"Blow" Zombie im Schneesturm

Mit Johnny Depp in der Hauptrolle hat Ted Demme die wahre Lebensgeschichte des größten amerikanischen Kokainschmugglers verfilmt ­ als entrücktes, fragwürdiges Melodram im Stil von "GoodFellas", aber ohne echtes Gefühl für die Charaktere.

Von Oliver Hüttmann


Kein Mitleid mit dem Zombie-Opfer: Johnny Depp als Kokainkönig Jung
Kinowelt

Kein Mitleid mit dem Zombie-Opfer: Johnny Depp als Kokainkönig Jung

Es sei ihr "total unwirklich" vorgekommen, schilderte Franka Potente die Dreharbeiten zu "Blow". Wenn man als Fräuleinwunder der deutschen Filmprovinz erstmals im mythischen Kinobabel Hollywood dreht (und dann auch noch mit seinem Idol Johnny Depp), ist das ein verständliches Gefühl. Aber ihre Aussage trifft auch auf den ganzen Film zu. Regisseur Ted Demme ("Beautiful Girls") erzählt die unglaubliche, aber wahre Biografie vom Aufstieg und Fall des Drogendealers George Jung derart ungerührt, schlafwandlerisch und ohne Bodenhaftung, dass die Figuren kalt wirken und einem so fremd bleiben wie ein Kokser auf einer Premieren-Party.

"Don't get high on your own supply" (etwa: "Dröhn' Dich nicht mit Deinem eigenen Stoff zu"), heißt es in Brian De Palmas "Scarface" von 1983 ­ und doch hängt Al Pacino als Mafiaboss schon mal mit dem ganzen Gesicht in Bergen von Koks. Auch Jung konnte nie die Nase vom eigenen Stoff lassen. Mitte der achtziger Jahre war der Mann, der laut Akten des FBI in den späten Siebzigern rund 90 Prozent des Kokainschmuggels in die USA kontrollierte, ein Drogenwrack; verraten von seinen Geschäftspartnern, verlassen von seiner Frau, verhaftet von der Polizei.

Erst macht man das Geld, dann hat man die Macht und kriegt die Frauen, heißt eine weitere Devise aus "Scarface". Und obwohl Jung selbst bekennt, sich mit dem Drogenhandel seinen persönlichen amerikanischen Traum erfüllt zu haben, lässt Demme ihn von Depp spielen wie jemanden, der nicht weiß, was er tut.

"Blow"-Stars Depp und Potente (r.): "Total unwirklich"
Kinowelt

"Blow"-Stars Depp und Potente (r.): "Total unwirklich"

Leichenblass und lebensmüde, sanftmütig und sorglos schlurft er durch episodisch anmutenden Szenerien aus Sex, Drugs & Crime, in die er eher durch Zufall hinein zu schliddern scheint. Ein entrücktes Gespenst und verrückter Ami, der zunächst für einen schwulen Friseur (Paul Reubens) im Hippie-Paradies am kalifornischen Strand Marihuana verhökert, dann das Gras mit einem geklauten Privatflieger säckeweise direkt bei mexikanischen Hanfbauern abholt und schließlich zum wichtigsten Handlanger des kolumbianischen Drogenbosses Pablo Escobar (Cliff Curtis) wird.

"How A Small Town Boy Made 100 Million Dollars With The Medellin Cocaine Cartel And Lost It All", hat Jung tragikomisch seine Lebensbeichte genannt. In der irrwitzigsten Szene des Films sitzt Jung mit seinem Partner Diego Delgado (Jordi Mollà) in einem Hotelzimmer, das bis ins Klo und an die Decke mit Dollarscheinen vollgestopft ist. Das illustriert sehr schön den Schneesturm, der in den Siebzigern über die amerikanische Gesellschaft hereinbrach, als Kokain vom Jet-Set wie Kaviar auf silbernen Tabletts serviert und auch von Regisseuren des New Hollywoods kräftig konsumiert wurde. Über Francis Ford Coppola wird kolportiert, er habe "Apocalypse Now" völlig zugekokst inszeniert, während Martin Scorseses Kokainsucht die Dreharbeiten zu "The King Of Comedy" fast zum Desaster werden ließ.

Scorsese drehte dann 1990 mit "GoodFellas" einen Abgesang auf die Mafia und das Kokain, in dem Ray Liottas Gangsterkarriere mit Wahnvorstellungen endet. "GoodFellas" und auch "Scarface" haben so viele Parallelen zu Jungs Geschichte, dass Demmes Biopic nun oft jenen beiden Filmen ähnelt. Zumal ihm auch keine eigene Dramaturgie eingefallen und nicht mal ein Sittengemälde gelungen ist. Demme zappt nur plakativ durch die Dekaden, von Jungs Kindheit in den fünfziger Jahren mit seiner zickigen Mutter (Rachel Griffiths) und seinem schwächlichen Vater (Ray Liotta), der heiteren Aussteigerphase in den Sechzigern an der Seite seiner Freundin Barbara (Franka Potente), dem rauschhaften Aufstieg in den Siebzigern und seiner leidenschaftlich-desaströsen Ehe mit der rassigen Schönen Mirtha (Penélope Cruz).

Drogendealer in Bedrängnis: Kokain entfachte einen Schneesturm über der amerikanischen Gesellschaft
Kinowelt

Drogendealer in Bedrängnis: Kokain entfachte einen Schneesturm über der amerikanischen Gesellschaft

Die Stimmungen und Sets der jeweiligen Jahrzehnte sind zwar gut getroffen, und Depp sieht auch so leidend aus wie kein Zweiter, die Gefühle dahinter kommen allerdings nie wirklich zum Vorschein. Steven Soderbergh hatte kürzlich erst mit "Traffic" virtuos und bewegend die Mechanismen und Abhängigkeiten beim Konsum und Handel mit Drogen vorgeführt. In "Blow" aber ist zwischen Jungs Unbekümmertheit der Anfangstage und seinem Gleichmut und Realitätsverlust der letzten Jahre kaum ein Unterschied auszumachen. Indem Demme den Wechsel von der Unschuld des Kiffens zum dekadenten Zynismus des Kokainschnupfen verpasst, bleibt mit Jungs Freudschem Verhältnis zu seinen spießigen Eltern nur ein fades, fragwürdiges Motiv zurück.

Demme führt uns Jung in der jenseitig stilisierten Welt eines Zombies als Opfer vor, der sein kriminelles Schaffen nicht reflektieren kann (was der echte Jung in seinem Buch sehr wohl tut), der nicht mal mit seinem Scheitern als Gangster oder Versagen im Leben hadert, sondern still und hilflos untergeht.

"Blow". USA 2001. Regie: Ted Demme; Drehbuch: David McKenna, Nick Cassavetes; Darsteller: Johnny Depp, Penélope Cruz, Ray Liotta, Franka Potente, Rachel Griffiths. Länge: 124 Minuten; Verleih: Kinowelt; Start: 26. Juli 2001.



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