"Bombshell" Erst kommt das Make-up, dann die Moral

#MeToo im Herzen der US-Rechten: Der Film "Bombshell" erzählt, wie Fox-News-Moderatorinnen gegen sexuelle Übergriffe kämpfen - die politische Hetze des Senders aber ist kaum Thema.
Nicole Kidman tritt grotesk maskenhaft und keineswegs besonders sympathisch auf

Nicole Kidman tritt grotesk maskenhaft und keineswegs besonders sympathisch auf

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Hilary B Gayle/ Wild Bunch

Der amerikanische Fernsehsender Fox News ist ultrakonservativ und berüchtigt dafür, dass er die Welt für seine Zuschauer aufs Gröbste vereinfacht. Der amerikanische Kinofilm "Bombshell" ist fortschrittlich gesinnt und hat ausgerechnet dann seine stärksten Momente, wenn er sich der gleichen Mittel wie die Schwarz-Weiß-Maler von Fox News bedient.

Hier sind die Guten aufrecht erzürnt, mutig und meistens weiblich. Die Bösen sind geil, geldgierig und meistens männlich. Und auf oft erheiternde Weise leisten sich die Schauspielerinnen Charlize Theron, Nicole Kidman und Margot Robbie - allesamt auf der Seite der Guten - in diesem Film einen Willen zur Karikatur, den man nicht allein der plumpen Regisseursarbeit von Jay Roach anlasten kann. Roach hat zuvor so freundlich aufklärerische Filme wie "Trumbo" gedreht. In "Bombshell" macht er nun einen Krawall, als wolle er einen Kriegsfilm inszenieren.

Im Grunde handelt es sich tatsächlich um ein Himmelfahrtskommando ohne nennenswerte Aussicht auf Erfolg, zu dem sich die beiden Heldinnen im Zentrum dieser annähernd wahren Story entschließen. "Bombshell" erzählt, wie im Jahr 2016 die Fox-Starmoderatorinnen Megyn Kelly (ins TV-Studio getrampelt von Theron) und Gretchen Carlson (hingestelzt von Kidman) den scheinbar allmächtigen Senderchef Roger Ailes (schön schwabbelig in einem extra hübschen Bodysuit: John Lithgow) der sexuellen Belästigung beschuldigten.

Ausgerechnet im Sender Fox, dem vom Medienmogul Rupert Murdoch regierten Machtzentrum des konservativen Amerika, schwang sich das blondschopfige journalistische Bodenpersonal auf zur Attacke gegen eine Altmännerwirtschaft. Die Old Boys von Fox News waren auf den eigenen Chauvinismus nicht bloß stolz, sondern begriffen ihn als Geschäftsmodell. In ein paar anschaulich komischen Szenen führt "Bombshell" vor, wie der brünstige Kamerablick auf Frauenbeine von den Mackern aus dem Sender-Cockpit zu einer Art Markenzeichen der Fox-News-Programme verklärt wurde.

Was im Film nicht vorkommt

Man kann in Roachs Film nun sehen, wie eine junge Nachwuchsjournalistin, die rotbackig und anrührend von Margot Robbie gespielt wird, mit viel Ehrgeiz ihren Job in einer Großraumredaktionswabe des Erfolgssenders antritt. Von einer netten Kollegin (Kate McKinnon) wird sie zwar fröhlich für eine Liebesnacht benutzt, aber dann völlig alleingelassen mit einem Schockerlebnis.

Der quallige Lüstling, den der Schauspieler Lithgow in der Rolle des Roger Ailes verkörpert, zwingt die junge Frau in einer wirklich quälenden Szene, ihren Rock immer noch ein Stück höher zu heben. Auch hier ist der Film nicht wirklich auf psychologische Feinheiten aus, die von Robbie gespielte Figur zappelt entsetzlich in der Opferfalle. "Bombshell – Das Ende des Schweigens", heißt der Film in den deutschen Kinos. Tatsächlich ist er ununterbrochen damit beschäftigt, das Offensichtliche im Brüllmodus zu formulieren.

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Sexuelle Belästigung im Machtzentrum des konservativen Amerika

Foto: Hilary B Gayle/ Wild Bunch

In den wenigen ruhigeren Passagen des Films hat man den Eindruck, hier würde das Publikum in die oft ziemlich absurden Regeln des amerikanischen Rechtssystems eingeführt; vor allem aber bekommt es in "Bombshell" vorgeführt, mit welch lüsterner Doppelzüngigkeit das amerikanische Entertainmentgeschäft Skandale wie den des Roger Ailes verarbeitet. Die Darstellerinnen Kidman und Theron wurden mit allerlei Prothesen und maskenbildnerischen Tricks auf größtmögliche Ähnlichkeit mit zwei TV-Frauen getrimmt, die allerdings dürften in Europa nur wenige kennen.

Der Oscar für das beste Make-up und die besten Frisuren ging am Sonntag völlig gerecht an Vivian Baker, Kazuhiro Tsuji und Anne Morgan für ihre "Bombshell"-Schufterei. Aber was erzählt der Film eigentlich über die journalistisch mindestens zweifelhafte, nach Meinung mancher Kritiker nahezu hetzerische Arbeit, der zum Beispiel die echte Megyn Kelly vor der Kamera nachging? Genau besehen: so gut wie nichts. Dass Kelly beispielsweise den Fox-News-Zuschauern suggerierte, ein unbewaffnetes afroamerikanisches Polizeigewalt-Opfer wie Michael Brown sei irgendwie doch selbst schuld an seinem Tod durch Cop-Kugeln, hat in den USA für eine Menge Aufregung gesorgt. Im Film kommt es nicht vor.

Dreiste Verteidigung

Anders als in vielen klassischen Filmen über die Fernsehbranche - von "Network" (1976) über "Anchorman" (2004) bis "Der Moment der Wahrheit" (2015) - erzählt der Film von Jay Roach so gut wie nichts darüber, was deren Personal eigentlich so antreibt. Fernsehnachrichten sind hier ein Geschäft wie jedes andere, und zwar, wie es einmal großkotzig heißt, in der "am härtesten umkämpften Branche der Welt".

Theron und Kidman treten grotesk maskenhaft und keineswegs besonders sympathisch auf. Insofern zeigt der Regisseur Jay Roach eine Spur Mut zur Ambivalenz. Die Protagonistinnen tun, scheinbar ohne nachzudenken, ihren Job als Moderatorinnen eines oft menschenverachtend berichtenden und damit erfolgreichen Fernsehsenders. Sie haben es damit zu Ruhm gebracht. Jetzt entschließen sie sich zögerlich, öffentlich über die sexuellen Attacken ihres Macho-Chefs auszupacken. 

Filminfo

USA, Kanada 2019
Originaltitel: "Bombshell"
Regie: Jay Roach
Drehbuch: Jay Roach
Darstellende: Charlize Theron, Nicole Kidman, Margot Robbie
Verleih: Wild Bunch Germany
Länge: 109 Minuten
Freigegeben: ab 12 Jahren
Start: 13. Februar 2020

"Bombshell" ist ein Zeitdokument, das vermutlich nachgeborenen Generationen als Lehrmaterial dienen wird. Es gab schon eine Fernseh-Miniserien-Version des Falls Ailes, sie hieß "The Loudest Voice"; Naomi Watts spielte darin Gretchen Carlson, und Russell Crowe war Roger Ailes, wofür er einen Golden Globe gewann. Ein bisschen gemein könnte man sagen: Mit "Bombshell" ist die #MeToo-Bewegung nun endgültig in der Ästhetik des History Channel (der inzwischen nur noch History heißt) angekommen.

Der echte Roger Ailes ist übrigens 2017 gestorben, mit 77 Jahren. Im Kino kann man noch mal sehen, mit welcher Dreistigkeit er sich zu verteidigen versucht hat. "Habe ich je während einer Casting-Session Sex eingefordert?", fragt der Kino-Ailes. "Ich wette, sie finden keinen Beweis!" Dass sie einem Gruselkerl wie Ailes das Handwerk gelegt haben, ist das Verdienst der Moderatorinnen Carlson und Kelly. Zu echten Heldinnen taugen sie trotzdem eher nicht.

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