Box Office Viel Publikum für einen fiesen Film

Miese Kritiken, Mini-Budget, murrende Zuschauer: Das ist der Stoff, aus dem Blockbuster gemacht sind - zumindest im Fall des Exorzismus-Schockers "The Devil Inside", der die US-Kinocharts erobert hat. In Deutschland entthront ein französischer Überraschungshit beinahe "Sherlock Holmes". 

Schocker-Taktik: Suzan Crowley (links) und Fernanda Andrade in "The Devil Inside"
AP/ Paramount Pictures

Schocker-Taktik: Suzan Crowley (links) und Fernanda Andrade in "The Devil Inside"


Los Angeles/Hamburg - Ausgehungert müssen die jungen Männer gewesen sein, von der weihnachtlichen Kinodiät aus Filmen für die ganze Familie und anspruchsvollen Kandidaten für die Oscars. Also stürzten sie sich auf den erstbesten Film, der auf sie zugeschnitten ist. So lässt sich vielleicht der sensationelle Erfolg des Horrorfilms "The Devil Inside" erklären, der am Wochenende mit einem Einspielergebnis von 34,5 Millionen Dollar an die Spitze der amerikanischen Kinocharts stürmte.

Die Geschichte einer Frau, die Angst hat, vom Teufel besessen zu sein und wie ihre Mutter zur Mörderin zu werden, kostete nur eine knappe Million in der Herstellung. Es sei in Rumänien gedreht worden und im Team hätten einige Leute gleich zwei Jobs übernommen, erzählte der ausführende Produzent der "Los Angeles Times". Den fertigen Film des unabhängigen Teams kaufte dann das Paramount-Studio und vermarktete ihn offensiv übers Internet, um junge Erwachsene zu erreichen.

Der Plan ging auf: 59 Prozent der Zuschauer von "The Devil Inside" waren jünger als 25 Jahre, 85 Prozent unter 35. Allerdings waren die Meinungen der Zuschauer gespalten: Umfragen beim Verlassen der Kinos ergaben, dass 16 Prozent des Publikums dem Film die Bestnote gaben, 19 Prozent allerdings die schlechteste Note. Diese Zuschauer waren sich mit den professionellen Kritikern einig, die den Film fast einhellig verrissen hatten.

Dennoch ist das Modell der billig produzierten Schocker in Pseudo-Dokumentarfilm-Optik, das schon mit "Blair Witch Project" und "Paranormal Activity" große Erfolge hervorbrachte, offenbar noch immer nicht außer Mode - wenngleich der Kassenerfolg nicht lange anhalten dürfte.

"Mission: Impossible - Phantom Protokoll" hingegen hat zwar den Spitzenplatz verloren, lockte aber auch an seinem vierten Wochenende in den Kinos noch ein sehr ansehnliches Publikum an und spielte 20,5 Millionen Dollar an den Kassen ein. Den ersten "Mission: Impossible"-Film mit Tom Cruise wird "M:I 4" also schon bald überrundet haben, vielleicht ist sogar der bisher erfolgreichste Teil der Reihe, der zweite nämlich, erreichbar, mutmaßt der Branchendienst Box Office Mojo.

Mit nur geringen Verlusten gegenüber der Vorwoche kamen "Sherlock Holmes: Spiel im Schatten" auf Platz drei (14,1 Millionen Dollar) und David Finchers "Verblendung"-Remake auf Rang vier (11,3 Millionen). Fünfter wurde "Alvin und die Chipmunks 3" (9,5 Millionen).

Ein großer Aufsteiger ist inzwischen auf Platz neun angelangt: Die John-Le-Carré-Verfilmung "Dame, König, As, Spion" von Tomas Alfredson (Originaltitel: "Tinker, Tailor, Soldier, Spy") kam in bisher 809 Kinos auf ein Ergebnis von 5,77 Millionen Dollar - die großen Filme der Woche laufen in mehr als 2000 Kinos.

Asterix-Verhältnisse für "Ziemlich beste Freunde"

Die neue deutsche Nummer zwei ist Frankreichs zweiterfolgreichster einheimischer Film aller Zeiten: 290.000 Zuschauer wollten nach Angaben des Marktforschungsunternehmens Media Control die Komödie "Ziemlich beste Freunde" sehen, die von dem arbeitslosen Pfleger Driss und dem querschnittgelähmten Philippe erzählt.

"Les Intouchables", wie der Film im Original heißt, hat in Frankreich nun den Weltkriegskomödien-Klassiker "La grande vadrouille" ("Die große Sause", 1966) mit Louis des Funès und Bourvil in der Gesamtzuschauerzahl überrundet - nur "Willkommen bei den Sch'tis" hatte als französischer Film noch mehr Zuschauer in den französischen Kinos. In Deutschland war dies nach Informationen des Fachblatts "Blickpunkt:Film" der beste Start eines französischen Films seit "Asterix bei den Olympischen Spielen" im Jahre 2008.

Auf Platz eins in den deutschen Kinocharts blieb allerdings "Sherlock Holmes: Spiel Im Schatten" - 335.000 Zuschauer wollten Robert Downey jr. und Jude Law bei den Ermittlungen zuschauen; insgesamt haben nun schon 1,57 Millionen den Film gesehen. Um den dritten Rang stritten sich mit jeweils etwa 280.000 Zuschauern "Der gestiefelte Kater" und "Rubbeldiekatz". Der Kinderfilm "Alvin und die Chipmunks 3" kam auf Platz fünf vor "Mission: Impossible - Phantom Protokoll".

Während der erste Film der holländischen Chaoten, "New Kids Turbo", sensationell auf Platz eins der Kinocharts kam, muss sich der Nachfolgefilm "New Kids Nitro" mit Rang sieben und 160.000 verkauften Karten zufrieden geben. Doch damit blieben die holländischen Prolls mit großem Abstand vor einem deutschen Pseudo-Schüler: Die Fake-Doku "Jonas" mit Christian Ulmen erreichte nur knapp 30.000 Kinogänger - Platz 17. Stärker war da auch noch die türkische Produktion "Sümelas Code: Temel", die in nur 33 Kinos lief, aber von immerhin fast 40.000 Zuschauer gesehen wurde.

feb/dpa/AP/Reuters/AFP



zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.