Bollywood Der Kitsch-König und seine Prinzessinnen

Halbgötter aus Bollywood: Die Stars der indischen Filmindustrie - allen voran der Superstar Shahrukh Khan - erobern von Asien aus die restliche Welt. Auch in Deutschland finden sich immer mehr Fans des Trash-Kinos made in Mumbai.
Von Silja Schriever

Selbst die "Louisiana Star" verneigt sich vor dem König. Als der indische Superstar Shahrukh "King" Khan am vergangenen Sonntag am Hamburger Fischmarkt an Bord des Schaufelraddampfers geht, stürmen rund 500 Besucher Richtung Steuerbord - und sorgen für gehörige Schieflage.

Fackeln und roter Rauch rahmen den Weg des 39-jährigen Bollywood-Stars auf das 56 Meter lange Touristenboot. Daneben ein paar vom Veranstalter an die Absperrung montierte Palmenwedel und schließlich kreischende deutsche, deutsch-indische und deutsch-afghanische Fans, überwiegend weiblich. Der König gibt ein Gastspiel in Deutschland.

Shahruhk Khan ist der größte Filmstar der Welt, zumindest wenn man die absolute Anzahl seiner Fans als Maßstab nimmt. Allein in seiner Heimat Indien leben mehr als eine Milliarde Menschen. Dort kennt man ihn, dort liebt man ihn. Auch Millionen Afghanen, Pakistani und andere Asiaten verehren den jüngst in seiner Heimat zum "mächtigsten Mann Bollywoods" gekürten Schauspieler und Produzenten. Und sogar in den USA und in Europa findet Khan, auch liebevoll SRK oder schlicht "King" genannt, immer mehr Liebhaber und Liebhaberinnen. Noch sind die meisten Fans außerhalb Asiens überwiegend in Metropolen wie New York und London zu finden, wo Exil-Inder und Pakistani leben. Doch auch in Deutschland wächst die Bollywood-Fangemeinde kontinuierlich.

Der TV-Sender RTL2 hat daran einen beträchtlichen Anteil. Vor knapp drei Wochen präsentierte der Sender zum dritten Mal einen Bollywood-Schinken in der Primetime, aufwändig aus dem Hindi synchronisiert. "Main Hoon Na" oder "Ich bin immer für dich da" mit Shahrukh Khan in der Hauptrolle holte 15,8 Prozent Marktanteil bei den 14- bis 29-Jährigen, für den Münchner Sender ein großer Erfolg. Die Story ist eine kitschige Melange aus Action-Film mit aus "Matrix" und "Mission: Impossible 2" geklauten Elementen und einer Prise "Feuerzangenbowle": Der Elitesoldat Major Ram (Khan) schleust sich als Schüler in ein College ein, um die Tochter des Generals vor einem gefährlichen Terroristen zu schützen.

"Die Storys unserer bisher ausgestrahlten Produktionen sind zwar im indischen Umfeld erzählt", sagt RTL-2-Sprecherin Joyce Mariel, "sie würden aber überall auf der Welt funktionieren." Der inhaltliche Aufbau sei an die Ayurveda-Lehre angelehnt: Genau wie jedes gute Essen alle geschmacklichen Komponenten enthalten sollte, hat jeder Bollywoodfilm Spannung, Liebe, Witz, Trauer und Schräges zu bieten. Dazu wird jeder Film von mindestens fünf Gesangs- und Tanzeinlagen unterbrochen. Sex wird wegen der strengen indischen Zensur nie thematisiert. Der erotischste Moment ist ein angedeuteter Kuss auf den Hals.

Die gigantische indische Filmindustrie mit ihrem Hauptsitz in Bombay (heute offiziell Mumbai) produziert weit mehr Filme als Hollywood, an die 1000 Produktionen in 52 Sprachen entstehen jedes Jahr in "Bollywood". Meist kommen zuckersüße dreistündige Heile-Welt-Werke heraus, es sind jedoch auch Horrorfilme und mitunter auch durchaus anspruchsvolle Dramen darunter. Die überwiegende Mehrzahl ist jedoch eine für westeuropäische Zuschauer oftmals kaum fassbare, aber auch faszinierende Trash-Kultur, ein wilder Mix aus Action, Melo-Kitsch und Musical.

Kino hat eine lange Tradition in Indien. Die Filmbranche gehört zu den ältesten Industrien auf dem Subkontinent und ist heute ein Milliardengeschäft. Der erste kommerzielle Film Indiens wurde im Jahr 1913 gezeigt. Mittlerweile arbeiten fünf Millionen Menschen direkt oder indirekt für die indische Filmindustrie. "Bollywood ist sehr wichtig für unser Land und hat einen starken Einfluss auf die populäre Kultur", sagt Manoj Kumar Mohapatra, Second Secretary der Indischen Botschaft in Berlin. "Nicht nur für Indien und den Rest des indischen Subkontinents, auch für den Mittleren Osten, einige Länder in Afrika, Teile Südostasiens und für die südasiatische Diaspora weltweit."

Shahrukh Khan und bekannte Filmprinzessinnen wie Aishwarya Rai oder Preity Zinta werden wie Halbgötter gefeiert. Das ganze Bollywood-Kino wird getragen vom stark entwickelten Starsystem, zu dem auch berühmte Regisseure gehören. Sie sind omnipräsent in Indien, wo ganze Familien nicht selten mehrmals in denselben Film gehen. 12.000 Kinos gibt es Indien. Ab und zu opfern Fans ihren Stars Blumen und Räucherstäbchen vor der Leinwand, SRK wurde gar ein Tempel geweiht. "Kino ist Indiens großer sozialer Gleichmacher: vom Präsidenten bis nach unten zum einfachen Schutzputzer", heißt es auf der offiziellen Website der indischen Metropole : "Jeder liebt einen guten Film."

"Monsoon Wedding" von Mira Nair war vor vier Jahren der erste große Erfolg des Bollywood-Kinos im Westen. Der eigentliche Bollywood-Boom in Europa begann ein Jahr später, nachdem der Film "Devdas" von Regisseur Sanjay Leela Bhansali in Cannes für Aufsehen unter Filmschaffenden sorgte. Das war auch einem auf Asien spezialisierten Filmverleih aufgefallen. "Wir mussten nur noch den richtigen Film finden, um einen Anfang zu machen", sagt Nina Lobinger von Rapid Eye Movies. Und den fanden sie mit "Kabhi Khushi Kabhie Gham" oder "Sometimes Happy, Sometimes Sad", einem Bollywood-Liebesepos mit den typischen üppigen Tanzszenen. Die erste DVD-Veröffentlichung folgte etwa ein halbes Jahr nach dem Kinostart. "Damit ist es uns gelungen, als Vorreiter für eine in Deutschland bisher unbeachtete Filmkultur zu fungieren", sagt Lobinger. "Rapid Eye Movies waren die Ersten, die sich so richtig an Bollywood herangewagt haben - und das mit Erfolg."

Vor allem der Verkauf der DVDs läuft seit der Kooperation mit RTL2 sehr gut. "Wir haben immer an Bollywood geglaubt und können mittlerweile den zahlreichen Skeptikern mit den Top-Ten-Platzierungen unserer Titel zeigen, dass es sich lohnt, neue Wege zu gehen und neue Dinge zu wagen", sagt Lobinger. RTL2 drückt im kommenden Herbst wieder auf die subkontinentale Tränendrüse - und bringt eine neue Reihe mit indischen Filmhits. Überzeugt vom Siegeszug des "Massala"-Films, der Gewürzmischung aus Romanze, Komödie und Melodram, den "Schmachtfetzen" aus Indien, ist auch Oliver Mahn, Leiter des Festivals "Bollywood and beyond" , das am 13. Juli in Stuttgart startet. Jedoch biete die indische Filmindustrie mehr als die großen Produktionen, die mit dem Label "Bollywood" in Verbindung gebracht werden. Nämlich "äußerst ambitionierte und auch inhaltlich relevante" Werke. Der Reiz liegt in der fremden Erzählweise, so Mahn. "Diese andere Ästhetik ist interessant, weil man sie als Westeuropäer nicht so gewöhnt ist. Mindestens 10.000 Gäste werden erwartet. "Ein Zeitphänomen", glaubt Mahn. "Das Bollywood-Kino vermittelt zentrale Werte wie Familienzusammenhalt. Die Leute finden heutzutage wieder mehr und mehr Gefallen an solchen traditionellen Ideen."

So mag es auch Anke Fahrländer gehen. Die 21-jährige Erzieherin aus Köln und Webmasterin der ersten deutschen Fanwebsite . Gerade mal seit November vergangenen Jahres, seit RTL2 den ersten synchronisierten Bollywood-Film mit SRK ausstrahlte, ist sie hin und weg. "33 Filme mit ihm habe ich bereits gesehen, 7 habe ich noch zu Hause." Sie fasziniere "einfach alles an ihm". Seine Ausstrahlung, sagt sie. Oder das, was er in Interviews sagt: "Wenn man wirklich will, kann man alles erreichen."

Auf der "Lousiana Star" saß Fahrländer am besten Tisch, wenige Meter vom Angebeteten entfernt. Eine Freundin hatte sich sofort nach Bekanntgabe des Termins die Karten gesichert. 270 Euro für ein paar indische Snacks, ausschließlich alkoholfreie Getränke - und eine Umarmung vom König.

"King" Khan selbst, im schwarzen Designer-Anzug mit weißem Hemd und rosa Krawatte, gibt sich glücklich. "Ich bin überwältigt von der großen Sympathie, die mir hier so schnell entgegengebracht wird. Es ist so süß, dass sogar viele ein bisschen Hindi gelernt haben." Aber mit diesem braunäugigen Schlafzimmerblick könnte er alles sagen, was er will. Man würde ihm glauben, dem König des Kitsches.

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