Bullendrama "Bad Lieutenant" Junkie mit Dienstmarke

Er liebt eine Edelhure, raucht Crack, bekommt schließlich einen Orden: In Werner Herzogs Radikal-Neufassung des Klassikers "Bad Lieutenant" gibt Nicolas Cage den gefallenen Bullen mit tragikomischer Grandezza. Gott ist tot? Kein Grund, Trübsal zu blasen.
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"Bad Lieutenant": Nur noch ein letztes Crackpfeifchen

Foto: splendid film

Die Leiche des Gangsters liegt schon längst durchlöchert auf dem Boden, da erhebt sie sich noch einmal, um ein Tänzchen zu einer überhitzten Zydeco-Nummer aufzuführen. "Erschieß ihn noch mal, seine Seele tanzt immer noch", johlt Terence McDonagh (Nicolas Cage). Bei dem Cop aus New Orleans verbindet sich Gewaltfreude mit einer ordentlichen Portion Südstaaten-Spiritualität. Mag sein, dass die Mixtur aus Marihuana, Koks und Crack, mit der McDonagh seit einigen Monaten seine Rückenschmerzen bekämpft, den Blick fürs Übersinnliche stimuliert hat. Bei der aus dem Ruder gelaufenen Geldübergabe ist er jedenfalls der einzige der Anwesenden, der den fröhlich (in der Doppelbelichtung) zuckenden Gangster-Korpus sieht.

Voodoo-Zauber statt Katholizismus, Südstaaten-Lässigkeit statt italo-amerikanischer Sündenqual, Sumpfgestank statt Weihrauchschwaden: So lässt sich Werner Herzogs Generalüberholung des von Abel Ferrara bereits 1992 verfilmten Dramas "Bad Lieutenant" auf den Punkt bringen.

Während der New Yorker Ferrara seinen Helden (damals formatsprengend von Harvey Keitel verkörpert) als enthemmte katholische Seele in Szene setzte, die auf radikale Art um Erlösung rang, zeigt der bayerische Gewaltpragmatiker Herzog ("Fitzcarraldo") seinen bösen Lieutenant nun als sonderbar sympathischen Haudrauf, der die Idee von Schuld und Sühne völlig ins Leere laufen lässt. Gott ist tot - kein Grund, Trübsal zu blasen.

Wie gut wirkt doch Koks gegen Rückenschmerzen

Wen wundert es, dass dem Katholiken Ferrara angesichts der Säkularisierung seines martialisch religiösen Moralstücks vor Wut der Weihrauch aus den Ohren dampft. In amerikanischen Medien ließ er verbreiten, dass alle an diesem Film Beteiligten (inklusive seiner damaligen Produzenten, die auch jetzt wieder Geld gegeben haben) gefälligst zu Hölle fahren sollten. Aber das kann den Kollegen Herzog, der im Übrigen hartnäckig behauptet, das Original noch nie gesehen zu haben, nur kalt lassen: Die Hölle ist nun mal kein Konzept für ihn.

Die moralischen Implikationen der Geschichte scheinen Herzog herzlich egal zu sein. Während Ferrara seinen Helden in Kirchen und vor Kruzifixen platzierte, die Schuldhaftigkeit seines Handelns also in einer Art testamentarischen Echoraum ins Monströse hallen ließ, geht Herzog in die Perspektive von Echsen und anderem Sumpfgekreuch. Er hat ihnen sogar kleine Spezialkameras applizieren lassen. Eine Szene sieht man aus dem Blickwinkel eines Alligators - das Raubtier beobachtet also das Raubtier.

Obwohl: So richtig gefräßig ist dieser Terence McDonagh nicht. Denn während all die Kriminellen und Stadtoffiziellen, denen er auf seinen Touren durchs Revier begegnet, damit beschäftigt sind, das durch den Hurrikan Katrina verwüstete und verwahrloste New Orleans nach ihren Regeln neu abzustecken (der Film spielt zum Großteil kurz nach der Naturkatastrophe 2005), ist der Junkie mit Dienstmarke damit ausgefüllt, die Aufsicht der Asservatenkammer auszutricksen, um konfisziertes Koks rauszuschmuggeln. Eine richtig gute Figur macht er dabei nicht; mit jeder Nase gegen seine chronischen Rückenschmerzen bekommt McDonagh mehr Schlagseite.

Nur ganz selten noch ein Crackpfeifchen

Good cop, bad cop? Der Borderliner-Bulle, wie ihn Nicolas Cage hier mit tragikomischer Grandezza gibt, ist beides in einem. Für die Edelhure Frankie (Eva Mendes) lässt er sich schon mal von deren Freiern erniedrigen. Dampf lässt er dann auf den Parkplätzen vor irgendwelchen Discos ab, wo er kurz berockte reiche Mädchen Crack rauchen lässt, auf dass diese ihn dann bei vorgehaltener Waffe und in Anwesenheit ihrer Freunde befriedigen.

Als er in ein Drogenkomplott gerät, entwickelt der verlotterte Polizist eine ungeahnte Hartnäckigkeit: Er legt sich mit den mächtigsten Gangstern und Geldhaien der Stadt an, scheut aber auch nicht den Kampf mit renitenten Greisen. So zieht er in einer Szene einer reichen Alten die Sauerstoffmaske vom Gesicht, bis er endlich die gewünschten Informationen aus ihr herausbekommt.

Konsequenzen hat all sein Handeln nicht. Jedenfalls keine negativen. Er wird gar mit einer Medaille ausgezeichnet und darf mit der geliebten Hure samt Baby in eins der wenigen hübsch restaurierten Viertel von New Orleans ziehen. Nur noch ganz selten, quasi als Erinnerung an die guten alten Zeiten, gönnt sich der schizophrene Cop ein Crackpfeifchen.

Während auf Ferreras Helden 1992 also noch das Jüngste Gericht wartete, geht für Herzogs sympathischen bösen Lieutenant eben The Big Easy weiter, der von Nonchalance und Sinnenfreude geprägte Lebensstil von New Orleans. Wie heißt es doch in diesem Film, der bei aller nihilistischen Verderbnis eine krankhaft gute Stimmung verbreitet: Die Seele tanzt immer noch.

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