"Brown Sugar" Der Sound fürs Leben

Eine Liebeserklärung an den HipHop: Regisseur Rick Famuyiwa porträtiert in seiner romantischen Komödie "Brown Sugar" die afroamerikanische Mittelklasse als Sinnsucher zwischen Beats und Rhymes.
Von Daniel Haas

"Ich traf ihn, als ich ein kleines Mädchen war", singt Erykah Badu in "Brown Sugar", dem Titelsong des Soundtracks, "er gab mir Poesie, er war mein Erster". Eine klangvolle Huldigung jener Kunstform, die die Pop-Kultur weltweit geprägt hat: HipHop. Common, Kool G Rap, Pete Rock und Method Man: Sie sind stilprägend im Rap, und Regisseur Rick Famuyiwa lässt sie in der pseudo-dokumentarischen Eingangssequenz erzählen, wie HipHop ihre große Liebe wurde.

Auch "Brown Sugar" versteht sich als Liebeserklärung an Beats und Rhymes im Gewand der romantischen Komödie. Seine Helden sind Protagonisten im New Yorker Musik-Business. Sidney (Sanaa Lathan) und Dre (Taye Diggs), sie Kritikerin, er Plattenproduzent. Romeo und Julia, getrennt nicht von feindlichen Familien, sondern vom Zeitgeist. Der verlangt ihnen oberflächliche Karrieren und unehrliche Liebschaften ab. Dre heiratet Reese (Nicole Ari Parker), eine Anwältin, die er begehrt, aber nicht liebt. Sidney flirtet mit Kelby (Boris Kodjoe), einem Basketball-Profi, verwehrt ihm aber den Sprung vom Sportsfreund zum Lebenspartner.

Sidney und Dre verbindet dieselbe Sehnsucht: Das Credo von HipHop einzulösen, "keepin' it real". Der wirkliche HipHop, so die Logik von "Brown Sugar", kommt von der Straße, ist eloquent und kritisch, rau und unangepasst. Nicht gestylt und mit Gangsterposen aufgemotzt wie Ren und Ten, das peinliche HipHop-Duo, das Dre im Auftrag seines Labels produzieren soll.

"Keepin' it real": Dafür steht in "Brown Sugar" unter anderem Mos Def, der einen Jung-Rapper spielt, mit dem Dre sein eigenes Label gründet. Und Queen Latifah, die First Lady des Rap, die gleich zu Beginn rät: Schnapp dir den, den du wirklich liebst, mit ihm kriegst du "the booty and the buddy" - den Körper und den Kumpel.

Sidney und Dre wollen das wahre Leben im falschen: Die wahre Liebe, den wahren Sound. Dass die Besitz- und Repräsentationsverhältnisse im HipHop seit den achtziger Jahren viel komplizierter geworden sind, tangiert "Brown Sugar" dabei nur am Rande. Was authentisch ist, wer sich tatsächlich Sachwalter der eigentlichen Rapkultur schimpfen darf, ist heute nicht mehr anhand von Chart-Platzierungen zu entscheiden.

Der Rapper 50 Cent zum Beispiel ist sowohl Opfer des amerikanischen Ghetto-Elends als auch aggressiver Selbstvermarkter. Konsequent kultiviert er das Image des Bürgerschrecks - so ließen sich bereits Millionen CDs absetzen. Gleichzeitig überbietet 50 Cents Leben noch jeden Video-Clip; seine Vita liest sich wie ein Polizeibericht. Der alte ideologische Grabenkrieg zwischen Mainstream und Untergrund muss spätestens dann hinfällig werden, wenn die Stars konkrete Wirklichkeit und Marketingstrategie in ihren Selbstentwürfen unentwirrbar vermengen.

Schwierig also, wenn die Musik dies alles regeln soll - die kulturellen wie die emotionalen Krisen. Die HipHop-Metapher wird deshalb auch arg strapaziert, vor allem, wenn Sidney im Off aus ihrem Buch über Black Music zitiert. Liebesworte, die dem Rap ebenso wie dem heimlich Geliebten gelten. Aber gerade das Bemühte an der Analogie trifft ins Schwarze: HipHop, sowohl ein Produkt der Massenkultur als auch genuiner Ausdruck afroamerikanischer Folklore und Innovation, ist außerhalb des Spannungsverhältnisses von Kunst und Kommerz, von Inszenierung und Authentizität, nicht zu denken. Und dies gilt eben auch für die Existenz des urbanen Mittelklassemenschen. "Keepin' it real" - ein schöner Traum und vielleicht nur im Kino wahr zu machen.


Brown Sugar (Brown Sugar)

USA 2002; Regie: Rick Famuyiwa; Darsteller: Taye Diggs, Sanaa Lathan, Mos Def, Nicole Ari Parker, Boris Koajoe, Queen Latifah; Verleih: Twentieth Century Fox; Länge: 109 Minuten, Start: 21. August 2003