Bond-Abenteuer "Ein Quantum Trost" Durchgeschüttelt, ungerührt

Große Oper, einsamer Held: In "Ein Quantum Trost" setzt Regisseur Marc Forster die Neuerfindung James Bonds fort und schließt nahtlos an den grandiosen Vorgängerfilm an. Das wird ihm zum Verhängnis: 007-Darsteller Daniel Craig beeindruckt, der Film selbst bleibt blutleer.

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So viel Kunst war selten. In der wohl bildmächtigsten Szene des neuen Bond-Films liefert sich 007 ein stummes, stilisiertes Gefechtsballett in den blendend weißen Gängen des Bregenzer Opernhauses, während draußen auf der Seebühne mit dem riesigen Auge der zweite Akt von "Tosca" blutig und donnernd zu Ende geht. Puccinis Liebes- und Leidensgeschichte um die vielfach getäuschte Primadonna dient dem in der Schweiz aufgewachsenen Regisseur Marc Forster als plakative Kulisse und inhaltliche Metapher für seinen Agentenfilm, den 22. der berühmten Kinoserie um Ian Flemings Spion James Bond.

Denn "Ein Quantum Trost" ist eigentlich mehr große Oper als harte Action. Nahtlos anknüpfend an "Casino Royale" (2006), erzählt Forster, wie Bond (Daniel Craig) wutentbrannt und tief getroffen auf die Suche nach den zwielichtigen Gestalten geht, die seine Geliebte Vesper Lynd im Vorgängerfilm in ein Netz aus Lügen und schließlich in den Tod getrieben hatten. Rachsüchtig, zornig, niederträchtig, so kennt man den smarten Geheimagenten im Dienste Ihrer Majestät bisher nicht.

Aber das ist das Gute an der Neuerfindung einer eigentlich auserzählten Kinofigur: Man kann noch einmal von vorne anfangen und sie von ganz anderen Seiten zeigen. Den zynischen, abgebrühten Killer James Bond, dem alles egal ist, abgesehen davon wann er den nächsten Drink und die nächste Dame serviert bekommt, gibt es in dieser Urknall-Phase des Bond-Universums noch nicht.

Viril, aggressiv und unberechenbar wie Daniel Craig ihn in "Casino Royale" einführte und nun bei seinem zweiten Auftritt ausarbeitet, ist 007 Lichtjahre vom Image des saturierten Playboys mit der Lizenz zum Sprücheklopfen entfernt, das die Bond-Darsteller von Roger Moore bis Pierce Brosnan zementierten.

Ihre mythische Kinofigur noch einmal auf Null zu setzen, das ist und bleibt ein kluger Schachzug der mächtigen Bond-Produzenten Michael G. Wilson und Barbara Broccoli in diesem lukrativen Spiel mit Marken, Helden-Images und purem Kino-Eskapismus.

Doch all das wurde ja bereits beim Start von "Casino Royale" hinreichend gewürdigt. Gelingt es Marc Forster, der bisher für Dramen wie "Monster's Ball" und "Drachenläufer" bekannt ist, einem Actionfilm seinen Stempel, eine eigene Sprache aufzudrücken?

Ja und nein.

Die vielleicht größte Innovation von "Ein Quantum Trost" ist der Serien-Charakter des Films. Wilson und Broccoli haben ganz offenbar verinnerlicht, dass die größten Neuerungen filmischer Erzählkunst zurzeit nicht im Kino passieren, sondern im Fernsehen.

Vor allem amerikanische Serien wie "Lost", "Heroes" oder "Dexter" experimentieren mit mäandernden Narrativen, die den Zuschauer über viele Wochen fesseln, ohne auf starke, episodische Einzelfolgen zu verzichten. Der Zuschauer schätzt diese sequentielle Art des Erzählens, weil sie es erlaubt, Charaktere bis in tiefste Abgründe zu entwickeln und Geschichten labyrinthisch aufzufächern. Und wer, wenn nicht James Bond, ist einer der ältesten Serienhelden der Moderne?

Bisher allerdings musste jedes 007-Abenteuer in sich abgeschlossen sein, jeder Film hatte ein neues Setting, ein neues Thema, manchmal sogar einen neuen Hauptdarsteller. Damit ist vorerst Schluss, denn der neue Bond setzt exakt an der Stelle ein, wo "Casino Royale" endete. Es empfiehlt sich also, vor dem Kinobesuch den Vorgänger noch einmal anzuschauen, allein um sich die Geschichte Vesper Lynds zu vergegenwärtigen. Viel Zeit für Erklärungen nimmt sich Forster nicht.

Dieser direkte erzählerische Anschluss ist faszinierend in seiner Konsequenz, wirkt sich aber auch als Nachteil aus, denn Forsters Film leidet ohnehin stark unter dem Eindruck, den "Casino Royale" - neuer Darsteller, neuer Look, virtuoser neuer Stil - hinterlassen hat. Die Erwartungshaltung an "Ein Quantum Trost" ist immens, und der explizite Fortsetzungscharakter macht es nicht besser. Auch der Plot lässt wenig Spielraum: Bond muss die Schurken finden - und am Ende bleibt die Frage, ob er seiner Rache freien Lauf lässt oder ob Kontrolle und Pflichtgefühl obsiegen.

Folglich bestehen weite Teile des mit knapp 106 Minuten recht kurzen Films aus Verfolgungsjagden durch verschiedenste Gegenden der Welt: Bond wird einmal mehr zum gehetzten Touristen, der sein Sightseeing nicht mit der Kamera, sondern mit der Waffe in der Hand absolviert.

Die Action-Sequenzen, allen voran ein halsbrecherisches Duell auf einem Baugerüst in einem Kirchturm, sind rasant und elegant inszeniert, reichen aber an die Virtuosität des Vorgängerfilms und anderer moderner Action-Produktionen nur selten heran. Gerade die vielfach als bessere Bond-Epigonen geltenden Filme um den abtrünnigen CIA-Agenten Jason Bourne sind in ihrer Schnitt-Radikalität und Geschwindigkeit inzwischen wegweisender für das Genre als "Ein Quantum Trost".

Doch das mag am Ende vielleicht nur Hardcore-Fans interessieren. Regisseur Forster ging es vermutlich um etwas anderes, nämlich um die Frage, wie belastbar eine Psyche ist, die den Verlust eines geliebten Menschen verkraften muss. Dabei ist Bond ja mehr als ein normaler Mensch. Als Geheimagent muss er lernen, seine Emotionen unter Kontrolle zu halten. Und von dieser Werdung, Formung einer Kampfmaschine erzählen diese ersten beiden Bond-Filme neuer Prägung.

In "Ein Quantum Trost" wird 007 bis zum Äußersten gereizt, der Wettstreit zwischen Wut und Wille scheint ihn innerlich zu zerreißen. Selbst Übermutter "M" (Judi Dench) kriegt es in einer Szene mit der Angst zu tun und wähnt Bond außer Rand und Band, durchgedreht, abgekoppelt. Allein mit seinem Schmerz.

"Ich würde Dich gerne befreien", sagt Bond-Girl Camille (Olga Kurylenko) in einer Szene zu ihm und tippt ihm an die Stirn, als wäre er bekloppt: "Aber Dein Gefängnis ist hier oben drin".

Daniel Craig spielt dieses innere Drama eines extrovertierten Helden mit beeindruckender Physis und Präsenz. Seine Muskeln spannen sich unter schmutzigen weißen Hemden, seine Kiefer mahlen vor Anstrengung und Adrenalin, seine Augen blinzeln und tränen, als sei er eigentlich blind - vor Liebe und Hass.

Für so viele Emotionen - mehr gab es wohl noch nie in einem Bond-Film - kann es keine weltliche Erlösung geben. So arbeitet sich Bond denn auch vergeblich am Superschurken dieser Episode ab, dem skrupellosen Öko-Geschäftemacher Dominic Greene (Mathieu Almaric).

Der Öko-Spekulant verhilft einem General in Bolivien zum Putsch und erhält dafür ein vorgeblich wertloses Stück Wüste, unter dem Greene jedoch längst heimlich riesige Wasservorräte anstaut , die er dem General und seinem Volk nach der Machtübernahme für teures Geld verkauft.

Es ist angenehm, dass es in den neuen Bond-Filmen nicht um isolierte Witzfiguren geht, die mit absurden Apparaturen die Weltherrschaft anstreben. Die Bond-Bösewichte der neuen Generation sind authentisch wirkende, global agierende Ganoven, die sich den weltweiten Geld- und Datenfluss oder den drohenden Klimawandel als Profitquellen vornehmen - und dabei auch mit westlichen Regierungen und Geheimdiensten gemeinsame Sache machen.

Doch die vielen guten Einfälle, die visuelle Brillanz und Daniel Craigs überzeugendes Spiel, das sogar eine Knallcharge wie Top-Model Olga Kurylenko gut aussehen lässt, täuschen nicht darüber hinweg, dass "Ein Quantum Trost" am Ende auf recht wackligen Beinen steht, soll heißen: einer ganz schön dünnen Story.

Das Drehbuch von Paul Haggis ("L.A. Crash") war, so erzählt man sich, kaum mehr als eine Kladde, da der Oscar-Preisträger und Vielschreiber nicht rechtzeitig vor dem Ausbruch des Autorenstreiks in Hollywood fertig wurde. Dass die "Casino Royale"-Schreiber Neal Purvis und Robert Wade Hand anlegten und so für die große Kontinuität der Geschichte sorgten, merkt man deutlich - der Eigenständigkeit des Films war das nicht zuträglich.

So wird "Ein Quantum Trost" wahrscheinlich als der Bond-Film in die Geschichte eingehen, den man am besten im Doppelpack mit "Casino Royale" anschaut, in dessen Schatten er aber auch fortan stehen dürfte.

Marc Forster kann trotzdem stolz auf sein erstes Action-Abenteuer sein. Menschlicher, moralischer und miesgelaunter war Bond noch nie. Und das macht ihn umso liebenswerter.



insgesamt 595 Beiträge
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Seite 1
DoubleU, 24.10.2008
1.
Als Kind evtl. mal, aber spaät seit ich 20 oder so war bin ich fast peinlich berührt wg. diesen stets dümmlichen voraussehbaren, ewig gleichen plots. Ich gucke mir keinen freiwillig an! :-)
Shayla 24.10.2008
2.
Zitat von sysopEin neuer James-Bond-Film im Kino, stets ein besonderes Ereignis - auch für Sie? Wie stehen Sie zum Agentenstar? Ist Bond noch cool?
Jaaa, Bond ist Kult!
Taubenus 24.10.2008
3.
Zitat von sysopEin neuer James-Bond-Film im Kino, stets ein besonderes Ereignis - auch für Sie? Wie stehen Sie zum Agentenstar? Ist Bond noch cool?
Dieses Thread Thema hat mich weder geschüttelt, noch gerührt. Man lebt nur einmal ;-).
Skade, 24.10.2008
4. Werdegang
bei mir hat Bond diesen Wertegang genommen. Cool..immer das gleiche....Kult Durch das Tal "immer das gleiche" muss man erstmal kommen!
DJ Doena 24.10.2008
5.
Für mich ist Daniel Craig der erste wirklich interessante Bond.
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