Dokus über Marley und Rasta Märtyrer in Marihuana-Schwaden

Bob Marley war der erste Superstar aus der Dritten Welt: Mit einem Kinoporträt setzt Oscar-Preisträger Kevin Macdonald der Reggae-Ikone jetzt ein stimmungsvolles Denkmal. Die Hintergründe zur Rastafari-Kultur liefert aber ein anderer Film - "The First Rasta" von Hélène Lee.

Studiocanal

Von Jörg Schöning


Elf Kinder werden ihm zuerkannt, von sieben verschiedenen Müttern. Doch tatsächlich hat Bob Marley noch ein paar Millionen Nachfahren mehr. Schließlich darf der Sänger aus Jamaika als geistiger Vater aller Wollmützenträger gelten. Nicht nur hat er den weltweiten Protest junger Menschen gegen den Globalisierungsdruck und das "Babylon System" des Westens musikalisch maßgeblich inspiriert, mehr als 30 Jahre nach seinem Tod ist der Musiker auch noch immer unverändert präsent.

Demnächst dürfte er einen weiteren Popularitätschub erfahren: Mitte Mai kommt mit "Marley" eine aufsehenerregende Filmbiografie in die deutschen Kinos - und zeitgleich erscheint ein Doppelalbum mit einer kanonischen Auswahl von zwei Dutzend Hits. Zusammengestellt haben es Marleys Witwe und Erbin Rita sowie Chris Blackwell, der Marleys Platten seit den siebziger Jahren produzierte und nun mit Ziggy Marley, Ritas Sohn, auch zu den Produzenten des Kinofilms gehört.

Es bleibt also alles in der Familie: Mit "Marley", der am 17. Mai in die Kinos kommt, hat der britische Regisseur Kevin Macdonald ("Last King of Scotland") eine Bildfolge geschaffen, die den gleichnamigen Soundtrack illustriert, statt umgekehrt. Sein "Marley" ist ein ebenso kompetenter wie konventioneller Musikfilm, montiert aus Konzertaufnahmen und Interviews. Außer Familienmitgliedern und Freunden kommen Musiker der Wailers, Marleys ehemaliger Band, zu Wort. Darunter sind auch solche, die sich wie der 1987 ermordete Peter Tosh recht früh von Marley trennten oder wie der Dub-Exzentriker Lee "Scratch" Perry eher Distanz zu ihm hielten.

Größe der jamaikanischen Politik

Gleichwohl bleibt Bob Marleys Andenken ungetrübt, und so ist der Film, trotz des traurigen Endes, eine fetzige Sache. Zum einen kann er auch dem unmusikalischsten Laien beibiegen, wie Reggae entstand und was ihn ausmacht - nämlich dieses unwiderstehliche "chaka chaka chaka", das das eher träge "chak chak chak" des Ska ablöste, weil in einem Aufnahmestudio zufällig ein Hallgerät herumstand, an das man die E-Gitarre anschließen konnte. Vor allem aber entfaltet "Marley" eine Vita, die tatsächlich zu einer großen Erzählung wird.

Sie berichtet vom allseits benachteiligten "Mischlingskind" aus einem Armenghetto in Kingston, das mit Hilfe der Musik den Nimbus des Vaters - eines englischen Kolonialoffiziers - weit überflügelt, international berühmt und damit zu einer eigenständigen Größe der lokalen Politik wird, an die sich Heilserwartungen seiner Landsleute knüpfen. Als in Jamaika Mitte der siebziger Jahre ein Bürgerkrieg zwischen Anhängern des sozialistischen Premiers und seines konservativen Opponenten droht, betritt Bob Marley mit einem Gratiskonzert für alle sichtbar die politische Bühne.

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Filme zu Bob Marley und Rasta-Kultur: Der erste König von Jamaika
Prompt wird Marley Opfer eines Attentats: Ehe er im Dezember 1976 in Kingston vor den jubelnden Volksmassen zur Gitarre greift, präsentiert er seine Schusswunden im Rampenlicht. Aus Angst um sein Leben hat Bob Marley Jamaika kurz darauf verlassen, fünf Jahre später starb er an Krebs, der "Krankheit der Weißen". Kevin Macdonald erzählt dieses Schicksal als Lebensgeschichte eines politischen Märtyrers nach.

Allerdings weist diese Lebensgeschichte auch einige Leerstellen auf. "Marley" zeigt den Reggae-Star - der bekennende Rastafari, der er auch war, tritt dabei in den Hintergrund. Zu Marleys geistigem Background verrät der Film nicht viel. So bleiben Fragen offen: Was hat der äthiopische Kaiser Haile Selassie in Jamaika verloren? Und warum wird hier von den Rastafari das indische Wort "Ganja" für Marihuana verwandt?

Spirituell legitimierter Drogenanbau

Aufschlüsse gibt ein kleiner Dokumentarfilm aus Frankreich, der schon am 26. April in die Kinos kommt und die Biografie des Rastafari-Predigers Leonard Howell rekonstruiert. Nur ein einziges Foto von ihm stand der Regisseurin Hélène Lee dafür zu Verfügung. Trotzdem ist ihr mit "The First Rasta" ein Porträt gelungen, das die religiös-revolutionäre Ideenwelt des weithin vergessenen Kämpfers aus der karibischen Kolonialzeit erhellt. Nicht nur als Anführer einer Ökokommune stellt sie ihn vor, sondern auch als Freund der indischen Immigranten auf Jamaika und des spirituell legitimierten Drogenanbaus.

Seine turbulenten Wanderjahre illustriert sie mit Bildern aus Wochenschauen und Juke-Box-Filmen mit Jazz-Aufnahmen; für seine Jahre auf See macht sie sich Eisensteins "Panzerkreuzer Potemkin" zunutze. Sie hat mit Angehörigen und alten Jamaikanerinnen gesprochen, die sich zögernd an Howell erinnern. Manches wissen auch sie nur vom Hörensagen: Große Teile seines Lebens hat er im Gefängnis, im abgelegenen Tropenwald und im Irrenhaus verbracht.

Noch heute gilt Leonard Percival Howell (1896-1981) auf Jamaika als ein "Mystic Man". Um so frappierender ist es, mit welcher Stringenz "The First Rasta" belegt, wie in dieser ominösen Gestalt die disparatesten Geistesströmungen des frühen 20. Jahrhunderts zusammenfließen: kommunistische Heilsversprechen, die er als Seemann auf Bananendampfern der United Fruit Company aufschnappt; hedonistisches "Savoir vivre", wie es ihm in New York in der schwarzen Bohème von Harlem begegnet; panafrikanisches Einigungstreben, das in dem ursprünglich sich "Ras Tafari" nennenden Haile Selassie einen schwarzen Erlöser entdeckt.

Das "Babylon System", gegen das Bob Marley ansang, hatte Leonard Howell schon früh als Feind der schwarzen Jamaikaner ausgemacht. Die Konsequenzen für die Weltmusik sind in "Marley" zu hören. Wer aber wissen will, welche Kulturgeschichte sich in den Klängen des Reggae verbirgt und warum das Grün-Gelb-Rot der äthiopischen Flagge Wollmützenträger überall auf der Welt ziert, dem ist "The First Rasta" sehr zu empfehlen.



insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
el_p 26.04.2012
1.
Ein schöner Artikel über eine schöne Musikrichtung. Es ist wichtig sich auch ein wenig mit dem Rastafari auseinander zu setzen, den finde ich schon etwas kritisch, denn die wenig Gläubigen sind zwar friedfertig und wirken immer recht lieberal (grade weil sie in Friedensbewegungen und bei Gleichberechtigungsforderungen für Schwarze, sehr aktiv sind), aber die Religion an sich hat Elemente die viele, grade in Europa, bei anderen Religionen scharf kritisieren. zu nennpatriachalischen wären da z.B. die Rechte der Frau, denn es ist schon recht patriachalisch mit Männern an der Spitze und die etwas unterschwellige Homophobie. Es wirkt auch alles recht krude mit dem alttestamentlichen Zeug und dieser ganzen Kaiser-Sache. Dann muss man wieder zugeben, dass Rastafari so dezentral ist, das nicht jeder Raster an das selbe glaubt wie der andere. Das ist eine gute Voraussetzung für Reformation. Zwei letzte Sätze zum "neuen" Album, ich denke das ist grade die Sorte von Musik und der Künstler, bei dem es eigentlich so sein sollte, dass alle Menschen freien Zugang zu ihr haben sollten, und durch digitale Downloads wäre es zumindest schonmal für viele möglich. Ob ich mir das kaufe mache ich klar vom Preis abhängig, denn das meiste davon hab ich schon im Regal stehen und da muss man nich nochmal 20€ blechen.
dieterdax 26.04.2012
2.
Als Kiffer und Musikfreund kann ich bis heute kein bisschen nachvollziehen was die Welt und insbesondere die Deutschen an diesem schwer homophoben, frauenfeindlichen Hänger eigentlich findet.
liberomex 27.04.2012
3. Wieso Frauenfeind?
Zitat von dieterdaxAls Kiffer und Musikfreund kann ich bis heute kein bisschen nachvollziehen was die Welt und insbesondere die Deutschen an diesem schwer homophoben, frauenfeindlichen Hänger eigentlich findet.
Klar, und die sieben Frauen (Mütter seiner Kinder) hat er vermutlich alle vergewaltigt. Aber dann passt das mit dem Hänger auch wieder nicht, sonst hätte er das wohl nicht so hingekriegt.
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