Bühnenlegende Sir John Gielgud ist tot

Als Darsteller klassischer Theaterrollen wurde John Gielgud berühmt. Aber er war sich auch nicht zu schade, im hohen Alter für Peter Greenaway nackt vor die Kamera zu treten. Mit Gielgud ist die letzte britische Theaterlegende des 20. Jahrhunderts gestorben.

London - Sir John Gielgud, als bester Shakespeare-Darsteller seiner Zeit apostrophiert und als der beliebteste britische Schauspieler gefeiert, ist im Alter von 96 Jahren auf seinem Landsitz in der Nähe von Oxford gestorben. Den Gedanken an den Tod hat er immer ironisch verdrängt: "Manchmal denke ich, die Leute sehen das als eine Art unanständigen Wettstreit zwischen mir, dem Papst und Boris Jelzin an."

Gielgud begann seine Bühnenlaufbahn 1921 als 17-Jähriger am berühmten Londoner Old Vic Theatre und wurde dort ein paar Jahre später als Darsteller der großen Shakespeare-Rollen gefeiert. Von 1934 bis 1937 stand er als Hamlet in London und New York auf der Bühne - seine Gestaltung dieser Rolle ist Theatergeschichte geworden.

Die Filmkarriere des Schauspielers begann 1953, als er für seine Rolle als Cassius in "Julius Cäsar" einen Oscar bekam. 1981 wurde er für seine Darstellung des Dieners Hobson in "Arthur" ebenfalls mit einem Oscar geehrt. Seit er vor allem in den siebziger Jahren der anstrengenden Bühnenarbeit zu entfliehen suchte, war in in einer ganzen Reihe von Filmen zu sehen. Dazu gehören "Mord im Orient-Express", "Gandhi" und "Der Elefantenmensch" ebenso wie "Providence" von Alain Resnais oder "Prosperos Bücher" von Peter Greenaway.

Im Alter von 87 Jahren trat Gielgud für Greenaway nackt vor die Kamera: "Es war erst ein bisschen kühl, aber ich fand es nicht unanständig." Auf "Prosperos Bücher" und "Providence" war er ebenso wie auf die Fernsehfassung von Evelyn Waughs "Wiedersehen mit Brideshead" (1981) besonders stolz.

Erst Ende der sechziger Jahre begann der Schauspieler, auf der Bühne auch modernere Autoren zu spielen. 1975 gelang ihm ein großer Erfolg mit Harold Pinters "Niemandsland" in der Regie von Peter Hall. Gielgud hat im Gegensatz zu seinem großen Kollegen und Rivalen, dem 1989 gestorbenen Sir Laurence Olivier, niemals Theorien der Schauspielkunst entwickelt. Er verstand sich stets als Handwerker, als ein Pragmatiker, der möglichst wenige Fragen stellt. Als alter Mann fand er zunehmend Gefallen auch an leichten Stoffen - bis hin zu populären Fernsehserien.

1996 wurde der mittlerweile geadelte Sir John Mitglied des nur 24 Mitglieder zählenden Verdienstordens und erhielt damit die höchste künstlerische Auszeichnung Großbritanniens. In einem schlossartigen Anwesen aus dem 17. Jahrhundert lebte er seit Kriegsende mit dem 20 Jahre jüngeren Martin Hensler zusammen, machte sich aber öffentlich nie zu einem Vorkämpfer homosexueller Beziehungen. "Es ist für einen Schauspieler wichtig, eine stabile Beziehung zu haben", meinte er lediglich.

Gielgud, ein Meister des ironischen Understatements, war wegen seiner spitzen Zunge gefürchtet. Nachdem er einmal eine Hamlet-Darbietung des Hollywood-Stars Richard Burton durchlitten hatte, lud er diesen zum Abendessen mit den Worten ein: "Ich geh schon voraus. Komm doch nach, wenn es Dir wieder etwas besser geht." Mit seinem Alter kokettierte er gern: "Ich dachte schon 1944, dass ich alt und jenseits meiner Bestform sei", sagte er einmal, "ich glaube nicht an ein Leben nach dem Tode. Aber ich bin bereit, gebührend überrascht zu sein, wenn sich alles als wahr herausstellt."

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