Boxergeschichte Boxergeschichte: "Hurricane" - Für ein Land, das Helden braucht

Die wahre Geschichte des schwarzen Boxers Rubin Carter, der Opfer einer rassistischen amerikanischen Justiz wurde. Gut gemeint, gut gemacht - aber gefällig geglättet.

Von Nataly Bleuel


Denzel Washington im Rollkragenpullover
Buena Vista

Denzel Washington im Rollkragenpullover

Die Lehrstücke, mit denen wir als Kinder in der Schule traktiert wurden, waren "Karius und Baktus", etwas später wurden uns dann die Aufnahmen von KZs vorgeführt. Den allermeisten war das eine Lektion. Uns ging's gut, wir konnten lesen und schreiben, und pädagogisch-moralische Filme über die Diskrepanz zwischen Verfassung und strukturellem Rassismus waren nicht unbedingt vonnöten. In den USA ist das anders. Fast 16 Prozent aller Schulabgänger sind Analphabeten und zwei Drittel der Gefängnisinsassen sind Schwarze oder Latinos. Bei uns müssen nur wenige wie das Streetkid Lesra in "The Hurricane" sagen, sie seien die drittbesten der Klasse – obwohl sie weder lesen noch schreiben können. Daher haben die USA moralische Oberlehrmeister wie Steven Spielberg oder Norman Jewison, die der Bevölkerung "politische" Geschichten erzählen. Sie handeln von Guten und Bösen, zeichnen die Welt in schwarz und weiß und vermeiden strikt jede Grauzone – damit es auch jeder Depp verstehe.

"The Hurricane" ist eine Mischung aus nettem Karius und Baktus und den Grauen erregenden KZ-Aufnahmen. Hollywoodartig einwandfrei inszeniert, versteht sich, aber: politische Aufklärung adrett verpackt, ohne Irritationen. Der Film handelt von der authentischen Geschichte des Boxers Rubin "Hurricane" Carter, der im Jahre 1967 für Morde an drei Menschen, die er nicht begangen hat, lebenslänglich verurteilt wurde. Ein eklatanter Fall von rassistischer Fehljustiz, der die Nation ein wenig bewegte: Bob Dylan schrieb den Song "Here comes the Story of the Hurricane", die schwarze Bürgerbewegung war in vollem Gange, und Malcolm X, Martin Luther King und Muhammad Ali wurden zu Ikonen eines neu erwachten Selbstbewusstseins der Schwarzen. Doch erst nach 20 Jahren kam Carter frei; er ist heute 62 Jahre alt, lebt mit seiner weißen "Retterin" in Toronto und engagiert sich für unschuldig Verurteilte.

Der Regisseur baut aus Carter einen vorbildlichen Helden auf: guter Mann, als Kind schon gedemütigt, beginnt zu boxen, verliert - aus rassistischen Gründen – einen wichtigen Kampf, wird zeitlebens von einem rassistischen, weißen Cop verfolgt, läutert sich im Knast zum asketischen, quasi-buddhistischen Hero und wird dank des hilfreichen Einsatzes dreier Kanadier schließlich doch noch freigesprochen. Der allemal begabte, glatte und smarte Denzel Washington spielt Rubin Carter, der bei Haftantritt den Chanel-Dress eines unschuldigen Mannes nicht gegen die "schuldige" Knastuniform eintauschen will, sich durchsetzt und ergo sein ganzes verfilmtes Gefängnisdasein lang in schicken Rollkragenpullis, afrikanischem Tuch und randloser Intellektuellen-Brille fristet.

Der andere Erzählstrang dreht sich um den schwarzen Lesra aus Brooklyn, der von den drei kanadischen Kommunenmenschen aufgenommen wurde – der Junge soll aufs College gehen. Er liest sein erstes Buch ("The 16th Round" von Carter), ist augenblicklich politisiert, nimmt zu Carter im Gefängnis Kontakt auf und setzt so dessen Revisionsverfahren vor dem Supreme Court mit in Gang. Die Helfersyndrome ziehen von Kanada in die Nachbarschaft des Knasts, um den Kampf vor Ort zu leiten. Man spürt einen Hauch von Flirt zwischen Lisa und Rubin. In der Realität wurden die beiden ein Paar, doch im Film wird nicht weiter darauf eingegangen. Offenbar mochten die Produzenten dem amerikanischen Publikum eine gemischtrassige Liebesgeschichte nicht zumuten. Noch mehr Zurückhaltung übt der Film bei der Aufdröselung der fatalen Verstrickung von Polizei, Justiz und Gesellschaft, die praktisch nur am Rande erfolgt. Keine schockartige Erkenntnis wie in anderen Gerichtsfilmen, etwa in "Sacco und Vanzetti". Es wäre wahrscheinlich zu vertrackt und kompliziert gewesen. Das Ausmaß des strukturellen Rassismus wird personifiziert und eingedampft auf die Antipoden Carter und den fiesen Bullen Della Pasca. Engel und Monster, gut und böse, schwarz und weiß, entweder oder. So einfach ist das. Und deshalb doch wieder harmlos.

Natürlich, Denzel Washington hat eine große Szene, in der Einzelhaft, als er von zwei schizophrenen Stimmen verfolgt wird (Boxer, Hass, böse vs. Mensch, weinen, gut). Und so hat ihn die Academy, die amerikanische Generalinstitution für Absolution und späte Wiedergutmachung, für den Oscar nominiert. Denzel Washington gestand auf der Pressekonferenz, er habe vor dem Film nichts von Rubin Carter gewusst – und den Namen Abu Jamal noch nie gehört. Aber, da sind sich alle irgendwie einig: Rassismus ist schon schlimm und fernab, in den Slums und den Knästen, da gibt es ihn noch heute. Und wenn sie nicht gestorben sind...

"The Hurricane" ist ein glatt erzähltes Hollywood-Melodram, ein lehrreiches, mythologisierendes Rührstück von irgendwie wahren Begebenheiten. Aber. Soeben wird gemeldet: Jeder fünfte deutsche Jugendliche kann mit dem Begriff "Auschwitz" nichts verbinden. Sind wir vielleicht doch so weit, dass auch wir einen Spielberg oder einen Jewison brauchen?

"The Hurricane", USA 1999, Regie: Norman Jewison, Drehbuch: Armayan Bernstein, Dan Gordon - nach den Vorlagen von Rubin Carter "The 16th Round" und "Lazarus and Hurricane", Darsteller: Denzel Washington, Vicellous Reon Shannon, Dan Hedaya, John Hannah, Deborah Unger, Liev Schreiber, John Cale, Länge: 107 Minuten

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