Box Office Wenn Liam Neeson mit den Wölfen heult

Liam Neeson bleibt seinem erfolgreichen Action-Kurs treu. In seinem neuen Film "The Grey" schlägt sich der Schauspieler mit Wölfen durch die Kälte - zum Vergnügen des US-Kinopublikums. Deutsche Zuschauer schließen nach wie vor ziemlich zahlreich Freundschaft mit einem kleinen französischen Film.

AP


Los Angeles/Hamburg - Na klar, wer einmal einen Jedi-Ritter spielt, der kommt nachhaltig auf den Geschmack, als Action-Star gefeiert zu werden. Der Nordire Liam Neeson, 59, jedenfalls, hat sich seit seinem Durchbruch als Charaktermime in "Schindlers Liste" und einer Phase als Ersatz-Mel-Gibson ("Rob Roy", "Michael Collins") zum harten Mann vom Dienst gemausert - und wird vom Publikum dankbar angenommen, wenn man den Erfolg von jüngeren Action-Einsätzen Neesons wie "Taken" oder "Unknown Identity" bedenkt.

So erstaunt es einerseits nicht, dass sein Eiswüsten-Survival-Abenteuer "The Grey" am vergangenen Wochenende in den US-Kinos gestartet, auf Anhieb den Spitzenplatz der Box-Office-Charts eroberte - mit soliden 20 Millionen Dollar Umsatz in 3185 Kinos. Andererseits hatten Neeson und Regisseur Joe Carnahan ("Das A-Team") diesmal kein großes Studio mit großer Werbemacht im Rücken, sondern das unabhängige Start-up Open Road, das von den Kinoketten AMC und Regal gegründet wurde - und mit "The Grey" seine erste Nummer eins feiert. Dank Liam Neeson, dem angegrauten Action-Star du jour. Das Publikum für den eisigen Thriller war laut Branchendienst Box Office Mojo erwartungsgemäß gleichförmig: 54 Prozent Männer.

Actionreich, aber wahrscheinlich mit höherem Frauenanteil geht es auf Rang zwei weiter: Vorwochenspitzenreiter "Underworld Awakening" baute zwar 50 Prozent seines Umsatzes ab, nahm aber am Wochenende noch einmal 12,5 Millionen Dollar ein. Mit rund 45 Millionen Dollar in zehn Tagen ist das der bisher beste Wert, den ein Film aus der Vampir- und Werwolf-Saga mit Kate Beckinsale bisher erreichen konnte.

Action ist aber nicht gleich Action, wie "Avatar"-Star Sam Worthington an diesem Wochenende erfahren musste. Sein Thriller "Man on the Ledge" (Deutsch: "Ein riskanter Plan") startete mit mageren 8,2 Millionen Dollar, wahrscheinlich war dem Publikum die Mischung aus Heist-Movie und Selbstmörder-Thrill etwas zu kompliziert. Für Worthington gab es also nur Platz fünf.

Davor konnte sich mit der Komödie "One for the Money" (Deutsch: "Einmal ist keinmal") der neue Film mit "Grey's Anatomy"-Star Katherine Heigl platzieren, allerdings blieben auch hier einige Studioerwartungen auf der Strecke. Nicht nur, dass Heigl mit ihren letzten Filmen mehr Publikum angezogen hatte, das Studio Lionsgate hatte mit dem Internet-Rabattdienst Groupon kooperiert, um Tickets unters Volk zu bringen - eine Rechnung die vor allem beim weiblichen Publikum aufging, letztlich lotste man per Groupon-Coupon aber doch nur eine Million Zuschauer in die Kinos, die sich den Film ansonsten vielleicht eher später auf DVD angesehen hätten. 11,75 Millionen Dollar Umsatz ist wahrlich kein Ruhmesblatt an einem Wochenende ohne Familienfilm-Konkurrenz, zumal die Buchvorlage, ein Stephanie-Plum-Roman von Janet Evanovich, ein Bestseller ist.

Auf Rang vier hält sich das von George Lucas mitproduzierte Weltkriegsflieger-Spektakel "Red Tails", das noch einmal rund 10 Millionen Dollar umsetzte und damit in zehn Tagen auf einen stattlichen Umsatz von 33,8 Millionen Dollar kommt.

Und wie wirkten sich die Oscar-Nominierungen aus?

Bei den Oscar-Kandidaten, die vier Wochen vor der Verleihung auch in den Kinocharts konkurrieren, gibt es Licht und Schatten: Die Jonathan-Safran-Foer-Adaption "Extremely Loud & Incredibly Close" ("Extrem laut und unglaublich nah") profitierte nicht von der Nominierung als bester Film und baute mit einem Wochenendergebnis von 7,1 Millionen Dollar rund 30 Prozent vom Vorwochenumsatz ab.

"The Descendants" hingegen, Alexander Paynes fünffach nominiertes Hawaii-Familiendrama, legte um 176 Prozent zu und kehrte mit 6,5 Millionen Dollar Umsatz auf Platz sieben in die Top Ten zurück. "The Descendants", nun in rund 2000 US-Kinos zu sehen, liegt mit 58,8 Millionen Dollar Umsatz nun fast gleichauf mit Martin Scorseses "Hugo Cabret", der sich nach elffacher Oscarnominierung mit einem Plus von 143 Prozent in den Top Twenty hält. Die Stummfilm-Hommage "The Artist" hält sich mit 16,7 Millionen (plus 40 Prozent) auf Platz zwölf. Alle vier Filme wurden in deutlich mehr Kinos gezeigt als vor den Nominierungen am vergangenen Dienstag.

Verrückt nach Frankreich

Das alles interessiert die deutschen Kinogänger noch nicht so richtig, sie laufen lieber möglichst zahlreich in den kleinen französischen Film "Ziemlich beste Freunde", der sich nun schon in der dritten Woche in Folge auf dem Spitzenplatz der Charts halten kann. Am vergangenen Wochenende sahen noch einmal 615.000 Menschen in 695 Kinos die Komödie, damit sind fast drei Millionen deutsche Zuschauer erreicht. 4,6 Millionen Euro hat der Film laut Branchenblatt "Blickpunkt: Film" am Wochenende eingespielt - und damit im Gesamtergebnis den erfolgreichen Frankreich-Import "Willkommen bei den Sch'tis" bereits überholt. Der bislang erfolgreichste Film aus Frankreich seit 1980 ist "Asterix und Obelix gegen Cäsar" von 1999, den 3,5 Millionen Deutsche sahen. Da geht also noch was.

Bester Neustart des Wochenendes ist die Adam-Sandler-Komödie "Jack und Jill", die in 475 Kinos 1,4 Millionen Euro umsetzte und 200.000 Besucher lockte. Danach folgt mit "The Descendants" dann doch noch ein Oscar-Kandidat: Eine Million Euro Umsatz und 135.000 Besucher in 249 Kinos reichten für einen beachtlichen Erfolg und Platz drei. Wie es scheint, zieht der Name George Clooney zumindest in Deutschland noch die treuen Fans ins Kino.

David Finchers "Verblendung" kam am dritten Wochenende auf solide 110.000 Zuschauer (950.000 Euro Umsatz) und landete damit vor dem Kinderfilm "Fünf Freunde", der in 457 Kinos mit 150.000 Tickets 870.000 Euro einspielte.

Sam Worthingtons "Man on the Ledge" (siehe oben) startete mit 60.000 Besuchern (440.000 Euro) in 270 Kinos auch hierzulande bescheiden auf Platz acht. Und Oscar-Favorit "The Artist" konnte mit 55.000 Zuschauern (390.000 Euro) sogar nur Platz zehn erobern, allerdings lief der schwarzweiße Stummfilm auch nur in 109 Kinos an. Die in Cannes gefeierte Action-Stilübung "Drive" setzte mit 45.000 Besuchern 350.000 Euro um.

bor



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