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Brad Pitt: Der Weg zur Globalmarke

Karriereherbst eines Superstars Pitt, der Ältere

Aufbruch ins Robert-Redford-Land: "Ad Astra" und "Once Upon a Time... in Hollywood" zeigen ein Gesicht, das Filmgeschichte geschrieben hat. Über die möglicherweise letzten Sichtungen von Brad Pitt als Levi's-Posterboy.
Von Simon Rothöhler

Brad Pitt, das irritiert dann doch für einen Moment, geht langsam auf die sechzig zu. Vor über dreißig Jahren begann seine Karriere mit sehr viel Frisur (als Randy in "Dallas") und ohne Jeans, und vor diesem Kinosommer - vor "Once Upon a Time... in Hollywood" und dem diese Woche startenden "Ad Astra" - war anzunehmen, dass diese Karriere einfach immer so weitergehen würde. Weltstar-Autopilot, mittelinteressante Seitenlage. Ein gut durchtrainiert vor sich hin alterndes "20th Century Toy", wie es im T. Rex-Song heißt, der die ikonische Levi's-Werbung damals karriereprophetisch unterlegte. Das Bild eines Mannes, für den es okay ist, ohne Hose auf die Straße zu gehen (sofern dort ein Cabrio wartet).

Aus diesem Moment entstand eine über Jahrzehnte sichtbare Globalmarke, deren stabile Präsenz und Werthaltigkeit sich nicht zuletzt aus dem fortgesetzten Interesse an einem stets kontrolliert inszenierten Privat- und Familienleben speiste. Zwischendurch war die Nachrichtenlage auf dieser Ebene auch mal etwas turbulenter: Man hörte von familieninternen Übergriffigkeiten im Privatflugzeug und erfuhr von der Diskretion der relativ anonymen Alkoholiker in Los Angeles.

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Brad Pitt: Der Weg zur Globalmarke

Promimaterial wurde weiter zuverlässig lanciert: Angelina Jolie öffnete nach der Scheidung für eine "Vanity Fair"-Homestory alle Fenster der neubezogenen Beaux-Arts-Villa in Los Feliz. Pitt sprach derweil gut abgestimmt mit konkurrierenden Magazinen, deutete das ein oder andere Fehlverhalten an und lief zuletzt in Begleitung der "New York Times" durch das Griffith-Planetarium am Mount Hollywood - ohne von den Touristen erkannt zu werden, die nur gekommen waren, um den Hollywoodschriftzug zu fotografieren. Brangelina war endgültig Geschichte, alle, auch die beiden Hauptbetroffenen, zeigten sich erleichtert.

Pitt war in den letzten Jahren irgendwie immer da, auch wenn seine Filmauftritte - zugunsten einer ausgeweiteten Produzententätigkeit - zunehmend sporadischer wurden und die Rollen selbst konstant zum Vergessen waren. Oder erinnert sich noch jemand an General MacMahon ("War Machine", 2017) oder Geschwaderkommandant Max Vatan ("Allied", 2016)?

So war das im Grunde fast immer: Pitt hat mehrfach mit ambitionierten Regisseuren wie David Fincher und Terrence Malick zusammengearbeitet, aber etwas wirklich Herausragendes, Bleibendes, eine Figur, die popkulturell nachhaltiger wäre als der Jeans-Mann von 1991, den Ridley Scott in "Thelma & Louise" nochmals filmgeschichtlich konsolidiert hatte, war nicht darunter. Andererseits, muss man fairerweise dazusagen, gab es seit dem bedauernswerten Langhaarvampir, den schon 1994 niemand interviewen wollte, kaum Ausschläge nach unten, keine profund peinlichen Auftritte.

1994 in "Interview mit dem Vampir": neue Karrierephase?

1994 in "Interview mit dem Vampir": neue Karrierephase?

Foto: Francois Duhamel/ Sygma via Getty Images

Dann kam der Kinosommer 2019 und läutete, wenn nicht alles täuscht, eine neue Karrierephase ein. Dass Pitt seinen Karriereherbst als langen Spätsommer, als offensiv inszenierten Nachklang einer nun wirklich aufgebrauchten Juvenilität anlegen könnte, übersetzt sich in Quentin Tarantinos "Once Upon a Time... in Hollywood" in eine ganze Serie fast schon indiskreter Großaufnahmen, die kunstgeschichtlich als Studienbilder eines wohltemperiert gegerbten Faltenreliefs in Erinnerung bleiben dürften.

Hollywood schlaucht

Weiße Bartstoppeln auf legendär markantem Nussknackerkinn. Golden sonnenbestrahlt, aber keine weichzeichnerische Lichtsetzung, kein digitales Ausglätten und Gemorphe, sondern Aufbruch ins Robert-Redford-Land. Plötzlich war Pitt alt, die weiterhin essenzielle Coolness nunmehr Beiprodukt einer großen, gelebt wirkenden Müdigkeit. Hollywood schlaucht.

"Once Upon a Time..." versammelt denn auch ganz unmittelbar Spuren einer Schauspielarbeiterbiografie: Großartig die Szene, in der Pitt als asozial wortkarger Stuntman Cliff Booth zu vorgeblichen Reparaturarbeiten ein Hausdach am Cielo Drive erklimmt und dann - mit einem Seitenblick, der weit über die Grenzen dieser filmischen Welt hinausweist - auch noch einigermaßen grundlos, aber sehr demonstrativ, das knallgelbe T-Shirt auszieht.

Und nach dieser Ansage steht das Körperkapital einfach so da, wartet ausdruckslos auf die Filmklappe, das Schichtende. Die defekte Fernsehantenne hätte man, denkt sich der Laie, auch mit Oberbekleidung geraderücken können, aber so war das ja schon im Levi's-Knast, aus dem Pitt in Feinripp-Unterwäsche in die sogenannte Freiheit entlassen wurde. Neben dem schieren In-Form-geblieben-Sein, das vom Nichtsportler Tarantino prinzipiell würdigend ins Bild gesetzt wird, scheint sich in Pitts spätsommerlicher Posterboy-Ironie aber auch etwas Generationelles in Richtung Publikum zu artikulieren: Ihr seid mit diesem Body-Bild eurerseits alt geworden, hier nun vertragsgemäß Gelegenheit für eine möglicherweise schon letzte Sichtung.

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Immer mürber, leerer, affektbefreiter

Wenn Pitt diese Woche mit "Ad Astra", einem weiteren Hollywoodautorenfilm, in die Kinos kommt, kann von einer spielerisch-ironischen Bezugnahme auf die letztlich doch unüberwindbaren Limitierungen der eigenen Rollenbiografie schon keine Rede mehr sein. Geblieben ist in "Ad Astra" - einem sorgfältig inszenierten Weltraummelancholiefilm über Söhne, die warum auch immer Väter suchen und doch nur Tommy Lee Jones finden - vor allem diese karriereherbstliche Pitt-Müdigkeit. Hat alles schon gesehen, Mond, Mars und Neptun. Hat auch eine Paarbeziehung mit Liv Tyler, die in fast schon parodistisch wirkenden Kurzrückblenden als Klischee einer enttäuschten "großen Liebe" durch den Film irrt, überlebt.

Und wieder extensive Großaufnahmen, die in Pitts weltberühmtem Gesicht, das vor lauter Alleinsein in diesem "All" genannten Nichts immer mürber, leerer, affektbefreiter wird, nach lesbaren Zeichen, nach einer Vorgeschichte suchen. Warum ist dieser Mann so unendlich erschöpft, warum steigt sein Blutdruck nie?

Im Video: Der Trailer zu "Ad Astra"

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"Ad Astra" gibt einem jenseits des bedauernswert konventionell vorgetragenen Vaterkomplexes so wenig an biografischen, psychologischen Anhaltspunkten zu dieser Astronautensohnfigur, dass die Suche zwangsläufig immer wieder bei der Geschichte des Schauspielers Brad Pitt landet.

Blickt man auf das weitgehend austauschbare Personal, das sich gegenwärtig im Zentrum der Industrie, im Franchise-Blockbuster-Segment tummelt, könnte man beinahe feierlich werden:

Er, Pitt, der Ältere, ist einer der Letzten seiner Art.

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