Blockbuster-Flop »Morbius« Nur ein schwarzes Loch

Hollywoods Comic-Universen expandieren immer weiter, wer blickt da noch durch? »Morbius« aus dem Spider-Man-Kosmos hassen selbst die Fans schon jetzt. Warum diese Filme trotzdem das Kino retten könnten.
Schöne Goth-Mähne, aber die trägt keinen Film: Jared Leto als »Morbius«

Schöne Goth-Mähne, aber die trägt keinen Film: Jared Leto als »Morbius«

Foto: Sony Pictures / ddp images

Einer Hypothese der Kosmologie zufolge könnte das Universum nach vielen Billionen Jahren der Expansion immer leerer, dunkler und kälter werden, weil das zur Bildung von Sternen nötige Gas aufgebraucht ist und ein Himmelskörper nach dem anderen zerfällt. So weit sind die diversen Kino-Universen aus Hollywood noch nicht, im Gegenteil: Sie expandieren ungehemmt, füllen sich dabei aber mit einer zunehmend unüberschaubaren Anzahl von miteinander verbundenen Erzählungen, Superhelden und Filmen.

Hell leuchtende Sonnen entstehen dabei allerdings selten. Schwarze Löcher dagegen überraschend häufig. Je komplizierter das Beziehungsgeflecht der verschiedenen Universen und Figuren wird, desto unterkomplexer fallen mitunter die eigentlichen Filmprodukte aus, um die ein solches Bohei gemacht wird.

Zwischen Morbius und seiner Freundin Martine (Adria Arjona) funkelt nichts, es reicht knapp für einen uninspirierten Kuss

Zwischen Morbius und seiner Freundin Martine (Adria Arjona) funkelt nichts, es reicht knapp für einen uninspirierten Kuss

Foto: Sony Pictures / ddp images

Der jüngste Eintrag »Morbius« ist dafür ein Beispiel. Handelte es sich dabei einfach nur um einen schlecht gemachten Vampirfilm, man könnte getrost den Mantel des Schweigens darüber breiten.

Interessant ist dieser Film nur, wenn man ihn als Ausformung der verschiedenen Strategien betrachtet, mit denen Hollywoodstudios den Herausforderungen begegnen, die ihnen die Pandemie und das Streamen stellen.

Deshalb die Geschichte nur schnell in einem Satz: Todkranker Mediziner (Jared Leto) injiziert sich selbst ein Serum, das er aus dem Blut einer extrem aggressiven Fledermausart gewinnt, verwandelt sich in eine Art Bodybuilder mit ansehnlicher Goth-Mähne und unappetitlich langen Zähnen und muss gegen seinen besten Freund (Matt Smith) kämpfen, der unter derselben Krankheit leidet, sich das Serum beschafft und nun zu seiner größten Nemesis wird.

Zu sehen sind Spezialeffekte, die aus menschlichen Körpern Gummigeschosse machen, die wahllos über die Leinwand schwirren; orientierungslose Kamerafahrten, die Actionszenen zu einem Brei aus dunklen und halbdunklen Flächen verwischen; und dazwischen Szenen mit Dialogen, die wirken wie aus dem Proseminar Filmdramaturgie.

Manchmal stolpern zwei Cops durchs Bild, die irgendwelche Ermittlungen anstellen, es gibt einen uninspirierten Kuss zwischen dem Mediziner und seiner Freundin auf einem nächtlichen Hochhausdach, aber nichts davon hat Hand und Fuß. Nicht einmal das Finale kann sich in Sachen Action und Tricks zu echten Blockbuster-Höhen aufschwingen. Da flattern nur wild Digitalfledermäuse durchs Bild, während sich zwei Typen mit digital entstellten Fratzen auf die Mütze hauen.

Macht nichts, die Show wird weitergehen. Es lohnt sich ja. Und dieser Tatsache muss man als Cineast ins Auge sehen: Wenn am Ende der Pandemie kommerziell erfolgreiche Filme die Kinos retten können, dann wohl oder übel Superheldenfilme. Das zeigte im Dezember das enorm lukrative Spektakel »Spider-Man: No Way Home«. Ein weltweites Einspielergebnis von 1,8 Milliarden Dollar bescherte der Film seinem produzierenden Sony-Studio, das liegt deutlich in der Präpandemie-Stratosphäre.

Zum sogenannten Sony’s Spider-Man Universe (SSU) zählt auch Morbius, der zuerst in den frühen Siebzigerjahren als Nebenfigur in den Spider-Man-Comics auftauchte. Sein Solo-Filmauftritt sollte dieses – im Vergleich zum Giganten Marvel Cinematic Universe (MCU) beim Konkurrenzstudio Disney – zwergenhaft kleine Universum mit Leben füllen. Bisher tummelt sich dort neben dem Spinnenmann nur das von Tom Hardy gespielte Monster Venom mit bisher zwei Spielfilmen .

Sonys Studio will aus Spider-Man Kapital schlagen – und es muss

Spider-Man und die mit ihm verbundenen Figuren sind von zentraler Bedeutung für die finanzielle Zukunft des altehrwürdigen Columbia-Filmstudios, das zum Sony-Konzern gehört und zu den Big Five der Hollywoodstudios gezählt wird. Die Figuren stammen zwar vom Comic-Verlag Marvel wie all die anderen Helden, die in Disneys MCU unterwegs sind, aber die Rechte für die filmische Auswertung liegen seit jeher bei Sony.

Daraus will der Konzern Kapital schlagen, und er muss. Denn Sony ist das einzige Unternehmen im US-Markt, das über keinen eigenen Streamingkanal verfügt. Die Strategie des Studios ist durchaus schlau: Statt ein weiteres Portal zu eröffnen, dessen Erfolgsaussichten auf dem mittlerweile hoffnungslos überfüllten Streamingmarkt mager sind, will Sony sich auf seine Kinofilme konzentrieren und gleichzeitig Inhalte an die Konkurrenz liefern, um so Geld zu verdienen.

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So leiht Sony seinen Spider-Man an Disney aus, wo er bereits Auftritte im MCU absolvierte, und unterzeichnete einen Deal, der es Disney erlaubt, Spider-Man-Filme auf Disney+ zu zeigen und so die Marvel-Familie dort zusammenzuführen. Auch mit Netflix schloss Sony einen Vertrag: Der Streaming-Konkurrent darf ab 2022 exklusiv Sonys Kinofilme online auswerten. Beide Deals sollen drei Milliarden Dollar  in die Kassen von Sony spülen.

Dennoch ist Sony stärker als andere Studios darauf angewiesen, das seine Filme auch an den Kinokassen funktionieren. Mehr noch als die Meinung von Kritikern kann sich dabei die der Fans als Gift erweisen, und im Fall von »Morbius« ist dieser Fall schon eingetreten. In entsprechenden Foren und sozialen Medien wird der Film mit Enttäuschung und Wut aufgenommen.

Vor allem, weil die Figur des aus dem Marvel-Kosmos stammenden und von Michael Keaton gespielten Adrian Toomes alias Vulture erst im »Morbius«-Trailer auftauchte, was bei Fans Schnappatmung auslöste – und nun im fertigen Film nicht zu sehen ist. Überhaupt steht Morbius ziemlich allein da, auch auf seine Beziehung zu Spider-Man finden sich keine Hinweise.

Möglicherweise haben die Sony-Verantwortlichen selbst gemerkt, dass sie sich einen Flop eingefangen haben, und versuchten sich in Schadensbegrenzung. Vulture bekommt dann aber doch noch seinen Auftritt, in ein paar kruden in den Abspann montierten Szenen, die auf weitere Fortsetzungen hindeuten.

Die braucht sicher kein Mensch außer den Fanboys, aber wenn sie dabei helfen sollten, die Comic-Universen von Hollywood am Leben zu erhalten und damit das Kino an sich und die wirklich relevanten Filme – dann machen die nervenden Superhelden ihrem Namen doch noch alle Ehre.

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