Borges-Film entdeckt Hüter des verborgenen Schatzes

Jahrzehntelang war der einzige Kino-Auftritt des argentinischen Literatur-Stars Jorge Luis Borges verschollen - bis der Kameramann Tadeo Bortnowski die Aufnahme in Buenos Aires in seinem Schrank fand. Die restaurierte Fassung des Films ist jetzt auf der Frankfurter Buchmesse zu sehen.

Management Cultural/ Carlos Greco

Von Bettina Peulecke


Der alte Mann sitzt aufrecht an seinem Schreibtisch und beäugt nachdenklich das Messer in seinen Händen. 86 Jahre hat er auf dem Buckel, den er gar nicht hat, was schon erstaunlich ist, denn Tadeo Bortnowski ist Kameramann.

Ein paar Jahrzehnte hat er, Schulter unter Linse, mit seiner geliebten, französischen Debrie-Handkamera verbracht. Sie steht in der Ecke, grau und stoisch, und sieht eher aus wie ein Wandsafe, den man allenfalls per Gabelstapler transportieren könnte. Aber dieser Grand Seigneur des Zelluloids ist einer der wenigen ohne die weit verbreiteten Halswirbelsäulenprobleme seiner Zunft. Der Mann verfügt offensichtlich über ein sehr starkes Rückgrat - nicht nur physisch betrachtet.

Würde man sein Leben verfilmen, böte sich eine tragische-triumphale Trilogie an:

  • Tadeo ist in der polnischen Widerstandsbewegung aktiv, wird zum Tode verurteilt - für die Vollstreckung ist er zu jung - und überlebt zwei Jahre in einem sibirischen Konzentrationslager.
  • Tadeo wird Kameramann im zweiten Weltkrieg und gehört nach Kriegsende zu denjenigen, die die Exhumierung der Toten in den NS-Konzentrationslagern aufzeichnen.
  • Tadeo wandert nach Argentinien aus, wird Leiter des ersten visuellen Nachrichtendienstes des Landes und gründet seine eigene Dokumentarfilmfirma.

Und nun sitzt er in seinem Wohnzimmer im Olivos, einem nördlichen Stadtteil von Buenos Aires, dreht den Kopf und schaut den Gast aus Deutschland an. Sein Blick hat eine Tiefenschärfe, über die wohl nur Menschen verfügen, die ihr Leben lang von Beruf wegen Andere beobachtet und im doppelten Wortsinn in ihren Einstellungen festgehalten haben.

Schnitt. Nur damit keine Missverständnisse aufkommen: Das Messer ist eine Requisite aus einem Film, den Tadeo Bortnowski 1977 gedreht hat. Dreißig Jahre lang geriet er in Vergessenheit, lag hier in einem geräumigen, dunklen Holzschrank zwischen unzähligen anderen verstaubten Blechdosen vergraben, bevor er 2007 aus seinem Schattendasein wieder hervorgeholt wurde.

"Zum Glück, lächelt Tadeo, denn schon so mancher seiner wohlbehüteten Schätze hatte im Laufe der Zeit ein eher vampirisches Verhältnis zum Sonnenlicht entwickelt. Herausgekommen ist: "Borges - Ein südamerikanisches Schicksal" der einzige Film, in dem der Schriftsteller Jorge Luis Borges jemals als Schauspieler mitgewirkt hat.

Der fertige Film ist ein Ladenhüter

Der Kulturmanager Carlos Greco - ein entfernter Verwandter von Tadeo - hatte über Umwege gehört, es gäbe irgendwo einen Dokumentarfilm über den argentinischen Literatur-Star. Bei einer Familienfeier fragte er den Filmveteran, ob er vielleicht etwas darüber wüsste. Tadeo lud ihn zu sich nach Hause ein, kramte im Kleiderschrank und wurde fündig.

Rückblende: Der verstorbene Regisseur José Luis Di Zeo hatte zu Studienzeiten an der Filmhochschule in Lodz die polnische Übersetzerin von Borges kennen gelernt. 1976, nach der Rückkehr in seine Heimat Argentinien, richtete er dem Literaten ihre Grüße aus. Die beiden Männer trafen sich - und schließlich stimmte der bereits vollends erblindete Borges zu, bei dem Projekt mitzuwirken, über das Di Zeo schon längere Zeit nachgedacht hatte.

Mit Tadeo Bortnowski fand er einen erfahrenen Kameramann und Produzenten, dem es allerdings nicht gelang, den Film nach Fertigstellung zu verkaufen. Teils Dokumentation mit Erinnerungen und Erläuterungen des Schriftstellers, teils Verfilmung seiner Kurzgeschichte "El Sur" und der einzige Film, in dem Borges jemals in die Rolle eines von ihm selbst erschaffenen Protagonisten schlüpfte, das war nicht unbedingt eine vielversprechende Mischung für einen potentiellen Kassenknüller.



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tloen 07.10.2010
1. Na endlich...
Argentinien ist Gastland auf der Buchmesse und bisher kam mir weder hier bei SPON noch anderswo eine Geschichte über Borges über den Weg. Endlich hat sich das geändert. Zum Artikel: Borges wurde politisch angefeindet, weil er dem Pinochet-Regime positive Seiten abgewann, allerdings war er ein scharfer Peron-Gegner, und seine Essays und Erzählungen zum Thema Nationalsozialismus und Hitler sind von seltener Klarsicht. Das JLB ausgerechnet eine seiner gelungensten Erzählungen filmisch umsetzte, finde ich großartig. Das allein wäre einen Besuch der Frankfurter Messe wert. P.S. Letzte Zeile: Aber es handelt sich doch wohl um einen Plasmabildschirm, wie ich hoffe? ;-))
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