Remake von "Blair Witch" Horror im Hexenwald

Die Suche nach der "Blair Witch" hat 17 Jahre nach dem Original ein Update bekommen. Aber glaubt wirklich jemand, dass einem jahrhundertealten Fluch mit Drohnenkameras und GPS beizukommen ist?


Der Wald raschelt und knackt nicht mehr. Nein, es walzt und kracht, als trampele ein Riese die Bäume nieder, irgendwo dort draußen im Dunkeln. Ein Remake muss seine Existenz ja schließlich irgendwie legitimieren, und das simpelste Rezept liegt in der bloßen Steigerung von Gefühl, von Risiko, von Effekten. Schwieriger wird es, wenn das Original stilprägend war für ein ganzes Subgenre - so wie "The Blair Witch Project".

1999 torkelten Heather, Josh und Mike durch das seltene, fahle Licht und die tiefe Dunkelheit des Black Hills Forest bei Burkittsville in Maryland, ihre Kameras stets im Anschlag. Sie zofften sich um die Karte, die irgendwann genauso verloren ging wie sie selbst, sie rannten, sie flohen, sie schrien ihre Namen, und ihre Ausrüstung stolperte, kippte, stürzte stets mit.

Hektische, unkontrollierte Reißschwenks durchs Unterholz prägten die Ästhetik des Films, und heute erinnert man sich vor allem an eine dutzendfach parodierte Einstellung, die sich von unten in die Nasenlöcher der heulenden Heather bohrte: Heather, der Filmstudentin, die doch bloß den Legenden um die Hexe von Blair, wie Burkittsville früher hieß, nachgehen wollte.

Der Tod ist das verlässlichste Versprechen

"Found Footage" heißt das Stilprinzip, das die Regisseure Daniel Myrick und Eduardo Sánchez zwar nicht erfanden - da war etwa Ruggero Deodato 1980 mit "Cannibal Holocaust" deutlich früher dran -, aber doch salonfähig machten: "The Blair Witch Project" kostete 60.000 Dollar und spielte an die 250 Millionen ein, auch dank einer innovativen viralen Marketingkampagne, die das Schicksal der drei Studenten verblüffend lange als authentisch verkaufen konnte.

Wenn also Aufnahmen gefunden wurden, dann war niemand mehr übrig, um sie zu übergeben - dies ist bis heute eines der verlässlichsten Versprechen all der Filmreihen von "Paranormal Activity" (ab 2007) über "Rec" (ab 2007) bis hin zu "V/H/S" (ab 2012), die ohne den Film von Myrick und Sánchez kaum denkbar wären.

Nach der soliden, aber konventionell inszenierten Fortsetzung "Book of Shadows: Blair Witch 2" von Joe Berlinger aus dem Jahr 2000 war es nun an Adam Wingard, einem der Regisseure der Anthologie "V/H/S", dem Stoff das zu verpassen, was er dringend braucht - wenn man ihn denn überhaupt noch einmal umsetzen will, 17 Jahre nach dem Kinostart des Originals, die in der technologischen Entwicklung wie ein halbes Jahrhundert erscheinen. Kein Remake also - eher ein Update.

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Fotostrecke zu "Blair Witch": Kein Remake, eher ein Update

James, Heathers Bruder, macht sich nun gemeinsam mit seinen Freunden Peter und Ashley und der Filmstudentin Lisa auf, um nach seiner vor mehr als 15 Jahren verschollenen Schwester zu suchen. Keine Debütanten wie noch 1999, aber sogenannte unverbrauchte Darsteller hat die Produktionsfirma Lionsgate besetzt: James Allen McCune kennt man höchstens aus " The Walking Dead", Callie Hernandez womöglich aus "La La Land", 2017 wird sie in einer Hauptrolle in Ridley Scotts "Alien: Covenant" zu sehen sein. Ein wenig glatter wirkt diese Crew dennoch, dynamisch, gutaussehend, eher gecastet als aus dem echten Leben gegriffen.

Nach kurzer Exposition jedenfalls führt ihr Weg sie in den Black Hills Forest, der heute hochauflösend in bemerkenswert satten Farben erstrahlt. GPS-Präzision ersetzt die verlustanfällige Papierkarte, und als oberstes Gimmick klemmen sich die furchtlosen Entdecker winzige Kamerabügel aufs Ohr. Die grobpixeligen Bilder der DV-Kamera der beiden Burkittsviller Nerds Talia und Lane, die sich als kompetente Führer ins Dickicht aufdrängen, erscheint da als deutlicher Anachronismus.

Ein Experiment zur Blickverweigerung

Nützen wird ihnen all die hochgezüchtete Technik natürlich nichts: Wieder tauchen morgens seltsame rutengebundene Holzkreuze vor den Zelten auf, wieder stehen den frisch Aufgewachten kleine Steinhügel im Weg. Wieder werden sie sich im Wald verlieren, und wieder werden sie an eine heruntergekommene Hütte gelangen, die irgendwie ein Ziel darstellt.

All das geschieht mit zwangsläufiger Gewissheit auch für ein Publikum, das zum ersten Mal mit auf die Expedition genommen wird. Und um der drohenden Langeweile zu entkommen, setzt Adam Wingard auf reichlich einfallslose "jump scares" - auf Mitreisende, die plötzlich mit lautem Knall im subjektiven Blickfeld auftauchen - und auf ein wenig "body horror", dessen fiese infektiöse Vorausdeutungen sich jedoch wie so vieles und viele andere im Nichts des Waldes verlaufen.

Wenn Wingard das Erfolgsprinzip des Vorgängers entsprechend nur leicht, in späteren Momenten aber durchaus effektiv variiert, so dringt er doch tiefer in die Mythologie seines Stoffes ein. Heute lässt sich allzu leicht vergessen, dass "The Blair Witch Project" bei allem pseudoauthentischen Getöse - und im Unterschied zu vielen Produktionen, die folgten - ein kluges Experiment zur Blickverweigerung war.

Dem bleiben Wingard und sein Drehbuchautor Simon Barrett treu: Es sind mehr als nur verschenkte Gelegenheiten, dass die Drohnenkamera der Reisenden sich früh und endgültig im Geäst verfängt und dass einer halbhoch über dem Camp platzierten Webcam mitten in der Nacht der Saft ausgeht. Auf voyeuristische Neugier steht in den Wäldern um Burkittsville nun einmal seit Jahrhunderten die Todesstrafe.

Hier geht es zum Filmtrailer:

"Blair Witch"

    USA 2016

    Regie: Adam Wingard

    Drehbuch: Simon Barret

    Darsteller: Brandon Scott, Callie Hernandez, Valorie Curry, James Allen McCune, Corbin Reid, Wes Robinson

    Produktion: Lionsgate

    Verleih: StudioCanal Deutschland

    Länge: 90 Minuten

    FSK: ab 16 Jahren

    Start: 6. Oktober 2016

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insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
dianaberlin 06.10.2016
1. keinen artikel wert
am ende des films sieht man nur noch auf, wenn statt dem anhaltenden "James" und "Ashley" rufen mal gegen "Heather" getauscht wird. Ansonsten ist der komplette Film, als hätte Papi bei der Radtour durch den Wald vergessen, die angeschaltete Kamera aus der Hosentasche zu holen. Ich glaube der Film wurde auf maximal 10m2 Waldboden gedreht, auf denen im Kreis gerannt wird. Mit The Blair Witch Project hat das alles nichts zu tun. Da hat mein bester Kumpel mir im Kino fast die Hand gebrochen, so gruselig war das. Jede Generation kriegt die Stars / Filme, die sie verdient hat...
Tiananmen 06.10.2016
2.
Eigentlich überrascht das, dass die Neufassung schlechter sein soll, als die alte. Wenn man das Dauergewackel und dämliche Rumgeschreie des Originals noch in (unangenehmer) Erinnerung hat, dann kann man sich nicht vorstellen, dass das noch zu unterbieten ist. Wer kam denn auf die glorreiche Idee dafür ein Re-Make zu produzieren?
!!!Fovea!!! 06.10.2016
3. Der erste Film
war schon erschreckend langweilig ... Warum ein Remake...? Vielleicht bin ich auch zu alt und habe einfach die Zeit der "guten Horrorfilme" genossen und bereits zu viel davon gesehen......
cipo 06.10.2016
4.
Zitat von dianaberlinam ende des films sieht man nur noch auf, wenn statt dem anhaltenden "James" und "Ashley" rufen mal gegen "Heather" getauscht wird. Ansonsten ist der komplette Film, als hätte Papi bei der Radtour durch den Wald vergessen, die angeschaltete Kamera aus der Hosentasche zu holen. Ich glaube der Film wurde auf maximal 10m2 Waldboden gedreht, auf denen im Kreis gerannt wird. Mit The Blair Witch Project hat das alles nichts zu tun. Da hat mein bester Kumpel mir im Kino fast die Hand gebrochen, so gruselig war das. Jede Generation kriegt die Stars / Filme, die sie verdient hat...
Wie alt wart ihr denn damals? Zwei?
johannes_steffens 08.10.2016
5. Nicht so gut, wie erhofft.
Also erst einmal ist der Film eine Fortsetzung , kein Remake !! Allerdings zeigt er nicht wirklich was neues, Teil 1 war auf jeden Fall besser.
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