zurückzublicken. Weil alles so virtuell ist. Auf Konzerten blickt man heute von der Bühne aus auf ein Meer von Handys. Den Moment des eigentlichen Erlebens gibt es nicht mehr. Alles ist auf Inszenierung getrimmt. Die Vorstellung von einem Ursprung ist etwas, das einem das Gefühl von wirklichem Erleben zurückgibt.

SPIEGEL ONLINE: Immerhin kann man so sehr einfach an Orte gelangen, die einem früher verborgen geblieben wären: Wenn ich keine Karte für das Justin-Bieber-Konzert kriege, bekomme ich zumindest in den sozialen Medien Einblicke, die den Auftritt dokumentieren und für mich greifbarer machen. Ist die Suche nach etwas, das nicht greifbar ist - nach einem Mythos - das, wonach wir uns heute eigentlich sehnen?

Neblett: Ja, und Hip-Hop lebt auf jeden Fall von solchen Geschichten. Von Mythen. Das geht so weit, dass sich im Grunde jeder Rapper größer macht als er ist. Jeder ist der beste. Diese Art Geheimnis kann man allerdings schnell lüften: Es stimmt oft nicht.

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Seite 1
nach-mir-die-springflut 15.12.2015
1.
"Im Rap kann man sich nicht hinter der Melodie verstecken" So kann der Rapper sich das natürlich auch drehen. Um der Aussage Beweiskraft zu verabreichen, müßte er aber erst einmal in der Lage sein, eine Melodie über die Qualität von "Alle meine Entchen" hinaus zu fabrizieren, oder ohne nicht sonstwie im wehleidigen Pathos einer Sentimentalität zu versacken. Weil also dem Rap so gerne die Melodie fehlt, greift die Berufssparte dann auf Samples aus der Zeit zurück (80er und 90er sind leergegriffen, jetzt kommen die 60er an die Reihe, der Konsument kennt's Original eh nicht), wo noch Melodien aus den Kehlen kamen. Beim Sprechgesang muß man als Zuhörer denken und (sofern der eigene IQ die Leistung aufzubringen imstande ist) mitdenken, bei der Melodie nicht.
KaroXXL 15.12.2015
2. Die 90er
Ohne Eins Zwo und Rödelheim Hartreim Projekt zu erwähnen? Wie geht denn das? Dann doch lieber Verzicht auf diese omnipräsenten Sprechsinger Fanta4 und Fettes Brot. Aber ich ahne schon Übles bei diesem Film.
Knossos 15.12.2015
3.
Eine Blütezeit waren die Jahre von Mitte Sechziger bis Anfang Achtziger. Die siebziger Jahre eine einzigartge Periode des Schaffens, in der musikalische Schätze des Rock und Pop hervorsprudelten. Angespornt von all der Kreativität ringsum, wollten um 1977 /78 herum drei unmusikalische Teenager auch wer sein und schnitten mithilfs zweier Kassettenrecorder Passagen aus fetzigerm Rock wie dem der Led Zeppelin heraus und dublizierten sie zu Loops. Dann stockelten sie Sprechgesang darüber. Im Zenit der Musikindustrie, fühlte ein Musikmanager sich versucht, zu demonstrieren, wie weit PR-Mittel gediegen waren und machte sich daran, die primitive Kakophonie als Avantgarde zu promoten. Und siehe da, die Macht medialer Geschmacksbildung bestätigte sich. Frei wurde die Bahn für künftige Stars in der Musikwelt, unabhängig jedweden Könnens im Metier. Des Kaisers "neu" tönende Kleider warfen die musikalische Differenzierung Heranwachsender zurück in die Steinzeit und gebaren weitere monotone Genres wie den Techno. Und nun, fast 40 Jahre faden Spuks später, während die trüben Schwaden des Klangeffekts sich endlich anschicken zu verziehen, und allmählich wieder Musik einzieht für die man ein Instrument, Gesang und harmonisch-rhythmische Vielfalt beherrschen muß ... da legen unmusikalische Dilettanten noch einmal damit nach, daß es eines Sprechgesangs auf immer gleichen "Grooves" besonderer Fähigkeit bedürfe. Obendrein ausgerechnet behauptend, daß sich Sänger hinter immerhin gegebenen Melodien verstecken könnten. Das I-Tüpfelchen dreister Infantilität und musikalischer Ignoranz. - Ich möchte anmerken, daß Limmericks als Vorläufer oft ganz hervorragende Kreationen sind. Aber eben ohne klangliche Unterfütterung vom Esprit eines tuckernden Dieselmotors.
thedream34 16.12.2015
4. Hip Hop ist tot
Freundeskreis, azad mit Leben, Tyron Ricketts, Beginner....danach kam nix mehr was mich in der BRD umgehauen hat :-/
erich61 16.12.2015
5. Unglaublich
Da merken die doch glatt, dass Sie alt werden. 30 Jahre, Underground, Back to the roots, na sowas aber auch. Und verstehen die Welt nicht mehr (Meer von Handys). Interessant fand ich auch folgenden Satz: "Im Hip-Hop ist fast nichts übrig außer Sprache". Joh, hört man auch: völlig unmotiviertes Rumgemache mit Instrumenten, ist ja auch egal, geht ja auch um den Text. Öh - ja - hm, schwierig. Ist vielleicht wie eine Unterhaltung, eine Talkshow - eher ein Monolog. Die Inhalte sind naja... Irgendwie fühle ich mich jetzt ganz alt, bin mit Deep Purple aufgewachsen, die alten Sachen von damals würde ich mir heute nicht mehr anhören. Ich versuch, mit der Zeit zu gehen, HipHop, Rap, Punk, Techno, Metal, etc. in dezenter Dosierung geht. Und es gibt doch so viel Musik und Musiker und Musikrichtungen auf der Welt... PS: ich mag Jazzkantine.
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